Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 25. Juli 1856

Würzburg 25/7 56

Liebe Eltern!

Vorgestern Abend kam euer lieber Brief vom 20/7 an. Er ist also wieder 3 Tage gegangen (was mir sehr lange vorkommt!) und trägt die Poststempel „Bückeburg 21/7, Frankfurt 22/7, Würzburg 23/7“. Nach Freienwalde gehen die Briefe viel rascher, schon in 1½ Tagen. Zugleich mit dem eurigen kam einer aus Freienwalde vom 22/7 an, welcher als Einlage den beifolgenden Brief an euch enthielt. Komischer weise hatte ich gleichzeitig währenddem einen Brief an euch über Freienwalde geschickt. Da ihr nun diesen inzwischen wohl bekommen haben werdet und also über die sehr fidelen Freudentage, welche ich neulich, namentlich am Samstag bei Virchows Ehrenfest, und am Sonntag bei Anwesenheit der lieben Stettiner Verwandten hatte, unterrichtet seid, so kann ich mich heute sehr kurz fassen. ||

Auf die Tage der excessiven Freude folgten wie das ja von Alters her bei mir gewöhnlich so geht, Tage des excessiven Jammers. Diesmal war es nur nicht, wie oft früher, bloß selbstgeschaffen oder eingebildet, sondern sehr materiell begründet. Schon am Montag früh, als die Stettiner abgefahren waren, fühlte ich mich nicht recht wohl, hatte gar keine Arbeitslust (was ich mir durch das schöne Bummeln am Tag vorher erklären zu müssen glaubte!) und that eigentlich den ganzen Tag, sehr matt und niedergeschlagen, Nichts. In der Nacht bekam ich heftige Diarrhoe, welche sich am Dienstag früh, von den heftigsten Kolikschmerzen und fieberartigem Frösteln begleitet, so steigerte, daß ich schon um 9 Uhr von der Anatomie wieder nach Hause gehen mußte. Dabei wurde ich zugleich plötzlich a so matt, daß ich weder stehen noch gehen konnte; mein Hausbursch, Dr. Rausch aus Speier, ein sehr lieber, gemüthlicher Kerl, brachte mich sogleich zu Bett und holte dann || Beckmann und Dr. Grohé (meinen Amtsvorgänger). Diese 3 hielten nun über mich Consilium und waren bald über dieb Behandlungsweise einig. Sie pumpten mir Opium in großen Gaben ein (welches ich selbst schon in der Nacht genommen) und verordneten heiße Breiumschläge auf den ganzen Unterleib, so warm ich sie nur vertragen konnte. Die Colikanfälle hatten inzwischen einen so hohen Grad erreicht, wie ich sie vorher nie kannte. Von 10–11½ Uhr wurde ich davon continuirlichc in solchem Grade gequält, daß ich mich wie ein Wurm hin und her d wand und ohne eine Minute Ruhe in den heftigsten Convulsionen lag. Dabei trotz doppelter Betten solcher Frost, daß ich mit allen Gliedern zitterte. Gegen Mittag ließ endlich der Kolikkrampf auf die fortgesetzte Anwendung der anfangs sehr schmerzhaften Kataplasmen sehr nach. Auch die sehr heftigen Diarrhoeen blieben Nachmittag auf die großen Opiumdosen aus. (ich schluckte in dieser kurzen Zeit fast eine Drachme Laudanum liquidum) ||

Um 1 Uhr nach dem Colleg kam Virchow, welcher mir statt der reinen Opiumtinctur Doversche Pulver verschrieb und die heißen Umschläge fortsetzen ließ. Jedoch war mein Magen so reizbar, daß schon nach dem 2ten Pulver heftiges Brechen eintrat, weßhalb ich diese aussetzte und zum reinen Opium zurückkehrte. Gegen Abend hatten die heftigen Anfälle ganz aufgehört, doch war ich so vollständig caput und herunter, daß ich ine einer Art lethargischer Erstarrung regungslos hindämmerte und in vollständiger Gleichgültigkeit gegen alle Dinge weder denken noch sonst etwas konnte. Ich weiß nur noch, daß ich noch vor Abend in sehr festen tiefen Schlaf verfiel, und am andern Morgen um 8 Uhr, in Schweiß durch und durch gebadet, f zwar sehr schwach und matt, aber relativ frei und klar mich fühlend, aufwachte. Da der Nachmittag sehr warm und schön war, so durfte ich dann etwas aufstehen, und umhergehen. Doch war ich noch so zerschlagen, daß ich kaum gehen und stehen, geschweige denn arbeiten konnte. ||

Auch gestern (Donnerstag) war ich noch vollständig leistungsunfähig und suchte mich nur allmählig wieder etwas an die gewöhnliche Lebensweise zu gewöhnen. Erst heute bin ich ganz vollständig wieder auf dem Damme, und so frisch, munter, leistungsfähig und willig, wie irgend einen Tag vor der Affaire. Ich habe euch die ganze Geschichte so ausführlich getreu geschrieben, weil sie ein vortrefflicher Beitrag zur Theorie meines Organismus ist, der sowohl körperlicher- als geistigerseits immer die Extreme zu lieben scheint und von einem ins andre umschlägt. Ein gut Theil der enormen nervoesen Reizbarkeit und Reflexerregbarkeit habe ich dabei wohl von meiner lieben Alten geerbt, die ja auch von ihren „Nerven!“ oft so sehr gequält wird. Was eigentlich die nächste Ursache der ganzen Geschichte war, darüber sind die gelehrten Herren Doctoren auch jetzt noch nicht einig, wahrscheinlich ein derber Diätfehler (dessen ich mir gar nicht bewußt bin) || oder eine tüchtige Erkältung (die ich mir höchstens am Sonntag bei der Wasserfahrt könnte zugezogen haben). Ihre einstimmige Diagnose lautet auf: Gastroenteritis catarrhalis acuta! (rheumatische Kolik mit starkem Darmkatarrh). Übrigens waren meine Bekannten alle äußerst liebenswürdig und aufmerksam, namentlich hat Hr. Grohé förmlich durch seine Güte mich beschämt. Auch meine Wirthin pflegte mich sehr sorglich, und über Virchows Theilnahme war ich ordentlich überrascht. Fast den ganzen Tag hatte ich Besuch und fast beständig war einer oder der andre als Wärter da! Ich hätte in der That nicht gedacht, daß die Leute so außerordentliche Theilnahme gegen mich zeigen würden! Nachträglich werde ich viel mit der ganzen Geschichte geneckt, da man den ganzen fieberhaften Anfall mit der Anwesenheit meiner beiden liebenswürdigen Cousinen in Causalnexus bringt, wegen deren ich überhaupt, sowohl von meinen Bekannten, als auch Kölliker und Virchow, viel Neckereien auszustehen gehabt habe. Ich habe mich aber auch am Sonntag sehr über sie gefreut!

– Das Wichtigste, was mir jetzt, nach wiedererlangten Kräften, im Kopf herum geht, und meine Gedanken am meisten beschäftigt, ist die Reise nach Triest, g von der ihr schon im letzten Brief (über Freienwalde) gehört haben werdet. Ich habe nun inzwischen mit Koelliker darüber gesprochen und die Sache scheint sich in der That vortrefflich zu machen. Koelliker beabsichtigt mit Heinrich Mueller (von hier) Mitte September zur Naturforscher Versammlung nach Wien (die etwa vom 16ten–22ten September dauern wird) h und von da auf mehrere Wochen nach Triest zu gehen, um dort Seethiere zu beobachten (ein ganz vorzüglicher Fundort, auf dem auch Johannes Mueller viele seiner bedeutendsten Entdeckungen gemacht hat). Wie äußerst erwünscht in jeder Beziehung mir Köllikers mehrmals aufs freundlichste wiederholter Antrag, ihn dahin zu begleiten, kam, und welche außerordentlichen Früchte mir diese herrliche Gelegenheit, wenn sie sich verwirklichen sollte, bringen wird, darüber brauche ich wohl gegen euch kein Wort zu verlieren. ||

Nur dasi füge ich hinzu, daß sich der Plan mit meinen hiesigen Verhältnißen trefflich wird vereinigen lassen. Virchow wird nämlich wahrscheinlich nur den Anfang der Ferien verreisen und Ende September, wo ich also grade in Triest sein würde, hier sein und mich dann nicht brauchen, da dann auch sein Nachfolger schon gekommen sein wird. Doch ist die ganze Geschichte noch zu sehr im Weiten, um euch jetzt schon ausführlicher darüber zu schreiben. Wenn im Herbst wieder die Cholera in Triest sein sollte, so wird Koelliker statt dessen nach Nizza gehen, wohin ich ihm sowohl aus pecuniaeren, als andern Rücksichten nicht würde folgen können. Sollte dagegen unser Triester Plan zu Stande kommen, so würde ich euch, liebste Eltern, aufs Inständigste bitten, mir die Erlaubniß und die Mittel zu dieser etwa 4 wöchentlichen Reise zu gewähren, aus Gründen, über die ich jetzt weiter kein Wort verlieren will, da sie euch von selbst gewiß im höchsten Grade einleuchten werden. ||

Euer allerliebster Plan, mich auf eurer Rückreise hier in Würzburg zu besuchen, würde natürlich dadurch gar keine Störung erleiden, da ihr doch jedenfalls Anfang September oder gar schon Ende August kommen würdet, während ich erst Mitte September abreisen und etwa bis Mitte Oktober wegbleiben würde. Doch das Nähere später!

– Auf eure Herkunft freue ich mich schon jetzt außerordentlich. Schon der Stettiner Besuch hatte einen recht freudigen Lichtblick in mein sonst so monotones, düsteres Leben geworfen. Wie nett wird das sein, wenn ich euch, liebste Eltern, erst hier habe. Am Dienstag Nachmittag, als ich grade meine heftige Kolik und Fieberanfälle überstanden hatte, besuchten mich Brunnemanns auf einen Augenblick. Ich konnte sie natürlich gar nicht in der Stadt umherführen worüber ich mich indessen sehr getröstet habe! Wie schlimm wär das gewesen, wenn es mir am Sonntag passirt wäre! – ||

Daß es Dir nun endlich besser geht, mein liebes Mutterchen, freut mich sehr. Es war aber auch die höchste Zeit, daß Du endlich Chinin nahmst um das böse Fieber los zu werden. Die ganze Geschichte hat mich aufs Äußerste afficirt. j Wenn man so einmal eine recht liebe und theure Person von einem Arzte ganz falsch behandeln sieht, dann wird man erst recht des ganzen Unglücks, das die unwissenschafliche Quacksalberei zu Stande bringt, inne. Ich will jetzt nicht weiter auf den Dr. v. Moeller schimpfen, da Du, lieber Vater, einmal so sehr einseitig für ihn eingenommen bist, bedenke Dir aber nur, daß alle meine Bekannte meine Ansicht und Handlungsweise vollkommen billigen, und gestern noch Virchow, mit dem ich nochmals ausführlich darüber sprach, mich darin vollkommen bestätigt und gerechtfertigt hat. Nun Gott sei Dank, daß es vorbei ist. Nimm Dich nur aufs Äußerste vor jeder Erkältung in Acht und sei auch noch recht vorsichtig mit der Diät, liebste Mutter, besonders auf der Reise, und wenn ihr dabei durch Sumpfgegenden kommt. Und nimm noch tüchtig || China. Grade bei Deiner Schwäche und allgemeinen Mattigkeit paßt sie vortrefflich. Wenn ihr euch gehörig in Acht nehmt, geht nur auch nach Aurich, obgleich ich euch, wenn wirklich Wechselfieber dort herrschten, nicht rathen würde, lange da zu bleiben.

– Hoffentlich habt ihr nun jetzt endlich auch Sommerwetter, so daß ihr die schöne Gegend besser genießen könnt. Mache Dir nur möglichst viel Bewegung im Freien bei Sonnenschein und nicht zu spät am kühlen Abend, liebe Mutter. –

Deine Bemerkungen über eure Lectüre, lieber Vater, namentlich über Nordamerika, haben mich sehr interessirt. Besonders neugierig bin ich aber auf das Schwarzsche Buch, das nach Deinen Mittheilungen sehr meinen Ansichten entsprechen würde. Was sagst Du denn zu der Spanischen Revolution. Unsere, d.h. Beckmanns und meine kriegerische Stimmung betheiligen sich dabei sehr, namentlich für Saragossa. Auch die Heidelberger Studentenunruhen machen natürlich hier sehr viel Aufsehen. Übrigens || geben unpartheiische Leute den Korps allgemein vollkommen unrecht. Namentlich ihr Benehmen gegen die Nichtkorpsstudenten soll höchst arrogant und aggressiv gewesen sein. Nur daß sie dem orthodoxen Prorector Schenkel (dem Schuft, welcher hauptsächlich die schmachvolle Wegweisung Kuno Fischers betrieben hat) sowie dem gleichgesinnten Senat ein Pereat gebracht, finden wir recht gut. Wenn nur die beiden Vettern nicht dabei zu tief verwickelt sind. Ihre Korps haben nicht den besten Ruf. Sie sind jedenfalls, wie gewöhnlich, sehr kopfüber hineingezogen worden.

– Nun seid so gut, liebe Eltern, und schreibt mir im nächsten Brief, ob ihr vorläufig meinen Triester Plan billigt und mir zu der Reise, die außer ihrer großen wissenschaftlichen Bedeutung kfür mich zugleich nach dem schweren Sommer eine köstliche Erholungstour sein würde, Mittel geben wollt. Ist dies der Fall und wird etwas daraus, so muß ich mit den Vorstudien früh anfangen, um gehörig gerüstet und vorbereitet hinzukommen. Den nächsten Brief schicke ich wohl noch nach Eilsen.

In herzlicher Liebe euer alter Ernst.

a gestr.: im Gehen; b korr. aus: diese; c eingef.: continuirlich; d gestr.: he; e eingef.: in; f gestr.: aber re; g gestr.: die ich; h gestr.: zu; i korr. aus: daß; j gestr.: Wem; k gestr.: zugleich

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
25-07-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37523
ID
37523