Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 20. März 1854

Würzburg 20/3 54

Liebe Eltern!

Wenn es einer meiner größten Fehler ist, daß ich nie selbstständig zu einem festen Entschluß und einem durchgreifenden Plane gelange, vielmehr immer in neutraler Unentschiedenheit hin- und her-schwanke (just grade so schwach und schlapp, wie unser edler Monarch etc) so liegt die Schuld wirklich nicht allein an mir; sondern das Schicksal selbst scheint mich ausersehen zu haben, immer in einem so traurigen Zustande des Zweifelns und Schwankens verharren zu sollen. Davon haben mir die letzten 8 Tage wieder einen glänzenden Beweis gegeben, indem ich innerhalb derselben zum wenigsten 4 oder 5 mal meinen Lebensplan für die nächsten 1½ Ferienmonate geändert habe. Wie ihr aus meinem letzten Briefe wißt, hatte ich im Gegensatz zu dem wundervollen warmen und klaren Frühlingswetter, welches hier in den ersten 14 Tagen des März herrschte, diese Zeit in ziemlich intensivem Katzenjammer darüber zugebracht, daß ich die ganze schöne Ostera Ferienzeit hier solo versimpeln sollte. Ich wäre gar zu gern doch einmal ausgeflogen und hatte schon selbst dabei viel an Ziegenrück gedacht. Schließlich hatte sich aber das Heimweh etc doch wieder beschwichtigen lassen, ich hatte mich mit dem Gedanken getröstet, daß ich die freie Zeit recht gut zum Präpariren, sowie zum Repetiren und Nachholen Vieles Vergessenen und Verschwitzten brauchen könnte, und hatte in diesem Gedanken auch wirklich schon ordentlich zu arbeiten angefangen. Um mich endlich ganz fest hier zu binden und um nicht in Versuchung zu fallen, doch noch in den Osterfeiertagen 1 kleine Spritzfahrt zu unternehmen, hatte ich mich auch bereden lassen, an einem Operationscurs in der Geburtshilfe Theil zu nehmen der hier nur in den Ferien gelesen wird und ganz ausgezeichnet sein soll. Am vorigen Donnerstag früh sollte dieser anfangen und nach dem endlich langem Hin- und Her-Überlegen, Rathen, Fragen etc war || ich endlich am Mittwoch Abend fest entschlossen, auch an demselben Theil zu nehmen (obwohl ich an und für sich nicht die geringste Lust dazu spürte) als plötzlich wie ein deux ex machina euer letzter lieber Brief mich überraschte, indem ihr mir so zuredet, nicht die ganzen Ferien hierzubleiben. Obgleich ich selbst schon anfangs diese Idee gehabt hatte und nun erst recht stark Lust hatte, ihr zu folgen, so stand sie doch zu sehr mit dem eben zuvor gefaßten Entschluß im Widerspruch um nicht wieder ein neues Heer von Zweifeln und Ungewissheiten in meiner inconstans anima zu erwecken, welches mich dann eine schlaflose Nacht und mehrere unruhige Tage kostete, bis ich dann endlich vorgestern Abend mich entschloß, das Angenehme dem Nützlichen vorzuziehen, und meine lieben Ziegenrücker zu besuchen. Besonders wurde ich dazu noch durch die große Leichtigkeit bestimmt, mit der ich jetzt von b hier nach Ziegenrück fahren kann. Wenn ich nämlich um 11 Uhr Mittags mit der Post von hier nach Schweinfurt fahre, bin ich um 4 Uhr dort, um 6 Uhr in Bamberg. Von hier geht um 10 Abends 1 Zug ab, der früh um 5 in Hof, um 8 in Mehltheuer ankömmt, dort schließt sich dann gleich die Post an, mit der ich um Mittag in Schleiz ankomme und dann den Nachmittag ganz gemüthlich nach c Ziegenrück herüber bummeln kann. Ich malte mir diese Spritzfahrt gleich so anmuthig aus, stellte mir dabei recht lebhaft die Freude vor, welche ich im Zusammensein mit meinem lieben Bruder, seiner kleinen Frau und dem kleinen Karlchen, das ich schon so lange gern gesehen hätte, haben würde und dachte endlich so lebhaft an meine lieben Moose im Sornitzthal und Ottergrund, daß ich mich endlich definitiv (?) entschloß, den geburtshilflichen Operationscurs aufzugeben und mir ein recht herzensvergnügtes Osterfest zu bereiten. Dann glaubte ich aber auch vielleicht meinem lieben Bruder dadurch eine kleine Freude zu machen, || namentlich da mir das liebe alte Herz manchmal sehr melancholisch wegen seiner vielen unerquicklichen Arbeiten zu sein scheint. So stand also mein Plan vorgestern fest, als plötzlich gestern früh Hein, welcher in dieser Woche hatte abreisen wollen, mir erklärte, daß er nun doch noch die Ferien hier bleiben würde, und zwar einzig und allein, um 3 practisch-medicinische Cursus zu nehmen 1) jenen schon mehrfach erwähnten geburtshilflichend klinischen 2) einen Curs über Hautkrankheiten und 3) über Auskultation und Percussion. Die beiden erstern namentlich sollten sehr gut sein und nicht leicht anderswo in der Art sich finden. Nun fing also das Zweifeln und Nichtwissen was zu thun sei, von vorne wieder an, besonders, als nachher auch alle meine andern Bekannten mir sehr eifrig zuredeten, deßhalb hier zu bleiben, indem ich sonst später gewiß dieses Versäumniß sehr bereuen würde. Was also nun zu thun? Einerseits ermahnte mich mein offenbarer Nutzen, hier zu bleiben, andrerseits aber hatte ich mir die liebe Ziegenrücker Idee schon so in den Kopf gesetzt, mir die Freuden, die meiner dort harrten, schon so lebhaft ausgemalt, und dann rief ich mir endlich noch recht scheußlich die Gräuel jenes geburtshilflichen und Hautkrankheitencurses ins Gedächtniß zurück (grade an diese aber hatte ich mich eigentlich gewöhnen wollen!) daß ich endlich, endlich!!! nach letztem langen Besinnen doch mich für meine Neigung entschieden habe! Was sagt ihr dazu, liebe Eltern? Hoffentlich seid ihr mir nicht darüber böse; habt ihr doch selbst mir zugeredet! Es würde mir jetzt tüchtig schwer werden, meine lieben Ziegenrücker nicht besuchen zu dürfen. Auch glaube ich in der That, daß ich an jenen ausgezeichnet practischen medicinischen Coursen nicht Viel verlieren werde. Denn wenn ich auch sie und viele andere mit der größten Aufopferung durchmachen wollte, so bin ich doch im Voraus schon fast überzeugt, daß mich kein besorgter Ehemann zur Entbindung seiner Frau holen wird! ||

Ich gehe also nach Ziegenrück! Dieser erhebende Gedanke hat mich auf einmal wieder ganz heiter und munter gestimmt. Übrigens denke ich erst am 7ten abzureisen und dann die ganze Char- und Osterwoche (etwa bis zum 23) dazubleiben. Das wird eine Freude werden; ich kann mich nun doch einmal wieder auf die nächste Zukunft freuen, was ich lange nicht gekonnt habe. Hoffentlich wird es zu Ostern auch so herrliches Frühlingswetter sein, wie wir jetzt 1 paar Wochen genossen haben. Ich habe dasselbe schon zu ein paar größeren Spaziergängen benützt, z. B. am Sonntag (vor 8 Tagen) nach Versbach, wo ich im Wald zu meiner größten Freude ein paar allerliebste microscopische Moose, noch dazu eins mit schönen männlichen Blüthen (Phascum cuspidatum) gefunden habe. Meinem Knie sind sie ganz gut bekommen. Ich suche es jetzt überhaupt wieder abzuhärten und an größere Touren zu gewöhnen, wenngleich es an und für sich sich ganz indifferent zeigt, weder besser, noch schlechter wird. In der Stadt und auf kleineren Spaziergängen gehe ich jetzt immer ohne Stock, was anfangs schwer war, jetzt aber ganz gut geht. Bei diesen muthigen Versuchen, das faule Knie wieder ordentlich in Gang zu bringen, treibt mich ein geheimer, süßer Stachel an; das ist nämlich die intensivste Sehnsucht, nächste Herbstferien die Alpen zu sehen. Ich weiß nicht, wie es zu geht; aber ganz wider Wissen und Wollen hat sich dieser unberufene Wunsch schon e so fest in meinem Hirn eingenistet, daß ich ihn gar nicht wieder los werden kann und meine Phantasie mir jetzt schon immer die schönsten Bilder der Alpenwelt, Landschaften, Pflanzen und Thiere vorspiegelt. Dabei denke ich: Wird daraus diesen Sommer Nichts, wo du noch in Süddeutschland bist, so stecke die kühne Idee nur ganz und gar auf! Ich bitte Dich wirklich ernstlich, lieber Papa, Dir die Sache zu überlegen. Wird daraus diesen Herbst etwas, so will ich nachher mit der größten Geduld in dem sandigen, unerquicklichen || Spree Athen ausharren, so lange du willst. Kann ich dann doch an den süßen, unersetzlichen Reiseerinnerungen zehren! Da mir mein Knie aber eine eigentliche Alpenreise (wie sie Karl im Herbst 44 machte) unmöglich macht, so habe ich mir den Plan einstweilen in der Art ausgemalt: ich reise direct von hier nach einer südtyroler Alpe (in Südtyrol finden sich nämlich die größten Pflanzenschätze vereint) und setze mich dort auf ein paar Wochen fest, lasse mich mit meinem Microscop förmlich häuslich nieder. Von diesem festen Punkt aus veranstalte ich dann täglich kleine Streifzüge nach allen Himmelsgegenden, sammle Heu und Ungeziefer nach Herzenslust, zeichne, microscopire mit aller Muße etc; kurz, es soll himmlisch werden! Einen festen Zielpunkt habe ich noch nicht, habe jedoch schon ans Fassathal, ans Schleherngebirge oder die Meraner Gegend etc gedacht. Nun, das Ziel wird sich schon leicht finden lassen. Vielleicht lassen gar Weissens ihren Neffen Ernst mitreisen; das wäre wirklich prächtig, wenn wir 2 da nach Herzenslust in das ersehnte Alpenheu stürzen könnten! Daß Quinke mich zum Herbst in kein Bad mehr schicken will, finde ich höchst vernünftig und natürlich; ich habe mich hier bei Medicinern sehr viel nach Bädern und ihren Wirkungen erkundigt, aber je mehr ich gefragt habe, desto mehr habe ich erfahren, daß eigentlich hinter all den so hoch gepriesenen Badewirkungen sehr wenig oder garnichts steckt. Vor allen bitte ich aber, mich nur nicht wieder nach Rheme zu schicken; soll einmal das Geld für Bäder weggeschmissen sein, so schickt mich wenigstens in 1 Alpenbadf , wie es deren so viele in Oberbayern giebt, z. B. Reichenhall, Partenkirchen (mit ausgezeichneter Moosflora) Salzbrunnen am Peissenberg etc oder nach Wildbad im Schwarzwald, nach Ischl, oder nach Mitterbad in Südtyrol etc. Da giebt es doch wenigstens einmal die so heiß und lang ersehnte Alpen Natur, deren Freuden mich rascher gesund machen werden, als alle möglichen Quacksalbereien! ||

Das einzige Bad, zu dem ich noch Vertrauen hätte, ist das Seebad. g Ein solches würde ich auch ganz gerne besuchen, da ich die herrliche und ganz eigenthümliche Flora und Fauna des Meeres bis jetzt ebenfalls nur vom Hörensagen kenne. Dann schickt mich meinetwegen nach Helgoland, Nizza (nicht, um eine Emerentia dort zu finden!!) Fiume, Ostende oder sonstwohin. Nächsten Herbst ginge ich aber doch gar zu gerne in die Alpen; ich habe eine zu große Sehnsucht danach! –

Daß Du, lieber Vater, wegen der dummen Militärangelegenheit noch so viel Lauferei gehabt hast, bedaure ich sehr und danke Dir, daß Du wenigstens noch einen solchen Erfolg daran gehabt hast. Wie wird es aber, wenn wir mobilisiren? –

Hier sind übrigens alle Partheien, Preußen und Nichtpreußen, über das russenfreundliche Benehmen der Preußischen Regierung ganz empört, selbst die wirklichen Reactionaers und selbst Hr. Prof. Schenk! Nun, hoffentlich geht die Regierung noch zur rechten Zeit zurück –

Die Hausnummer meiner neuen Wohnung ist: I District, No 280½. –

Ich werde am 30sten März umziehen. Vorher werde ich wahrscheinlich noch eine große Kiste, mit den im vorigen Sommer gesammelten Pflanzen nach Berlin schicken, und andern Sachen, die ich nicht mehr brauche; wenn Platz ist, will ich auch noch ein paar Bocksbeutel verschiedener Sorten, für euch, und für Großvater 2 zum Geburtstag, beipacken. Da ich in der neuen Wohnung sehr viel Platz habe, hatte ich Anfangs sehr große Lust, mir ein Clavier zu miethen; nun ich aber nach Ziegenrück gehe, will ich es doch lassen. –

Ich habe jetzt das Glück gehabt, einen zugleich sehr billigen und außerordentlich guten (wenigstens für hier) Mittagstisch zu bekommen, nämlich für 18 xr im „Ochsen“. Der Wirth, ein pudelnärrischer Kauz || der selbst früher ein paar Jahr Student war, hält diese Tafelrunde, an der nur eine ganz bestimmte Anzahl Theil nehmen kann, eigentlich nur aus bloßer Passion für die Studenten. Wie er Profit dabei hat begreifen wir alle nicht. Ich esse dort mit vielen meiner Bekannten zusammen und es geht sehr ordentlich, nett, anständig und gemüthlich dabei zu. –

Die beiden Lectionscataloge (von diesem Winter und nächsten Sommer) bist Du wohl, liebe Mama, so gut, so bald als möglich noch direct hierher zu schicken (am besten und billigsten wohl unter Kreuzband), da ich sie gern auch noch Hein zeigen will. Die Dochte, Nadeln und Deckgläschen kannst Du mit dem Wechsel fürs nächste Semester nach Ziegenrück schicken. –

Dieser Tage las ich zufällig in einem Kalender ein komisches Zusammentreffen von 4 Geburtstagen: am 16ten Februar ist nämlich geboren: der berühmte Wiener Botaniker Jacquin – am 7ten December: der berühmte Wiener Anatom Hyrtl! Ist das nicht schnurrig? –

Daß Du so viel schöne Concerte hörst, lieber Vater, ist ja recht hübsch. Meine Bekannten haben mich vorige Woche hier auch in ein Harmonieconcert geschleppt, wo ein berühmter ungarischer Violinist „Ernst“ spielte, sehr bewundernswerth namentlich Variationen des Carneval von Venedig. –

Die einzige Musik, die mir aber eigentlich Freude machen könnte, ist das Volkslied mit Klavierbegleitung. Namentlich geht mir Nichts über die sogenannten „Schnaderhüpfln“, die herrlichen, naturfrischen Alpenlieder der Schweizer und Tyroler, mit ihrem h prächtigen Jubeln und Jodeln, daß einem das Herz hüpft. So hörte ich wieder gestern Abend, wo ich mit Hein und Gerhard bei Schenks war, ein paar ganz reizende Liedchen || dieser Art: „Von meinen Bergen muß ich scheiden“ – „Wenn die Sonn aufgeht“ – „Der Frühling kommt“ – etc etc von jener jungen Dame (Freundin der Frau Professor Schenk) singen, die auch vorigen Winter dort öfter uns oberbayrische Lieder vortrug. Das wäre wirklich das einzige von Musik, was ich selbst können möchte. –

Die Collegia sind hier vorige Woche alle zu Ende gegangen, auch meine habe ich abgeschlossen; Virchow hat noch zuletzt eine sehr interessante Vorlesung über das allgemeine Bild der Krankheit gehalten. Bei Scherer habe ich mir noch zuletzt sehr schöne Harnstoffcrystalle aus eignem Fabricat dargestellt! –

Die meisten Studenten reisten schon zu Anfang des schönen Wetters weg. –

Jetzt präparire ich fleißig auf der Anatomie, namentlich den wundervollen Bau des Gehirns und sehe mir Nachmittags auf der Bibliothek die prächtigsten Abbildungen dazu an. Dann habe ich auch noch sehr viel mit der fertigen Ausarbeitung des Virchowschen Collegs zu thun, wobei ich doch manches lerne. –

Sehr gefreut habe ich mich, meine liebe, liebe Mamma, daß es mit Deiner Gesundheit wieder besser geht; ich hatte mich ordentlich darum geängstigt. Ihr wechselt euch ja aber förmlich mit Kranksein in Berlin ab und etablirt 1 vollständiges Spital. Hoffentlich wird das bald bei dem schönen Frühlingswetter aufhören! Was hat denn Onkel Julius eigentlich gefehlt? Auch daß es Tante Bertha so viel besser geht, hat mich sehr gefreut; hoffentlich nimmt das auch immer zu! –

Kommt denn Georg Quinke zu Ostern nach Berlin? Ich wollte ihm ein mal schreiben. Und wie lange bleibt Theodor noch in Berlin? –

Nun ade, meine lieben Alten, schreibt bald wieder eurem treuen Ernst. –

Eben hat mich Ernst Brunnemann besucht und will diesen Brief mitnehmen. Wie beneide ich den Glücklichen, daß er jetzt seine Eltern besucht!

a eingef.: Oster; b gestr.: Z; c gestr.: Sch; d eingef.: geburtshilflichen; e gestr.: sehr; f irrtüml.: Alpenbald; g gestr.: Da; h gestr.: he

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-03-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37494
ID
37494