Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel, Jena, 6. Februar 1895

Jena 6.2.95

Liebes Bruderherz!

Wegen meines „Umsturz“-Artikels kannst Du Dich, glaube ich, beruhigen. Meine juristischen Collegen meinen, daß mir der Staatsanwalt, hier wenigstens, Nichts anhaben könne.

Übrigens hatte ich an den verantwortlichen Redakteur Harden geschrieben, daß ich weder ihn noch mich in Berührung mit dem Staatsanwalt bringen wolle; er möge streichen, was er für bedenklich halte. Antwort: Nichts bedenkliches! || Übrigens ist ja bei unseren jetzigen elenden Zuständen im „Neuen Curs“ Alles möglich! Vielleicht werden auch unsere Vorlesungen demnächst inhibirt. Ganz elend, feig und charakterlos benehmen sich unsere lieben National Liberalen! (Bennigsen, Enneccerus – Duell-Frage!!) Ich und mehrere hiesigen Collegen treten nunmehr aus der Partei aus. Wir wollen der Reaction keine Handlanger-Dienste leisten. ||

Für die Hochzeit Deines Ernst bitte ich ein praktisches Geschenk für mich zu besorgen (etwa für 60–70 Mk). Vielleicht nimmt Dir Marie die Mühe ab. –

Heute hält Heinz seinen ersten Vortrag (vor Damen!) in der „Rose“: Eine Nilfahrt. Heute über 8 Tage ich selbst: „Über den Badeschwamm.“ – ||

Die Ernennung von Heinz zum Professor verzögert sich durch eine jämmerliche Kleinigkeit der Regierung; sie will keinen neuen Professor extraordinarius (ohne Gehalt) ernennen, ehe das neue Wittwen-Pensions-Gesetz publicirt ist!! O Jerum! – Agnes hat 3 Wochen wegen Erkältung in der Stube stecken müssen. Wir haben scharfen Winter, gestern -15°R!

Beste Grüße, auch an Frl. Kniebe,

Dein treuer Bruder

Ernst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-02-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38143
ID
38143