Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 30. Mai 1861

Jena 30. 5. 61.

Liebe Eltern!

Das inliegende Blatt an Anna und den Wochenbericht schickt baldmöglichst nach Heringsdorf. Dich, lieber Vater, bitte ich, das inliegende Stück Druckbogen, auf welchem sich noch ein zu verbessernden Druckfehler findet, möglichst bald zu Georg Reimer zu bringen, und zu sagen, daß am 3ten Bogen sonst nichts mehr zu corrigiren wäre. Siehst Du ihn selbst, so kannst Du ihm sagen, daß ich mit dem allgemeinen Theile jetzt ziemlich fertig sei und ihn in 8-14 Tagen überschicken würde. Es wird eine ziemlich dicke Parthie. Dich, liebe Mutter, bitte ich, falls das Paket noch nicht abgeschickt ist, doch ja das mikroskopische, werthvolle Präparat mit beizulegen, welches ich dummerweise in der Lade des kleinen Nähtisches in der großen Stube (zwischen Sekretär und Bücherschrank) habe liegen lassen. Daß das nur ja nicht verloren oder entzwei geht. Bitte, packe es recht sorgfältig ein. Ist das Paket schon abgeschickt, so behalte das Präparat noch dort und schicke es gelegentlich mit. Siehst Du den Schneider Zack, so kannst Du ihm sagen, ich sei sehr ärgerlich, daß er den Sommerrock so heiß gemacht (wattirt) habe. Ich kann ihn an warmen Tagen gar nicht tragen. Er ist wärmer als mein Winterrock. ||

Ina letzter Woche habe ich nun auch das gesellige Leben, gelegentlich mehrerer Einladungen, kennen gelernt und finde es im Ganzen recht nett.

Allenthalben herrscht ein sehr ungezwungener und natürlicher Ton. Die Leute haben meist recht vernünftige Ansichten, und sind namentlich in politischer und b religiöser Beziehung fast durchgehend liberal. Von Soldaten und Junkers merkt man gar nichts. Kreuzzeitungslesende Junkers gibts nur 2 oder 3 (ein paar Herrn von Witzleben) und die werden allgemein gemieden. Die preußischen Zustände betrachtet man mehr aus der Vogelperspektive und schätzt sich glücklich, ihnen nicht nah zu sein.

Die Zustände sind bei uns in der That jetzt schlimmer, als irgend anderswo und Preußen wird allmählich der Hort aller Reaction. Die waschlappige Kammer! Mich jammerts nur immer, den Hohn, mit dem man von unserer ganzen Staatswirthschaft spricht, mit anhören zu müssen und nichts darauf erwiedern zu können. Zeitungen, nord- u. süd-deutsche, lese ich nach Tisch täglich auf dem Museum. Es ist jetzt nicht erbaulich! –

Die Freienwalder werden euch nun wohl schon wieder verlassen haben, liebe Alten. Schreibt mir doch ausführlich, wie es war. Ich denke, die kleine Enkelschaar und wird euch recht amüsirt haben.

Mit herzlichen Grüßen Euer Ernst.

a korr. aus: Ich; b gestr.: durch;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
30-05-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37754
ID
37754