Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Anna Sethe, Jena, 22. Juni 1860

Jena 22.6.60.

Morgens 5 Uhr

Guten Morgen, mein liebster, süßester Schatz!

Glückauf aus unserm lieben Sehnsuchts- und Hoffnungsstädtchen! Gegenbaur schläft noch, und ich kann beim Glanz der jungen Morgensonne, in der die Vögel jubiliren, und beim Duft der Rosen, der in Fülle zum kleinen Fenster aus dem Gärtchen vor dem Hause hereindringt, ungestört mit Dir plaudern! Vor allem innigsten Dank für Deine lieben beiden letzten Briefe, von denen ich den ersten a zur rechten Sonntagsfreude am ersten Turntag Mittag in Coburg erhielt, den letzten gestern Nachmittag bei Gegenbaur. Dieser ist ganz besonders lieb, und für das reizende kleine Gedicht sollst Du später noch einen ganz besonderen Kuß haben. Du kannst denken, wie mir die lieben Worte aus der Seele gesprochen sind, und wie oft ich mir gestern den leiben Vers wiederholte:

„O kleine Stadt am Berge Du, Voll Fleiß und geistigem Streben, Schenk zweien Herzen endlich Ruh, die getrennt nicht können Leben.“

– So viel, viel hast Du mir gestern und heut beständig im Sinn gelegen, daß ich oft ganz geistesabwesend bin, und Gegenbaur und Bezolds Fragen überhöre, wovon sie den Grund glücklicherweis sehr wohl zu würdigen wissen. – Du wirst nun natürlich vor allem sehr neugierig b sein, zu wissen, wie es mit der Habilitation steht. Gestern Abend habe ich lange mit Gegenbaur und heute früh mit Seebeck darüber conferirt. Beide haben mich äußerst wohlwollend und entgegenkommend aufgenommen und werden meine Niederlassung in jeder Weise begünstigen.

Besonders drängt mich Gegenbaur dazu, in dessen eigenem Interesse es liegt, die Zoologie bei seiner Überhäufung mit andern Vorlesungen und Geschäften möglichst bald los zu werden. || Gegenbaur drängt mich sehr dazu, mich ja noch zu Michaelis zu habilitiren, damit mir nicht etwa sein eigner Assistent und Prosector, der ebenfalls Zoologie b lesen will, zuvorkomme. Dies ist jedoch ein Mann ohne Kenntnisse, und ohne Lust an der Sache, den ich also wohl als Nebenbuhler nicht zu fürchten haben würde. Immerhin wäre es freilich besser, wenn ich c schon zu Michaelis zu lesen anfinge. Aber ich sehe nicht die Möglichkeit ein, das Radiolaren Werk bis dahin fertig zu machen und das ist jetzt vor Allem die Hauptsache. Allein die 30 Tafeln werden mir 2 – 3 Monate kosten, der Text wenigstens 4 – 5, und dann bleibt noch die Masse anderer Arbeiten und Geschäfte, die ich, ehe ich nach Jena gehe, ordnen muß. Auch möchte ich gar zu gern noch vorher Öl malen lernen. Also wird es doch wahrscheinlich dabei bleiben, daß ich mich erst zumd Osterne habilitire. Die formellen Schwierigkeiten sind übrigens, da ich mich in der medicinischen Facultät habilitire, sehr gering, nur ein Vortrag vor der Facultät und eine Disputation, sonst Nichts. Meine Lust, hier zu bleiben, ist bei der Erneurung der Bekanntschaft mit den hiesigen Verhältnissen neu gewachsen. Bezold und Gegenbaur sind gar zu angenehme Gesellschafter und würden sehr liebe Collegen sein. Nur hat das wissenschaftliche Übergewicht derselben mein Selbstgefühl bedeutend dezimirt und ich traue mir kaum zu, ein leidlicher Nachfolger Gegenbaur’s zu werden. –

– Den Mittagstisch haben in sehr gemüthlicher Weise 4 junge Professoren zusammen (im Bären, im Garten) Bezold, Gegenbaur, Uhle aus Leipzig (innere Klinik) und Bernhard Schultze aus Greifswald (Max Schultze’s Bruder) für Geburtshilfe. Es geht daselbst sehr munter und lebendig zu und Abends treffen wir ebenfalls daselbst zusammen. Ich wohne bei Gegenbaur und tapzire mir seine Wohnung schon in Gedanken || für ein kleines Päärchen aus. Du kannst denken, wie mich überall auf Schritt und Tritt Dein holdes Bild umschwebt und wie alle meine Strebungen dadurch neue Spannkraft erhalten. Ach, liebste Änni, wären wir hier nur erst zusammen! Ich würde neues Leben und neue Thätigkeit entfalten. Des bisherigen Alleinlebens bin ich überdrüssig und ich gebe nichts darum, es länger so zu fristen. Ich komme mir ohne Dich so nüchtern, hohl und leer vor, daß mir vor mir selber graut, und ich mich, gegen früher gehalten, nicht wieder erkenne. Ehe ich Dich nicht heimgeführt habe, bin ich nichts werth. –

Daß wir über Italien uns recht unser Herz ausgeschüttet, kannst Du denken. Gegenbaur ist von meiner Radiolarienarbeit ganz entzückt und bedauert nur, daß ich es Georg Reimer zu so ungünstigen Bedingungen überlassen habe; er meint, ich hätte viel mehr dafür fordern sollen. Namentlich dringt er darauf, daß ein Theil wenigstens der Auflage colorirt werden müsse. Engelmann würde dies gewiß gewährt haben. – Heut früh haben wir die anatomischen und zoologischen Sammlungen angesehen, welche zwar sehr klein, aber trefflich eingerichtet sind. Gegenbaur hat mir da sehr gut vorgearbeitet. Umfang und Art meines Collegs würden mich sehr ansprechen; wie dann überhaupt alle Nebenumstände sich vortrefflich gestalten.

Auch am angenehmsten Umgang (auch für Dich) wird kein Mangel sein. Gegenbaur und Bezold grüßen Dich herzlich. Ich werde wahrscheinlich Sonntag oder Montag früh abreisen, mich 1 (oder 2) Tage in Halle (vielleicht auch Leipzig) aufhalten und also wohl Dienstag oder Mittwoch in Berlin wieder eintreffen. Wollte das Schicksal, daß wir Beide recht bald für immer hier im Lebenshafen vor sichern Anker liefen! ||

Ich wollte Dir schon von Coburg aus schreiben, bin aber wegen des übermächtigen Troubles nicht dazu gekommen. Gestern Morgen fuhr ich von Eisenach nach Apolda und ging dann zu Fuß herüber. Das Grün ist dies Jahr (bei der starken Feuchtigkeit) ganz besonders entwickelt. Die 3 Festtage in Coburg haben mich außerordentlich befriedigt. Das Nähere wird Dir mein nächster Brief sagen –

Daß Dir Ems so gut bekömmt, freut mich ganz außerordentlich und wünsche ich nichts sehnlicher, als daß Du bald als meine ganz gesunde Änni heimkehrst. Daß die Natur so schön ist, hatte ich mir wohl gedacht und Du hast Dich also mit Unrecht gefürchtet. Nimm Dich nur sehr vor jeder Erkältung in Acht und sei in diesen 5 Wochen mal ein rechter Tugendspiegel. Wenn Du erst wieder bei mir bist, darfst Du schon strickig genug sein!

Daß Du an Fr. Linau und Frl Brandt so gute Gesellschaft hast freut mich sehr. Ende Juli wirst Du schlechtere haben (??).

– Carl ist auch sehr vom Fest befriedigt und am Dienstag Mittag nach Berlin direct zurückgereist. – Ich wollt ich könnt Dir einen Strauß von den Rosen schicken, die in reichster Fülle Gegenbaur’s Garten schmücken. Die Aussicht auf die Promenade ist zu reizend.

– Nun mein liebster, süßester Schatz, leb wieder auf 6 – 8 Tage wohl und bleib mir gut. Ich hoffe daß mir nicht umsonst unsre Wünsche nach der reizenden kleinen Thüringer Universität gewendet haben – „und birgt sie Erni und Änni erst, ihr Eifer soll wachsen in Fülle, mit dem sie Freiheit und Bildung mehrt, In Deutschland in aller Stille!“ – Grüß Mutter schön.

– Tausend, tausend innigsten Gruß und Kuß von Deinem glücklichen, aber sehr ännidürstenden Professor der Zoologie zu Jena in spe!!

a gestr.: S; gestr.: zu; b gestr.: s; c gestr.: mich; d korr. aus: zum; e gestr.: Herbst; eingef.: Ostern

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
22-06-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38306
ID
38306