Haeckel, Ernst

Jena 25 Juli 71

Mein liebes Röschen!

Dein heute eingetroffener Brief, obwohl er nicht so vollkommnes Wohlbefinden meldet, wie zu hoffen wäre, hat uns doch sehr beruhigt. Du scheinst Dich nicht sehr nach dem kleinen stillen Jena in Deinem lauten rauschenden Badeleben zu sehnen! Wenigstens scheinst Du vergessen zu haben, daß Du volle acht Tage lang nicht geschrieben hast. Clärchen war schon vorgestern ganz außer sich und lief weinend und händeringend umher. Sie wollte || durchaus telegraphiren. Ich beruhigte sie jedoch mit der Versicherung, daß sicher nur die gewöhnliche ungenaue Anschauung, welche das weibliche Geschlecht von Raum und Zeit dergl. allgemeinen Begriffen besitzt, an Deiner Schreib- Nachlässigkeit schuld sein werde!

Nun laß uns aber nicht so lange wieder auf Nachricht warten. Hoffentlich lautet dieselbe besser. Ich bin aber schon froh, daß Du wenigstens wieder baden kannst.

Bezüglich des Gebrauchs der Bäder folge übrigens lediglich dem || Rathe von Dr. Bode, und nicht dem guten Rathe von Frau Bonitz und anderen Frauen. Wenn die Cur ordentlich helfen soll, muß sie auch regelmäßig fortgebraucht und nicht oft unterbrochen werden.

Daß Dir Gregorovius gut gefallen hat, freut mich um so mehr, als du früher immer dies Buch als ein schlechtes und langweiliges zurückgewiesen hast. Hoffentlich bist Du auch mit der kleinen Lectüre zufrieden, die ich Dir mit meinem letzten Briefe gesandt habe. Wenn Du mehr willst, schreibe es! ||

Unsere beiden lieben Würmerchen sind sehr munter! Laura ist Sonnabend nach Haus gegangen, nachdem Alles in der neuen Wohnung gereinigt war.

– Rosa Schüler hat ihre Verlobung aufgelöst und geht als Gouvernante nach Berlin. – Bei Gegenbaurs war ich vorgestern (Sonntag) zu Mittag. Sie ist sehr schwerfällig. Mit Carlo habe ich am Samstag einen sehr schönen Spaziergang um’s Hufeisen gemacht. –

Nun, mein liebes Herzchen, wünsche ich Dir und der guten Mamma von Herzen baldige und völlige Genesung. Kommt recht, recht bald zurück! Das einsame Leben gefällt mir gar nicht! Von Herzen

Dein treuer Ernst.

a Selbstverständlich die herzlichsten Grüße von mir und Clärchen an die Mamma.

b Otto konnte leider vorigen Sonntag wegen vieler Arbeiten nicht fortkommen, kömmt aber vielleicht nächsten.

a weiter am Rand von S.4.; b weiter am Rand von S. 1;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
25-07-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37577
ID
37577