Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel, Interlaken, 17. September 1890

17. Sept. 90

Lieber Bruder!

Bevor wir heute das schöne Thal von Interlaken verlassen, will ich Dir einen herzlichen Gruß von uns senden, und zugleich die besten Glückwünsche zum 20. Sept., an welchem Du Dein 66.stes Lebensjahr vollendest! Nur noch 4 Jahre, und Du feierst den berühmten 70sten Geburtstag! Möge das beginnende 67ste in jeder Beziehung Deine Wünsche und Hoffnungen erfüllen! ||

Durch T. Bertha habe ich zu meiner Freude gehört, daß Du mit Deiner Herbstreise zufrieden bist. Ich hätte Dir schon längst einen Gruß geschickt, wenn ich gewußt hätte, wo Du eigentlich steckst!

– Wir verließen Jena erst am 17. August, nachdem Agnes nach 7 wöchentl. Krankheit soweit hergestellt war, daß sie reisen konnte. Wir fuhren (– zu 4, da Walter allein in Thüringen reisen u. malen wollte! –) in 3 Tagen – bei fürchterlichster Hitze! – direct nach Bern und von da nach Beatenberg, wo wir 14 hübsche Tage hatten. ||

Allerdings waren davon nur 4 gut, und 10 Regentage! Vom 31. Aug. - 2 Sept lag sogar fußtiefer Schnee! Allein die Pension (Victoria) war gut, ebenso die Gesellschaft. Agnes konnte sich in der Stille u. Einsamkeit gut erholen. Am 3 Septb. siedelten wir nach Interlaken über, wo wir 14 tadellose Herbsttage genossen. Wir wohnten Chambre garni unter dem Rugenpark. Ich machte mit Lisbeth eine sehr sehr schöne Tour von 8 Tagen in das Berner Oberland (Lauterbrunnen , Mürren, Oberhorn, Grindelwald). Emma blieb unterdeß bei Agnes die der Ruhe u. Stille bedurfte. ||

Heute wollen wir nach Luzern, morgen nach dem Rigi, dann über Basel nach Baden-Baden, wo ich einige Tage bleibe, weil der Bildhauer, Prof. Kopf aus Rom, meine Büste modelliren will. Dann denke ich direct nach Bonn zu gehen (etwa am 25.) und mit Lisbeth nach Den Haag und Amsterdam, wo ich am 1. und 2. October gefeiert werden soll! –

Von dort über Berlin zurück. Etwa am 10. October hoffe ich Dir in Potsdam einen Besuch abzustatten. – Das Reisegeld ist fast zu Ende! Bitte schicke mir nach Bonn − neun hundert −a 900 Mk. – Adressire sie an Clason (Sternburg in Poppelsdorf).

Herzlichste Grüße von Haus zu Haus

Dein treuer Bruder Ernst Hk.

Ich habe viel gemalt, 20 Aquarelle!b

a eingef. mit Einfügungszeichen: - neunhundert –; b Text weiter am linken Seitenrand von S. 4: Ich … Aquarelle!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-09-1890
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38053
ID
38053