Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 16. August 1856

Würzburg 16/8 56

Liebste Eltern!

Zu meiner und hoffentlich auch eurer großen Freude kann ich euch heute die frohe Nachricht mittheilen, daß ich nun doch höchstwahrscheinlich erst am 8ten oder 9ten September von hier abreisen und also hoffentlich doch noch die außerordentliche Freude eures Besuchs haben werde. Kölliker sagte mir nemlich heute, daß er nun doch noch höchstwahrscheinlich erst am 11ten oder 12ten September von Vevay abreisen werde. Die absolute Sicherheit darüber kann er mir jedoch erst von Zuerich aus, wohin er Morgen abreist, geben und wird also der Plan erst definitiv Ende nächster Woche festgestellt sein. Natürlich werde ich euch alsogleich nachdem ich das Resultat seiner Pläne erfahre es euch mittheilen. Doch hoffe ich ganz bestimmt, daß ich nun die ersten 8 Tage des September noch werde hier sein und euren Besuch empfangen und mit herzlichster Freude genießen können. Sucht euch also möglichst darauf einzurichten! || Es thut mir sehr leid, euch Nichts Sichres aschreiben zu können. Allein ich muß mich nun einmal ganz nach Kölliker richten, da es mir äußerst wichtig sein muß, die Reise von Vevay nach Nizza in seiner Begleitung zu machen, wäre es auch nur aus dem Grund, weil er vortrefflich Französisch und Italienisch spricht, während ich keines von Beiden kann.

– Das zweite, worüber ich mit euch sprechen wollte, ist ein allerdings etwas sonderbarer Vorschlag. Doch kann man es kaum Vorschlag nennen und noch weniger eine Bitte, da ich vielmehr die ganze Angelegenheit, ohne euch zu- oder ab- zureden, eurem lediglichen Gutdünken überlassen will und muß. Wir 4 Reisegefährten haben nämlich sämmtlich den herzlichen Wunsch ausgesprochen, daß unser prächtiger Beckmann, den ich von Tag zu Tag lieber gewinne, und den ich unter allen meinen Bekannten, etwa Richthofen ausgenommen, in jeder Hinsicht am höchsten stellen, am meisten lieben und verehren muß, || daß dieser unser hochgeschätztester Freund uns nach Nizza begleiten möge. Uns würde durch seine Liebenswürdigkeit die köstliche Reise noch wesentlich verschönert werden und für ihn selbst wäre ein solches Intermezzo bei seinen angestrengten wissenschaftlichen Arbeiten äußerst wünschenswerth, da er fast noch gar keineb Reisen gemacht hat, die doch wesentlich zu seiner Ausbildung gehören, und da andrerseits seinem Körper eine solche Ausspannung aus dem ewigen Stubensitzen sehr heilsam sein würde. Nun ist aber Beckmann bekanntlich völlig mittellos, sein Vater ein armer Landpfarrer, der kaum seine Familie ernähren kann. Da hat nun Kölliker sich bereit erklärt, die Hin- und Rückreise zu bestreiten, respektive 150 Gulden zu geben, wenn der Aufenthalt in Nizza selbst durch andere Mittel bestritten werden könnte. Ich wollte euch nun fragen, ob wir nicht vielleicht durch eine Familiencollecte das dazu nöthige Geld, etwa 100–120 Gulden zusammen bringen könnten. Etwas würdet ihr selbst, || einiges vielleicht die Stettiner, die ihn hier kennen gelernt haben, einiges Tante Bertha etc geben. Jedenfalls würde das ein äußerst gutes Werk sein! Beckmann ist in der That ein so vollkommner, prächtiger Mensch, hier von allen Seiten so allgemein hoch geachtet und geliebt, der Liebling der Professoren wie Studenten, daß ich kaum von meiner eignen Neigung für ihn etwas hinzuzusetzen brauche, und euch nur daß [!] noch versichern will, daß, wenn ihr, wie ich hoffe, mich bedeutend verbessert und menschlicher geworden wieder finden werdet, Beckmann jedenfalls am meisten dazu beigetragen hat. Doch habe ich euch das ja oft genug geschrieben. Ich will euch, wie gesagt, keineswegs irgendwie zu diesem neuen Opfer zureden, da ihr ohnehin in diesem Sommer genug Ausgaben haben werdet und die Reise schon für mich etwas Bedeutendes kosten wird. Doch will ich euch wenigstens darauf aufmerksam machen daß, wenn Beckmann wirklich mitreisen sollte, wir Beide durch Wohnen auf einer Stube etc uns aufs Äußerste einschränken könnten. ||

Schließlich kann ich euch nur die alte Versicherung wiederholen, daß ich durch äußerst sparsames Leben in Berlin die großen Geldopfer für eine solche herrliche Reise, möglichst werde wieder einzubringen suchen, wie ich mich dessen hier schon stets bemüht habe. Übrigens braucht ihr ja nicht gleich über die Sache zu entscheiden und könnt sie erst reiflich überlegen. Hoffentlich können wir c auch erst noch mündlich darüber besprechen. Ich selbst würde euch nicht schon wieder mit diesem neuen Anliegen beunruhigen, wenn ich nicht die feste Überzeugung hätte, daß man damit wirklich ein so gutes Werk thut, als man nur irgends eins thun kann. Die Folgen, welche die herrliche Reise für die Entwicklung dieses außerordentlichen Geistes haben würden, würden gewiß sehr bedeutend sein. Ich wünschte nur daß ihr den prächtigen Mensch selbst recht ordentlich kenntet, um meinen Enthusiasmus für ihn begreifen zu können. ||

Es sind nun bald 8 Tage her, daß ich den Oberbefehl der Anatomie übernommen habe und ihr könnt euch denken, daß ich diese Zeit ordentlich benutzt habe, um noch die mancherlei Lücken in meinem d normalen und pathologisch-anatomischen Wissen möglichst auszugleichen, wozu mir die schönen Sammlungen treffliche Dienste leisten. Außerdem habe ich fast täglich 2–3 Sektionen gemacht, worin ich jetzt so viel Fertigkeit erlangt habe, daß mir die Sache für gewöhnlich ziemlich langweilig wird. Ich bin überhaupt froh, nun die pathologische Anatomie, nachdem ich sie ex fundamento (für meine Zwecke wenigstens!) losgekriegt, nun bald an den Nagel hängen zu können. Übrigens sind die vergleichend anatomischen und zoologischen Neigungen durch die Reiseaussichten wieder mehr als je auf den Damm gekommen und ich kann kaum die Zeit erwarten, wo ich die geliebten Seebestien wieder beobachten werde. Das soll mal eine Lust werden! ||

Wegen eines Passes habe ich hier jetzt dummerweise große Schwierigkeiten gehabt. Sie wollen mir nämlich hier keinen ausstellen, wenn sie nicht den alten daneben haben. Diesen habe ich nun leider Ostern in Berlin gelassen und mußte nun an Tante Bertha schreiben daß sie mir ihn womöglich sammt meinem Militärattest schleunig herschickt. Beide Papiere liegen bei meinen Andern in Papa’s Schreibtisch. Das Militärattest würde ich auch bei Ausstellung eines Berliner Passes brauchen. Doch werde ich nun hoffentlich einen von hier bekommen. –

Wegen des nach Nizza auszustellenden Wechsels meinte Kölliker, es wäre besser, wenn ich mir einen unbegränzten Creditbrief geben ließe, da man da nicht gezwungen wäre, alle im Wechsel angegebenen Summen aufzunehmen, und auch keine Interessen weiter zahlen müßte. Doch werdet ihr das wohl am besten bestimmen können. Mehr wie 170 rℓ etwa werde ich wohl schwerlich brauchen. Hoffentlich nicht so viel! ||

Hoffentlich seid ihr recht wohl und munter und mit den lieben Verwandten recht vergnügt. Ich wollte ich könnte auch da sein! Grüßt sie nur alle recht herzlich, sowohl in Aurich, als Bonn. Ich bin geistig und körperlich so wohl und munter, als wäre ich schon unterwegs und nicht mehr pathologischer Anatom. Sobald Koelliker mir den Termin der Abreise schreibt, melde ich ihn auch augenblicklich nach Bonn. Hoffentlich also auf recht freudiges baldiges Wiedersehn. In herzlicher Liebe euer alter Ernst.

a gestr.: zu; b eingef.: keine; c gestr.: sie; d gestr.: vergl.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
16-08-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37734
ID
37734