Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Würzburg, 8. Dezember 1855

Würzburg Samstag 8/12 55 früh.

Mein liebes, gutes Mutterchen!

So eben erhielt ich Deinen besorgten Brief, der durch Bummelei des Briefträgers hier wieder ein paar Tage gelegen zu haben scheint. Wenigstens ist er schon den 4 c. aus Berlin abgeschickt. Obwohl Du nun inzwischen gewiß meinen am 3 c. geschriebenen Brief, welcher auch die Antwort auf Richthofens Brief enthielt, erhalten hast, beeile ich mich doch, Dir mit ein paar Zeilen zu antworten, um Deine ganz unnöthige Unruhe und Sorge wegen meines verwundeten Fingers zu beschwichtigen. Die Sektionswunde, welche allerdings sehr hartnäckig und schlimm war, ist seit ein paar Tagen vollkommen gut zugeheilt, und ich befinde mich körperlich vollkommen munter und wohl. Ebenso ist auch mein Geist und Sinn ganz „auf dem Damm“, a natürlich so weit dies dem schweren Druck der praktischen Medicin und die große Sehnsucht, welche ich nach Euch Lieben in Berlin habe, zuläßt. Die letztere wird nur durch den Gedanken an das nahe Ostern etwas beschwichtigt. Was soll das für eine Wiedersehensfreude werden! In 14 Tagen ist Weihnachten und dann ist schon die Hälfte des traurigen Wintersemesters vorüber. Wenn ich nicht durch die beständige Arbeit, die mich den ganzen Tag über nicht zu mir selbst kommen läßt, vollständig beschäftigt würde, könnte mich der höchst ungemüthliche Habitus meines ganzen jetzigen Lebens ganz melancholisch machen. Besonders tief empfinde ich, im Gegensatz zub dem schönen vorigen Winter, den Mangel alles Familienlebens. So lernt man immer aus dem Mangel des Schönen und Guten dessen wahren Werth erst schätzen! In dieser Beziehung ist der hiesige Aufenthalt recht gut! Nur das Weihnachtsfest fürchte ich sehr. Da wird es meinem einsamen Herzen doch wohl etwas sehr bange werden. Nun, ich will wenigstens recht von Herzen an euch Lieben denken. Wie schön c ist es doch wenn man so ganz im Geist mit seinen fernen Lieben sich zusammen fühlt. Auch meine Berliner Freunde vermisse ich jetzt recht sehr. ||

Besonders fehlt mir der gute, liebe Richthofen, der nebst dem kleinen Weiß wohl von allen meinen Freunden derjeniged ist, der mich noch am meisten zu verstehen und meine Gesinnungen zu theilen scheint. Wie schade, daß ich den lieben Jungen wohl schwerlich nächsten Sommer noch lange genießen werde! Auch Claparède, den ich ebenfalls sehr gern habe, wird dann wohl fort sein. Andre Bekannte werde ich freilich den Sommer genug finden, vor allem den lieben Ernst Weiss, dann Georg Quinke, Lachmann etc. Daß mich Richthofens großartige Reiseaussichten mächtig erregt haben, könnt ihr euch denken. Jede solche Nachricht bringt jetzt in meinem unruhigen Sinn ein ganzes Heer revolutionärer Reisegedanken auf die Beine. Ich muß mich ordentlich in Acht nehmen, Reisebeschreibungen etc zu lesen. Denn so wie ich von den neuen Entdeckungen in fernen Tropenländern höre, haben meine Gedanken gleich nichts Eiligeres zu thun, als sich die ganze Fauna und Flora dieses Landes en detail auszumahlen. So wirkt z. B. das Lesen von „Petermanns Nachrichten aus J. Perthes geographischem Institut,“ welche Papa wohl auch kennt, und welche hier auf der Harmonie aushängen, entschieden verderblich. Als ich neulich darin die Nachrichten von Vogels Reise in Afrika, besonders aber von den Gletscherparthien der Gebrüder Schlaginweit auf dem Himalaya las, träumte mein rebellischer Sinn die folgenden Tage von Nichts als Reisen und immer wieder Reisen! Doch nun genug von dieser Reisemanie! – Von meiner Alpenreise schicke ich ein inzwischen fertig gewordenes Blatt mit.

Von Karl erhielt ich vor ein paar Tagen einen Brief. Wie schön ist das, daß ihr das Fest so nett zusammen feiern werdet! Ach könnte ich doch auch dabei sein! Aber Ostern soll mich entschädigen! –

Papas Nackengeschwür ist hoffentlich auch wieder ganz gut. Grüße ihn, Tante Bertha, und wen du von meinen Freunden siehst, herzlich. Dir selbst, liebes Mutterchen, geht es jetzt hoffentlich auch wieder jetzt ganz nach Wunsch mit Deinem Befinden; wenigstens hoffe ich das sicher, da Du mir gar Nichts davon schreibst. Mit dem herzlichen Wunsche daß Dirs immer besser gehen möge, bleibe ich Dein treuer alter Junge

Ernst.

a gestr.: so; b irrtüml.: zum; c irrtüml.: es; d korr. aus: derjenigen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-12-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37506
ID
37506