Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 29. April 1861

Jena 29. 4. 61.

Liebe Eltern!

Heute habe ich mein erstes Collegium gelesen, und zwar zu meiner, und gewiß auch eurer, großen Freude besser, als ich erwartet hatte. Die Bangigkeit vor dem ersten Vortrage habe ich nur vorher gehabt. Während des Vortrags war sie ganz verschwunden und ich sprach frisch und frei von der Leber weg, als ob ich mein Manuscript vorläse. Damit ist also wieder ein Schritt vorwärts gethan, eine wesentliche Hoffnung erfüllt und eine neue gute Aussicht eröffnet, und ich hoffe nur von Herzen, daß dies auch so weitergehen und mir der Vortrag immer so gelingen wird, wovon ja das Glück meiner Laufbahn wesentlich mit abhängen wird. Der gute Erfolg hat mich um so mehr erfreut, als ich erst heut Morgen die Präparation zur Vorlesung begonnen hatte und also ziemlich ex tempore sprach. Zuhörer werde ich wohl etwa ½ Dutzend behalten, also doch immer das 2-3 fache von der Zahl, auf die ich gerechnet hatte! Im Übrigen geht es mir auch sehr gut; ich bin frisch und munter und hoffe, daß der ganze Sommer so gut wie dieser Anfang werden wird. In meinem reizenden Quartier habe ich mich allerliebst eingerichtet und wünschte nur, ihr könntet mich mal besuchen und euch mit mir über das nette ländliche Stillleben freuen. Es ist wirklich ein ganz idealer kleiner Sommeraufenthalt und ich fühle mich darin noch einmal so wohl, als in dem großen öden Berlin. ||

Wie ich mir meine kleine Wohnung eingerichtet habe, um die ich von jedem, der mich besucht, beneidet werde, könnt ihr aus beifolgendem Plan erfahren. Das große Wohnzimmer, durch das man eintritt, ist äußerst freundlich und sehr geräumig, so daß es durch die vielen Moebles gar nicht beengt wird. Zur besonderen Zierde gereichen die beiden gegenüberstehenden Hälften des großen zersägten Weiss‘schen Glasschranks, welche mir auch durch die Menge Rauminhalt äußerst werthvoll und angenehm sind, da sie mir es zum ersten Male möglich machen, die Masse der auf den verschiedenen Reisen gesammelten Siebensachen ordentlich auseinander zu legen und zu vertheilen, so daß ich jetzt seit langer Zeit zum ersten Mal wieder schön in Ordnung bin. Links von der Thür steht der Bücherschrank, auf demselben der Glaskasten mit den ausgestopften Vögeln und darüber der Stierkopf mit den kolossalen sicilischen Hörnern. Über dem Sopha hängt eine sehr hübsche Bildergruppe in folgender Gruppierung [eigef.: Skizze]:

Müller Virchow

Weiß Junge Humboldt Alte Humboldt Großvater Willdenow Kölliker

Anatom Vesal Würzburg Große Churfürst

Ebenso hängt über meinem Schreibtisch eine sehr nette Gruppe von Photographien, in der Mitte Anna auf einer Seite die Eltern, auf der andern Tante Weiß, ringsum die Freunde. Ebenso sind auch die andern noch freien Reste der Wand mit Bildern ausgefüllt.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
29-04-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37751
ID
37751