Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 26. Oktober 1862

Jena 26. 10. 62.

Liebe Eltern!

Endlich sind wir heute nach 14 tägiger Auspack- Krame- und Räumerei- Arbeit so weit, daß ich euch mit rechter voller Herzensruhe und Befriedigung einen freundlichen Sonntagsgruß aus unserm allerliebsten Neste schicken kann. Die warme Sonne scheint so schön von dem heitersten Octoberhimmel in meiner kleinen Frau Wohnstube, in der ich am Schreibtisch sitze und die schönen Formen der Jenenser Berge, namentlich des pikförmigen Hausbergs, gucken so freundlich durch die Fenster herein, dazu singen die Vögel im „Paradies“, an dessen Pforte wir wohnen, so lieblich, daß ich mir wirklich kein reizenders Nest hier in Jena wünschen könnte. Das Quartier wird so mächtig von der Sonne geheizt, daß wir vorgestern zum ersten Male erst heizen mußten. Dieser Umstand ist sehr angenehm, besonders nach der eisigen Keller- Temperatur in der Ziegelei, die besonders Anna recht erschreckt hatte. ||

In jeder Beziehung haben wir mit der Wohnung großes Glück gehabt, was uns besonders jetzt sehr klar ist, nachdem wir 14 Tage noch in der Böhmeschen Ziegelei campiren mußten, die trotz aller herrlichen Aussicht doch höchst unbequem und ungemüthlich war. Nun gefällt uns hier die äußerst bequeme und nette Einrichtung doppelt. Ich schicke euch einen detaillirten Plan der Wohnung mit, auf dem ihr euch vollständig über die Einrichtung der einzelnen Stuben, die nette Möblirung und die höchst bequeme Lage der Thüren und Fenster orientiren könnt. Die Aussicht ist aus den nach Morgen und Mittag gelegenen Fenstern, sowohl in meiner, als Annas Stube, ganz frei, sehr reizend, und umfaßt im Vordergrund das ganze Paradis, mit den schönsten alten Linden- Alleen, Wiesen, den vielen Krümmungen der Saale und den reizenden Bergen jenseits, Hausberg, Genzich etc! ||

Für die Sendung der Silbersachen und des Geldes sage ich Dir, liebste Mutter, herzlichen Dank. Letzteres war auch sehr erwünscht, da die ganze Einrichtung doch noch sehr viel kostet. Zu meinem Troste hat Bruder Carl 100 rl von mir in Reserve, welche ich mir vorigen Sommer zusammengespart habe. Die werden wohl auch zu Neujahr von der dicken Summe der vielen Handwerker- Rechnungen etc absorbirt werden. Indeß sind hier andererseits die Lebens- Mittel so billig, und die Möglichkeit, Geld für extra ordinäre Allotria, Vergnügungen etc auszugeben, so selten und gering, daß ich glaube, wir werden recht gut auskommen, sobald wir nur erst einmal ganz eingerichtet und mit Vorräthen versehen sind. Die Silbersachen kamen grade auch noch zu rechter Zeit, als Richters Beide noch hier zum Besuche waren, so daß wir wenigstens mit Löffeln essen konnten. ||

So angenehm uns sonst der Besuch von Freunden ist, so war doch der von Richters, die mitten in unsere Kramerei hineinfielen, nichts weniger als passend. Wir kamen am 17. 10. Abends 7 Uhr von einem weiten Spaziergang recht ermüdet und hungrig nach Hause, als wir sie bereits vorfanden. Sie aßen uns nicht allein das für unsere beiden hungrigen Mägen allein eingerichtete Mittagessen (das wir jetzt immer um 6 U. verzehren) größtentheils auf, sondern erklärten auch ohne weitere Umstände, bei uns logiren zu wollen, nachdem ich ihnen bereits die Logirstube gezeigt hatte, die ganz voll Sachen stand, halbausgepackte Kisten, Schränke etc. Die Logirbetten waren noch nicht einmal aufgeschlagen! Frau Richter erklärte jedoch, „das genire sie gar nicht; Matratzen hätte sie schon gesehen, also könnten sie auf diesen schlafen“!! Nun mußten noch mitten in der Nacht die Bettstellen zusammengesetzt und aufgeschlagen, die Betten vom Boden geholt und überzogen werden etc etc. Anna war still wüthend, wie ich auch, und wenn es mir nicht um ihn Richter Leid gewesen wäre, so hätte ich sie herausgeworfen!! ||

Morgen, Montag 27. 10 werde ich nun die Vorlesungen wieder beginnen, die in den ersten Tagen nach der dreimonatlichen Bummelei wohl nicht besonders schmecken werden. Indeß freue ich mich doch sehr auf die regelmäßige Thätigkeit des Semesters. Meine Radiolarien sind nun schon in alle Welt hinausgewandert. An zwei Naturforscher, welche noch am meisten darin bewandert sind, Prof. Leydig in Tübingen u. Prof. Max Schultze in Bonn, hatte ich Frei- Exemplare geschickt und habe dieser Tage dafür 2 höchst ehrenvolle und lobesvolle Dank- Briefe bekommen, in Ausdrücken abgefaßt, die meine Erwartungen weit übertreffen. Da grade diese Beide die Sachverständigen sind, die die Radiolarien noch am ersten beurtheilen können, so hat mich grade diese Anerkennung ausnehmend gefreut. Ehrenberg wird freilich nebst dem erbärmlichen Reichert (Müllers jämmerlicher Nachfolger) anders darüber denken und hoffentlich bald ihrem Ärger in recht dummer Weise Luft machen. ||

Die Glaser- Rechnung habe ich richtig gefunden liebe Mutter. Auch das von Herrn Peters vergessene Schreibtischchen von Anna ist nachträglich angekommen, freilich ganz in Stücken und Brocken, da es schlecht verpackt und in Apolda auf einen Frachtwagen mit Kisten etc geladen war. Glücklicherweise ist aber aller dieser Kummer, sowie der viele Ärger über den Möbeltransport, die unnützen Kosten etc schon ganz vergessen über dem reizenden häuslichen Leben in unserem Nestchen, dessen wir uns jetzt täglich nicht genug erfreuen können. Die Politik interessirt mich sehr. Die Zeitungen kosten mich täglich 1-1 ½ Stunden. Jetzt heißts: „je toller, je besser“! Je frecher die Reaction jetzt auftritt, desto eher bricht sie sich den Hals! Unser herrliches Abgeordneten Haus hat sich aber doch vortrefflich benommen und unsere Ehre vor ganz Europa gerettet.

‒ Aber die böse Fortschrittspartei??? und der edle Herr von Patow???

Grüßt alle Bekannten herzlichst und schreibt bald wieder eurem Ernst.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
26-10-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37779
ID
37779