Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel, Jena, 18. September 1881

Jena 18/9 81.

Lieber Bruder!

Zu Deinem Geburtstage sende ich Dir von Herzen die besten Glückwünsche; möge das neue Lebensjahr in jeder Beziehung Dir Gutes und Erfreuliches bringen, und Deine Familie nach Wunsch gedeihen. Es war doch sehr hübsch, daß Du ein paar Wochen bei uns warst, wenn auch leider die angreifende Plackerei einerseits und mein dummes Leiden andererseits mich nicht so zum Mitgenusse kommen ließ, wie ich wünschte. ||

Wir hatten jetzt recht schlechtes Wetter, seit vorgestern geheizt (morgens 2–4°R.!). Heute war der erste schöne Tag wieder und ich bin zum ersten Male wieder ½ Stunde an die Luft gegangen, nachdem ich 3 Wochen in der Stube gesessen, resp. gelegen. Es hatte sich in der Umgebung der aufgerieben Hautstelle eine förmliche Entzündung (wie beim Aufliegen der Haut) entwickelt, und ich hatte viel Schmerzen. Jetzt ist die ausgedehnte Wundfläche fast ganz geheilt; nur eine ganz kleine Stelle (oben am Kreuz) noch offen; in einigen Tagen wird auch diese geschlossen sein. ||

Meine Abreise nach Ceylon, die auf nächsten Donnerstag festgesetzt war (22. Sept.) habe ich nun zunächst verschoben; mindestens um 14 Tage. Ich reise nicht, ehe ich vollständig frisch und gesund bin, und ehe nicht jede Sorge wegen der Cholera beseitigt ist. Aus Triest und England habe ich schon mehrere Nachrichten, alles sehr beruhigend. Es scheint, daß außer Aden kein weiterer, mich betreffender Ort von der Cholera inficirt ist, und selbst in Aden ist es noch sehr zweifelhaft, ob eine wirkliche Epidemie bestand; jedenfalls war sie sehr mild. ||

Seit 8 Tagen hat meine ganze Familie tüchtigen Catarrh, wie hier die Hälfte der Menschheit, bei dem eisigen Wetter kein Wunder. Agnes hat deshalb die projectirte Michaelis-Reise mit den Kindern nach Berlin und Potsdam aufgegeben; vielleicht kommt sie zu Weihnachten. Natürlich wären wir zusammen gereist; nun ist es aber besser, alles hier ruhig abzuwarten. Hast Du Frau Niedner wegen der früheren Cholera-Verhältnisse in Ceylon befragt? Auf dem indischen Festlande ist sie in manchen Orten endemisch; das sagt aber Nichts. –

Mit herzlichsten Grüßen und besten Wünschen Dein treuer Bruder

Ernst Hkl.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-09-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37988
ID
37988