Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel und Bertha Sethe, Jena, 1. Dezember 1895

Jena 1 Decbr 1895.

Liebe Tante Bertha und lieber Bruder Carl!

Beim Anfang des letzten Monats dieses unerfreulichen Jahres 95 muß ich Euch doch endlich mal wieder von uns berichten; auch nicht viel Erfreuliches, leider! Meine Frau liegt wieder seit 3 Wochen zu Bett, mit einem harten Bronchial-Catarrh, Folgen einer Erkältung, die sie sich vor 6 Wochen in Baden zugezogen. Dazu hatte sie viel Noth mit einem neuen Hausmädchen; unsere alte, die 7 Jahre bei uns war, hat kürzlich geheirathet (– und gleichzeitig getauft! –).

Emma kann Agnes nicht viel helfen, und namentlich sie nicht auf heiteren, da ihre Neigung zu trüber Lebens-Auffassung eher zu- als abnimmt. Da heißt es: Geduld! – ||

Von unseren Leipziger Kindern und von Walter (– der in Mecklenburg recht fleißig und hübsch gemalt hatte, und jetzt wieder in München arbeitet –) haben wir gute Nachrichten.

– Mein steifes Fußgelenk, welchem die gymnastische und Bade-Cur in Baden gut bekommen ist, beginnt langsam beweglicher zu werden. Ich gehe schon täglich ein Stündchen langsam spazieren (hinkend!). Bis zur vollen Beweglichkeit wird wohl noch ½ Jahr vergehen. Da wir diesen Winter ganz still leben, widme ich meine ganze Zeit dem II. Theil meines Buches (Systematische Phylogenie) – eine schwierige Arbeit. Die Vorlesungen sind gut besucht. In meinem Privatissimum habe ich 22 Leute (sonst meistens 10–22). – ||

Die politische Wirtschaft des „Neuen Curses“ betrachten wir hier äußerst pessimistisch (– gleich diesem Tinten-Klex!). Die Ähnlichkeit unserer Zustände mit denjenigen im römischen und byzantinischen Kaiserreich wird leider immer größer. Es ist, als ob alle gemeinen und nichtswürdigen Elemente, die unter dem alten W. I. zurück gedrängt waren, unter dem neuen W. II. zu neuer Blüthe gelangten. Streberei, Heuchelei, Selbstsucht etc etc. sind oben auf und schmücken sich mit dem Mantel der christlichen Liebe! Und dieser Mangel an Weisheit, an Sachkenntniß und an Menschenkenntniß in den höchsten Kreisen!! ||

Mit besonderem Vergnügen lese ich die Kritiken dieser kläglichen Zustände in Euren Berliner Wochenschriften: „Zukunft“ (Harden) und „Gegenwart“ (Timon-Artikel). Der Aufsatz von Harden über das Jammer-Bild des Herrn von Knackfuss (gleich falsch in der Idee als schlecht in der Ausführung) hat mich besonders amüsirt! Buddha, der Gott des Friedens und der Resignation, als verheerender Kriegsgott mit der Brandfackel – es ist wirklich kostbar!!! Das ist die wahre Signatur des „Neuen Curses“! Und des renommistischen Caesaren-Wahns! – Auch da heißt es: „Geduld“!

– Heinrich ist fleißig, sehr gesucht, und guter Dinge; Friedel wird als „Gefreiter“ sehr manierlich.

Mit besten Grüßen

Euer Ernst Haeckel

Dir, liebe Tante, für deinen lieben Brief besonderen Dank.a

a Text weiter am linken Rand von S. 4: Dir … Dank.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-12-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38156
ID
38156