Haeckel, Ernst

Ernst H aeckel an Bertha Sethe, Jena, 15. Dezember 1899

Jena 15.12.1899.

Liebste Tante Bertha!

Dein lieber Brief hat mich sehr erfreut, sowohl weil ich darin Deine alte, unverwüstliche, echte Sethe’sche Frische erkenne, als auch besonders durch Deine Theilnahme an meinem letzten Buche: „Die Welträthsel“. Dasselbe erfreut sich eines Erfolges, der meine Erwartungen weit übertrifft. In den ersten 8 Wochen sind 4000 Exemplare verkauft worden; jetzt ist bereits die dritte Auflage ausgegeben (6. und 7. Tausend) unverändert. Ich habe schon sehr viele Briefe und Besprechungen darüber erhalten. ||

Ich schicke Dir beifolgend einige Recensionen, die Dich interessiren werden. Die beste (in Nr. 287 der Bonner Zeitung) kannst Du (ebenso wie die Neue Züricher Zeitung) behalten ; das II. Exemplar der Bonner an Heinrich geben. – Die übrigen erbitte ich in den letzten Tagen des Monats (etwa bis 30. Decem ber )* zurück, nämlich:

− Gegenwart Nr. 41.

− Berliner Tageblatt 512

− Tägliche Rundschau 285

*Das Couvert für Rücksendung (20 mit Brief) liegt bei.a

− Louis Mulder, den das Buch auch sehr interessirt, hat mir einen langen, in allem Wesentlichen zustimmenden Brief geschrieben. ||

Da Du meine Ansichten seit langem genau kennst, fürchte ich nicht, daß Du meine Äußerungen über das Christenthum mißverstehen wirst. Meine Angriffe beziehen sich lediglich auf das Zerrbild der christlichen Religion, welches die Menschen – und vor allem die Römische Kirche – im Laufe der Zeit aus dieser „Religion der Liebe“ gemacht haben. Die Theologen schimpfen natürlich meistens gründlich über mein Buch; aber gerade von Seiten ehrlicher und denkender Theologen habe ich schon recht erfreuliche Zeilen der Zustimmung erhalten – auch von denkenden Frauen ! ||

Hoffentlich feierst Du zusammen mit meinen Neffen und Nichten ein recht vergnügtes Weihnachtsfest. Unsere Aussichten darauf sind noch ganz unsicher. Walter kommt am 20. auf 14 Tage her. Agnes hat leider wieder (mit starkem Katarrh etc.) 3 Wochen zu Bett gelegen; seit einigen Tagen ist sie wieder auf, aber sehr muthlos. Wenn ihr Befinden es erlaubt, wollen wir das Fest mit unseren Kindern und Enkeln in Leipzig feiern (etwa vom 23. – 27.).

Mit herzlichsten Grüßen – auch an unsere Verwandten –

Dein treuer Neffe

Ernst Haeckel. ||

15/12 99. P. S.

Das Porträt (Kniestück in Lebensgröße, stehend) welches Prof. Franz von Lenbach am 22. – 24. October in München von mir gemalt hat, ist jetzt dort ausgestellt, sehr gelungen .

Von den photographischen Aufnahmen, die er dazu machen ließ, lege ich für Dich und Heinrich zwei bei.

Die kleinere Photographie ist für Minna bestimmt (endlich !).

Mit freun dlichen Grüßen

E. H.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-12-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38242
ID
38242