Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Wien, 4. August 1857

Wien Dienstag 4/8 57.

Liebe Eltern!

Ihr denkt vielleicht, daß ich schon auf dem Gipfel des Dachsteins oder Gosaugebirgs umherklettre, und derweil sitze ich noch ruhig hier in Wien, um endlich einmal wieder ein Lebenszeichen an Euch zu senden. Die Schuld meines guten Willens ist dies allerdings zunächst nicht; denn bereits Samstag den 1/8 früh war ich im Begriff von hier nach Nußdorf abzusegeln und weiter nach Linz. Aber just als ich in den Stellwagen einsteigen wollte, fing es an, dicht und sanft vom Himmel herabzutröpfeln, der seit Monaten zum ersten mal sich in einem dichten grauen Wolkenmantel ganz eingehüllt hatte, und es sah aus, als sollte ein so recht gründlicher, ununterbrochener Landregen daraus werden. Das wurde es nun zwar nicht, und am folgenden Tage lachte die Sonne wieder so klar, wie alle zuvor. Aber es war doch gut, daß ich meinen schon zum Einsteigen erhobenen Fuß wieder zurückzog und mich entschloß, noch ein paar Tage hier zu bleiben. Denn || erstens gewann ich dadurch Zeit, einen Tags zuvor erworbenen frischen Katarrh, der sich ziemlich unartig aufführte, mit Brechmitteln, Schwitzkuren und Senfteigen mir gründlich vom Halse zu schaffen, (was vor einer Fußreise immer angenehm ist); zweitens konnte ich einen eben als Examenpraeparation begonnenen Extract der gesammten Materia medica durch 3tägiges ununterbrochenes Sitzen und Büffeln glücklich zu Ende bringen, (wodurch mir die Freude und Sehnsucht auf die Alpenreise nicht wenig erhöht wird, durch den grellen Kontrast nämlich!); endlich drittens wurde mir dadurch die Freude, meinen lieben Bruder gestern Abend bei seiner Ankunft hier zu überraschen und ihn heute noch mit Wien etwas bekannt zu machen, so daß wir morgen früh alle 4 zusammen gemeinschaftlich nach Linz abfahren werden. Durch Karl erfuhr ich auch zuerst wieder etwas von euch, und daß es euch in Warmbrunn recht gut geht, was mich sehr freut. Den Brief selbst hat aber der Schlingel in Berlin bei Tante Bertha gelassen, so daß ich doch nicht viel erfahren habe. || Es würde mich also sehr freuen, wenn ihr mir bald eine etwas ausführlichere Nachricht über euer Warmbrunner Badeleben sendetet. Empfangt ihr diese Zeilen bald und könnt ihr gleich antworten, so würde uns euer Brief a noch in Salzburg antreffen, wo wir bis zum 9ten August mindestens bleiben. Sonst werdet ihr ihn wohlb sicherer nach Gastein senden, wo wir vermuthlich erst am 14ten eintreffen werden. Dann müßt ihr adressiren: c Hof-Gastein im Salzburgischen“, poste restante. Schreibt mir ja meine Adresse recht deutlich Dr. med. Ernst H. auf das Kouvert setzt: „Absender: O. R. R. Häckel aus Berlin“, damit im Falle des Nichterhaltens der Brief wenigstens nicht verloren geht. –

Von meinem Leben in den letzten 14 Tagen, seitdem ich euch schrieb, ist wenig Bemerkenswerthes mitzutheilen und das medicinisch-klinische und wissenschaftliche Alltagsleben, verlor sich, ebenso wie das botanisch-landschaftliche Sonntagsbummeln, ganz allmählich im Sande und löste sich unmerklich auf. || Die Vorlesungen fingen bereits vor 14 Tagen an allmählich aufzuhören und in dem Maße auch meinen Bekannten sämmtlich an, abzureisen, so daß ich schon am 20/7 ganz allein nur noch übrig war, und mich bei der tropischen Hitze (die hier mehrere Tage nacheinander auf 36° R (+ 45° C!)!! stieg,) mich ganz in meinem kleinen, kühlen Kämmerchen abkapselte und auf die Bücher warf. Auch hätte ich noch was Tüchtiges zusammenarbeiten können, wenn nicht am Dienstag 21/7 bereits Mulders hier angekommen wären, mit denen ich die letzten 14 Tage hier zugebracht habe und wodurch ich denn endlich auch einmal dazu gelangt bin, mir die historischen, alterthümlichen und Kunstschätze von Wien etwas genauer anzusehen. Obwohl mir so viel Zeit abhanden kam, die ich jetzt für Examenpraeparation besser hätte brauchen können, so habe ich andererseits durch die Bekanntschaft mit dem Inneren Wiens und den in ihm verborgenen Schätzen doch auch wieder viel allgemeine Anschauungen gewonnen und meine ethnographischen Kenntniße vermehrt. || Auch war das Zusammenleben mit den äußerst liebenswürdigen Mulders wirklich recht angenehm und nett. Mit Louis hatte ich gleich die alte traute Freundschaft wieder angeknüpft, nur daß ich seine hübschen Talente, sein vielfaches Interesse und seine schönen Ideen jetzt natürlich besser, als damals, zu würdigen verstehe. Wir haben über allerlei Fundamentalsachen recht nette Gespräche gehabt. Gonne, die ich hier zum erstenmal sah, gefällt mir auch recht gut, und auch das glückliche Zusammenstimmen des netten Ehepaares ist sehr hübsch. Ich freue mich recht, auch noch ein Stückchen der Reise mit ihnen zusammenzumachen. –

Von den Merkwürdigkeiten Wiens erzähle ich euch aber lieber mündlich, da ich jetzt bei der sehr beschränkten Zeit d doch nur eine sehr flüchtige Skizze davon geben könnte. Nur so viel, daß sie mich sehr befriedigt und mit einer Fülle ganz neuer Anschauungen bereichert haben, die meine Lebensansichten und meinen Ideenkreis wesentlich erweitert haben! ||

– Leider habe ich in den letzten Wochen noch eine sehr betrübende Trauerbotschaft erhalten. Mein lieber Beckmann, der edelste, reinste, beste Mensch, der ideenreichste, vom schönsten Wissenschaftsfeuer glühende Naturforscher, der liebevollste, hingebendste Freund, den ich noch je kennen gelernt, ist sehr schwer erkrankt und ich fürchte für seinen zarten, schwachen Körper das Schlimmste! Er bekam in Mitte des Sommers eine 6 Wochen andauernde Lungenfell- und Herzbeutel-Entzündung, welche ihn ganz niederwarf und die dem ohnehin so zarten Stamm wohl einen bedenklichen Stoß verursacht haben wird! Ist es nicht ein schwerer Fluch des Menschengeschlechts, daß die edelsten, besten Geister grade in ihrer schönsten Lebensblüthe, die mit dem höchsten Ideenfluge, der besten Arbeitsausbeute verknüpft ist, gehemmt und unterdrückt werden durch die elenden Schwächen des jämmerlichen Körpers, der uns immer und überall Mängel und Fehler bereitet! Seit langer Zeit hat mich kein Unglück so tief berührt und mich so an dem Eingreifen einer allgütigen, allweisen Vorsehung zweifeln lassen! || Die elendesten, schuftigsten, gemeinsten Kerle laufen zu Hunderten gesund und munter herum, und freuen sich in Lust und Üppigkeit ihres Lebens, während die reinsten, edelsten Menschen nicht nur durch äußere Lebensverhältnisse in jeder Weise in ihrem freien, tüchtigen Streben unterdrückt werden, sondern noch obenein in ihrem eignen Körper Hindernisse und Hemmungen von solchem Gewicht nachschleppen, daß die ganze Maschine ueber ihrer Last zusammen zu brechen droht! Und das ist nun in diesem Sommer schon der zweite von meinen besten Freunden, der diesem Unglück zu unterliegen droht! Armer Claparède, armer Beckmann! – Da B. sich noch dazu in einer jämmerlichen äußern Lage durchquälen muß, so sandte ich ihm wenigstens zur vorläufigen Aushülfe die 30 fl, die ihr mir zum Ankauf eines Ploessl’schen Fernrohrs gütigst geschenkt hattet, und gab e den Wunsch nach letzterem vorläufig auf, mich auf bessere Zeiten vertröstend. –

Sonderbarerweise gelangte ich aber vor einigen Tagen dennoch in den Besitz eines solchen: || Ich fand nämlich beim Umdrehen meiner sonst gänzlich geleertenf Brieftasche in einem Winkel derselben ganz unvermuthet 30 fl, welche ich völlig vergessen hatte. Ich hatte sie Anfang des Semesters zurückgelegt, in der Idee, sie am Ende vielleicht zu einem besonderen Zweck brauchen zu können, seitdem aber nie wieder daran gedacht. Da ich nämlich für mein einfenstriges Kämmerchen mindestens 10 fl monatlich weniger zahle (nämlich nur 8), als jeder andere meiner Bekannten, so dachte ich diese Ersparniß (für die 3 Sommermonate 30 fl. grade) mir zurücklegeng zu können. Und so ist es denn auch gekommen, daß ich sie trefflich brauchen kann, und ich habe mir dafür zu dieser Reise noch ein sehr schönes Ploessl’sches Fernrohr zu 32 fl angeschafft, welches mir hoffentlich auf meinen spätern größern Reisen noch wesentlich Dienste leisten wird! –

Morgen (5) gehen wir nach Linz, den 6ten nach Ischl, den 7 auf den Schafberg, den 8ten nach Salzburg, den 9ten in Salzburg, von da wahrscheinlich über Reichenhall, Berchtesgaden nach Zell am See. Bald von da Näheres! – Karl und Mulders lassen herzlichst grüßen. In inniger Liebe euer treuer

Ernst. ||

Dir, liebste Mutter, füge ich noch besonders zur Specialberuhigung bei, daß wir uns auf der Reise sehr schonen und in Acht nehmen werden. Ich werde auf Karl möglichste Rücksicht nehmen und zusehen, daß er sich gar nicht übernimmt. Ich habe diesmal, da ich ohnehin nicht viel Neues sehen werde, alle Strapazen und Parforce-Touren, die ich sonst allerdings sehr liebe, || von vornherein ganz aufgegeben und werde die Alpenreise mehr in der gemüthlichen Form gewöhnlicher Menschen machen. Sei also ganz außer Sorgen. Übrigens sind wir beide ganz munter und wohlauf. Karl hat seinen Katarrh ebenso, wie ich den meinigen, verloren, und mit Tragen werden wir uns auch nicht übernehmen. – Hoffentlich geht es euch in Warmbrunn auch so gut fort. Laßt uns bald etwas von euch hören.

a gestr.: vielleicht; b eingef.: wohl; c gestr.: Hof; d gestr.: dadurch; e gestr.: die; f eingef.: sonst gänzlich geleerten; g korr. aus: zurückzulegen

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
04-08-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37738
ID
37738