Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 11. Juni 1856

Würzburg 11/6 56

Meine lieben Eltern!

Ihr werdet nun wohl allmählig ungeduldig, daß ich euch noch immer nicht auf euren lieben letzten Brief geantwortet. Da ich aber den Brief nicht ohne die Photographieen abschicken wollte und die letztern erst heute fertig wurden, so mußte ich nolens volens bis heute warten. Ich wünsche, daß euch die Bilderchen Freude machen und bitte euch, sie unter die Bekannten und Verwandten, deren Namen ich entweder unten darunter, oder auf die Rückseite geschrieben habe, zu vertheilen. Der Verfertiger derselben ist ein verdorbner Erlanger Student, welcher sich es zur Lebensaufgabe gemacht hat, Studenten en gros um einen wirklich lächerlich billigen Preis zu photographiren, so daß wohl die Hälfte der hiesigen Studentenschaft in seinem Atelier sich hat vervielfältigen lassen. Fein sind die Dingerchen freilich nicht, zum größten Theil aber sehr ähnlich. Findet ihr das meinige ähnlich, und verlangt ihr noch mehr Exemplare, so schreibt mir. Ich kann immer noch nachliefern lassen. Die Exemplare für Karl und Mimmi schickt ihnen zum 8ten Juli, zu Mimmis Geburtstag. Von den nicht bezeichneten Exemplaren dachte ich, a daß ihr eines den alten Weißens geben möchtet (falls ihr es passend findet), ein anderes an Onkel und Tante nach Aurich, und eines für die Bonner mitnähmet. Eins kann auch Tante Gertrude kriegen, falls ihr es durchaus für nothwendig erachtet. Für den Rest findet sich vielleicht hie und da in Berlin noch eine Person, welche an mir ein besondres Interesse zu nehmen sich in der Lage befinden zu können glauben dürfte! ||

– Die Nachricht, die ihr b mir in euren letzten Brief von der Insufficienz der Sackschen Stiftung mittheilt, hat mich nicht sehr angenehm überrascht und ich habe ein paar Tage fast ordentlichen moralischen Kater darüber gehabt, daß ich das lumpige Doctorexamen nicht längst abgemacht. Der Gedanke, daß, wenn ich dies vor Ostern gethan hätte, ich euch 400 rℓ erspart, respektive mir die Möglichkeit, 1 Jahr länger zu studiren, verschafft hätte, hat mich ein paar Tage lang förmlich gemartert. Sollte es übrigens noch möglich sein, daß ich die 400 rℓ bekomme, wenn ich mein Examen, respective die Promotion gleich nach meiner Ankunft in Berlin noch im Oktober (oder auch noch früher) abmache, so schreibt mir dies ja. Ich richte mich dann so ein, daß ich jedenfalls eine Dissertation, wenn auch eine sehr schlechte, fertig habe. An dem Thema, das mir Virchow zur Dissertation gegeben, arbeite ich nun schon bald einen Monat, ohne auch nur das Geringste herausgebracht zu haben. Ich soll die Natur und Entstehungsweise von kleinen Bläschen (Cysten) ergründen, welche sich sehr häufig an den Zotten der Blutgefäßnetze (plexus chorioidei) in den Höhlen des Gehirns finden, das ist ein verdammt subtiles und schwieriges Thema, und fürc meine groben Hände und namentlich für meine unruhige Ungeduld ein bischen gar zu fein. Ich habe schon oft fast ganz den Muth verloren, und möchte manchmal, wenn ich so 2–4 Stunden ohne irgend ein Resultat hinter dem Microscop gesessen, fast davonlaufen. Da heißts aber: aushalten! Und Geduld wenigstens lerne ich dabei. Hoffnung habe ich aber wenig. ||

Im Übrigen kann ich euch von meinem Leben sehr wenig mittheilen. Es geht so ziemlich einen Tag wie alle Tage. Außer meiner anatomischen Thätigkeit tangirt mich sehr wenig, und das in dieser Hinsicht Interessante hat für euch doch kein Interesse. Vorige Woche gabs einmal sehr wenig zu thun. Es schien völlige Immortalität im Spital eingetreten zu sein. Um so mehr konnte ich für mich in Anatomie arbeiten. Vorgestern und ebenso gestern gabs aber wieder auf einmal je 3 Sektionen, so daß ich alle Hände voll zu thun hatte. Bei der großen Hitze werden die Sektionen mit ihrem Schmutz und Gestank, namentlich da zugleich die große Feuchtigkeit die Fäulniß sehr begünstigt, jetzt manchmal selbst für Virchow etwas unangenehm. Ich habe aber jetzt so gründlich alle und jede Scheu und Furcht überwunden, so total den ganzen Frachtwagen von Vorurtheilen und Launen, den ich, wie die Schnecke ihr Haus, mit mir herumschleppte, abgeworfen, daß mich absolut gar Nichts von all dem Schauerlichen und für Laien Entsetzlichen, das es in der Medicin giebt, mehr nur irgendwie aus der Fassung bringen kann. Wie kann man sich doch ändern! Wenn ich 1852d als jämmerlicher Fuchs zu präpariren anfing, faßte ich Alles womöglich nur mit Pincetten und Tüchern an, und hatte ich mich ja zufällig etwas auch bei einer ganz gesunden Leiche in den Finger geschnitten, so ätzte ich mich gleich so stark mit Höllenstein, daß es 6 Wochen lang eiterte. Jetzt wühle ich selbst mit angerissenen und geritzten Händen in all dem faulen Zeug so gleichgültig herum als legte ich Pflanzen ein, und es hat mir auch noch gar Nichts geschadet. Welche absolute Gleichgültigkeit man überhaupt gegen den Tod dabei bekömmt ist wirklich merkwürdig und ich hätte nie gedacht daß ich mit so stoischer Ruhe das alles ertragen könnte. ||

Selbst in den chirurgischen Operationen, noch im vorigen Semester das Schrecklichste, was ich mir denken konnte, übe ich mich jetzt so viel als möglich mit förmlichem Vergnügene und suche mir dabei so viel manuelle Geschicklichkeit anzueignen, als sollte ich Chirurg ex professo werden. Und mit dem guten Willen geht Alles!

– Mein persönliches Verhältniß zu Virchow bleibt immer dasselbe, kalt und objectiv, und ist gewiß dadurch für mich höchst ersprießlich, daß ich mir meine schreckliche Subjectivität dabei gründlich abgewöhne. Aber auf die Dauer ist das doch etwas Trauriges. Und wie viel lieber und aufmerksamer würde [ich] ihm in jeder Hinsicht die kleinen Dienste leisten, wenn er zugleich gemüthlich mir etwas näher treten wollte. Wie viel glücklicher ist in dieser Beziehung Lachmann mit seinem göttlichen Johannes Mueller daran, bei dem es eine wahre Freude sein muß, auch die langweiligsten und unfruchtbarsten Mühen ihm möglichst abzunehmen! –

Das Verhältniß zu meinem Vorgänger, Herrn Grohé, mit dem ich anfangs sehr unangenehm gespannt stand, bessert sich jetzt auch etwas. Man muß sich in die Leute finden!

– Dagegen wird mir das wirklich wahrhaft freundschaftliche Verhältniß, in dem ich zu dem herrlichen kleinen Beckmann jetzt stehe, mir alle Tage lieber und werther, und ich bemühe mich möglichst, nach seinem köstlichen Vorbilde Mensch zu werden, wenngleich ich in vielen Punkten mit ihm differire, und wir uns fast beständig etwas kampeln. Nach dem gemeinschaftlichen Mittagessen gehen wir gewöhnlich aufs Glacis zusammen Kaffeetrinken und auch Abends essen wir meist zusammen. ||

Überhaupt mache ich mir jetzt etwas regelmäßiger Bewegung. Mein plethorischer Cadaver hält doch das ewige Sitzen ohne Unterbrechung nicht aus, und der gute Vorsatz, den ganzen Sommer nicht aus der Stadt hinauszugehen und Tag aus Tag ein auf der Anatomie zu hocken, ist schon dahin. Gewöhnlich gehe ich Abends gegen 9 Uhr hinaus unters Käppele und schwimme da im Dämmerlicht oder beim Mondschein ½ Stunde im Main, ein ganz göttliches Vergnügen. Das Schwimmen war nächst dem Bergesteigen, Felsenklettern und dem dreibeinigen Herabschurren über schief geneigte Schneefelder von jeher mein größtes körperliches Vergnügen; aber seitdem ich die prächtigen Wellen der stürmischen Nordsee, und den milden adriatischen Spiegel Venedigs gekostet, wollen die bescheidenen Flüsse nicht mehr recht schmecken. Da versuche ich mir denn den Wellenmangel durch möglichst extensive körperliche Evolutionen zu ersetzen und plätschre und tolle in dem zahmen Wasser, wie ein Wallfisch an der Harpune. Überhaupt fängt der wilde Übermuth der Knabenzeit sich nach langem, schlappen Schlafe wieder mächtig an zu regen und das „Weit, weit in die Welt hinaus!“ packt mich oft als müßte ich augenblicklich aus dem engen Käfig fliehen f und auf Reisen oder in den Krieg gehen. Da schaue ich dann sehnsüchtig nach den blauen Bergen der Rhön und des Odenwalds hinüber, die zum hohen Mainufer herüberschimmern, denke, was wohl Alles dahinter sein mag, und tröste mich auf bessre Zeiten! Auch der kleine Beckmann hat sehr oft solchen kriegerischen Raptus und wir begeistern uns dann lebhaft in Gedanken an die Heldenthaten, die wir im nächsten Krieg vollbringen wollen. ||

Wie ich das den ganzen schönen Sommer hier aushalten werde auch nicht einen Tag aus der nächsten Umgebung herauszukommen, ist mir wirklich noch unklar. Schon jetzt zuckts mir an schönen Tagen in allen Gliedern. Die verwünschte Reiselust! Nur der Gedanke, daß Beckmann auch die Ferien über hier bleiben wird, tröstet mich. Da solls ein lustiges Schaffen und Arbeiten geben! Die Hälfte vom Semester ist nun schon vorüber. Der schönen Tage sind übrigens zum Glück bis jetzt wenig genug gewesen. Wir haben hier so einen fabelhaften Überfluß an atmosphärischen Niederschlägen, daß die sonst so trockne Muschelkalkmulde beständig vollkommen feucht und in dem einen Monat Mai mehr Regen gefallen ist, als sonst in einem Jahr. Das tollste Unwetter war heute Morgen, wo ein furchtbarer Wolkenbruch in den beiden nächsten Dörfern Dürrbach und Versbach mehrere Häuser fortschwemmte und Menschen ertränkte und in der Stadt selbst mehrere Straßen in ein paar Minuten unter Wasser setzte.

Ich wünsche euch zu eurer Reise von Herzen bessres Wetter. Den nächsten Brief werde ich euch also nach Nenndorf schicken. Schreibt mir aber doch die Adresse genau! Die einliegenden Briefe an Lachmann und Weiß besorgt ihr wohl, wie auch die Bilder dazu.

An Karl werde ich zu Mimmis Geburtstag schreiben. Grüßt ihn inzwischen herzlichst, wie die Freunde und Verwandten. Glückliche Reise!

Euer alter Ernst.

a gestr.: eines; b gestr.: ihr; c eingef.: für; d eingef.: 1852; e eingef.: mit förmlichem Vergnügen; f gestr.: da

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
11-06-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37517
ID
37517