Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel, Jena, 26. Juli 1895

Jena 26.7.95.

Lieber Bruder!

Vorigen Sonntag machte ich mit Hans und Lisbeth eine hübsche Wanderung durch Dein geliebtes Ziegenrück, das sich jetzt einer Eisenbahn mit mehreren hübschen Brücken erfreut. Auf dem Rückweg durch den Sornitz-Grund hatte ich leider böses Pech. Beim Blumenpflücken trat ich auf eine überwachsene Schieferplatte, die ein Baumloch zudeckte. Die Platte brach durch und ich fiel mit dem linken Fuß so unglücklich in das Loch, daß ich den Knöchel brach und das Fußgelenk (Kapsel und Bänder) zerriß. || Die Verletzung ist so schwer, daß ich 8–10 Wochen werde liegen müssen. Heinrich behandelt mich mit größter Sorgfalt und Schonung. Da Gyps-Verband (wegen der starken Blutung) nicht möglich ist, liegt der linke Fuß (– derselbe, dem schon seit 55 Jahren so viel passirt ist: Lauban, Naumburg, Suez, Neapel!! –) in einer Schiene! Geduld!!!

Die beabsichtigte Ferien-Reise muß ich natürlich aufgeben. Ich werde wohl die ganzen Ferien auf Vollendung meiner Systematischen Phylogenie verwenden. (III. Theil). – Der II. Theil wird in cc 4 Wochen fertig sein. ||

Meiner Familie geht es gut.

Lisi bleibt mit ihrer allerliebsten Else noch bis Mitte August hier. Heinz und Friedel sind munter.

Bitte diesen Brief Tante Bertha mitzuteilen; ich danke ihr herzlich für Ihren Brief und werde ihr schreiben, wenn ich wieder erträglich im Bett sitzen kann.

Mit besten Grüßen

Dein treuer Bruder

Ernst Haeckel

[Beischrift von Pauline Kniebe für Bertha Sethe]

Herzliche Grüße von Herrn Rath. Der Arzt war gestern Abend zufrieden und hofft, daß es bei der Gesichtsrose bleibt. – Welch Mißgeschick hatte der arme Herr Professor. – Ihnen geht es hoffentlich gut?

Ihre

Pauline Kniebe.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-07-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38150
ID
38150