Nürnberg 23
August 68
Meine liebste Agnes!
Obgleich ich erst 2 Tage von Dir fort bin, wirst Du mir doch hoffentlich nicht böse sein, wenn ich Dir schon heute aus unsrem lieben Nürnberg ein erstes Lebenszeichen sende! Wie viel habe ich Deiner schon gedacht und mich nach Dir gesehnt! Wenn Du heute mit hier wärst, würdest Du die Herrlichkeiten der Reise wohl noch besser genießen, als vor einem Jahr, und Dich nicht so sehr über die schlechte Gesellschaft beklagen! Wenigstens hoffe ich, daß Du diesmal mit Deinem Reisebegleiter und Hausknecht zufrieden sein würdest. ||
Hoffentlich bekomme ich morgen oder übermorgen in München gute Nachricht von Dir. Ich hoffe, daß Dir die Ruhe des Hauses recht gut thun, und Dein zartes Nervensystem bald wieder in die beste Stimmung versetzen soll! Mir bekommt die Faulenzerei der Reise und die vollständige Erholung meines abgearbeiteten Gehirns nach der harten Arbeit der letzten 6 Monate sehr gut! Ich erhole mich jeden Tag mehr, und hoffe bald ganz frisch zu Dir, mein liebstes Herzchen, zurückzukommen. Ich fühle jetzt recht, wie nothwendig mir diese Erholungsreise nach der furchtbaren Überarbeitung des Sommers war. Daß wir uns nicht zu sehr anstrengen, dafür sorgt der dicke Allmers! Grüße Dein liebes Mammachen und Deine Schwestern herzlichst von mir. Du selbst aber sei tausendmal geherzt und geküßt
von Deinem treuen Ernst. ||
In München bleiben wir wahrscheinlich von morgen (Montag) bis Donnerstag. Vielleicht schreibst Du dorthin noch einmal. Von dort in 2 Tagen nach Innsbruck.a ||
Den nächsten Brief schicke nach Innsbruck poste restante.b ||
Beifolgendes Reisetagebuchblatt (T. R. 2) schicke nebst Einlage an die Eltern, liebstes Herz! Die Briefe in Bozen werden mich von 2-4 Sept. dort treffen. Am 4. oder 5. denken wir nach Riva zu gehen (Riva am Gardasee poste restante zu adressiren), wo wir wohl 4-6 Tage bleiben werden. Laß sogleich den Lithograph Müller zu Dir kommen und theile ihm dies mit. Er soll die Correktur des Bildes nicht nach München oder Innsbruck, || sondern nach Bozen oder Riva schicken, je nachdem sie fertig wird. Zu der Hochzeit von Heinrich Sethe könnten wir (am 11. Sept.) am Ende die kleinere von unsern beiden royalen Punschbowlen schenken?
Sonst können wir das auch nach meiner Rückkehr überlegen! – Grüße Mamachen und die Schwestern herzlichst, liebster Schatz, auch Otto und Ernst, falls sie da sind.
Allmers schickt ebenfalls beste Grüße. Dich selbst aber, mein süßes kleines Herzblättchen, küßt und herzt in Gedanken Dein treuer, liebster Ernst.
Ein Viertel unserer Trennungszeit ist fast vorbei!c
Nur frischen Muth immer, mein liebstes Herz!d
[Beilage: Tagebuchblatt]
Tyroler Reise.
Herbst 1868.
Freitag 21. August wanderte ich morgens früh um 4 ½ Uhr aus Jena, bepackt mit zwei Reisetaschen von zusammen 40 ℔ Gewicht. Indessen drückten mich diese nicht so sehr, als die Correkturbogen der „natürlichen Schöpfungsgeschichte“, die mir in den letzten Tagen das Leben noch recht sauer gemacht hatten. Glücklicherweise hatte sich die furchtbare, seit 6 Wochen herrschende Gluthhitze gerade 2 Tage vorher abgekühlt, und so ging die Wanderung in der kühlen Morgenfrische rüstig vorwärts. Um 7 Uhr war ich bereits auf dem Bahnhof in Apolda und fuhr eine halbe Stunde später in 2 ½ St. nach Eisenach. Hier wanderte ich zunächst in das Marienthal, dann in das Annatal und die Drachenschlucht, und von da auf die Wartburg. Grade vor einem Jahre, an demselben Vormittag (21/8) hatte ich dieselbe Wanderung mit Agnes in umgekehrter Richtung angestellt. Das Wetter war heute, wie vorm Jahre, sehr schön und die ganze Wanderung sehr erfrischend. Die Wiesen waren allerdings in Folge der enormen Hitze fast verdorrt. ||
Um 3 Uhr fuhr ich aus Eisenach und war um 6 Uhr in Coburg. Beim Aussteigen stieß ich auf Allmers, der grade weiter reisen wollte, nun aber die Nacht noch in Coburg blieb.
Er war mit 2 alten Hallebarden bewaffnet, welche er aus der Rüstkammer des Coburger Schlosses gekauft hatte. Wir machten noch zusammen einen Spaziergang auf den Festungsberg.
Sonnabend (22. Aug) früh 7 Uhr fuhren wir von Coburg in 5 Stunden nach Nürnberg (ebenso wie vor einem Jahre um dieselbe Zeit). Um 12 Uhr hier angelangt, nahmen wir Quartier in der „Himmelsleiter“, einer alten berühmten Studentenkneipe. Um 2 Uhr wanderten wir um den Stadtgraben herum nach dem Germanischen Museum und dann durch die Straßen der alterthümlichen Stadt, mit ihren prächtigen Kirchenbauten, Giebelhäusern u.s.w. Die alte Burg machte sich heute, in eigenthümlicher violetter Beleuchtung, sehr malerisch und erinnerte mich lebhaft an den Besuch im vorigen Jahre!
Abends waren wir mit Dr. von Eil, einem Konservator und Gelehrten des Germanischen Museums zusammen, einem sehr netten, feinen und gescheuten Manne, den Allmers von früher kannte.
a Text („In […] Innsbruck.“) vertikal am linken Rand von S. 1; b Text („Den […] restante.“) vertikal am linken Rand von S. 2; c Text („Ein […] vorbei!“) vertikal am linken Rand von S. 4; d Text („Nur […] Herz!“) vertikal am linken Rand von S. 3