Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 9. März 1854

Würzburg 9/3 54.

Meine lieben, lieben Alten!

Habt den herzlichsten Dank für eure lieben ausführlichen Briefe, über die ich mich, wie immer, sehr gefreut habe. Wenn man im Ganzen so allein und einsam dasteht, wie ich, so ist es einem doppeltes, tiefgefühltes Bedürfniß, den mangelnden persönlichen Umgang mit Freunden, denen man all seine kleinen und großen Freuden und Leiden anvertrauen könnte, durch innige Gemeinschaft und geistigen Verkehr mit den fernen Lieben zu ersetzen. Aber ich glaube, auch wenn ich wirklich einen Freund, wie ich mir ihn als Ideal vorstelle und wünsche, fände, würde mir doch das liebe, alte Elternhaus immer als der unerschütterliche Angelpunkt meiner Sehnsucht vor Augen schweben. Die wahrhaft magische Anziehung, welche „das trotz alles Dazwischenliegenden unvergessene und unvergeßliche Paradies der Kindheit, das Elternhaus, die Arme der Mutter“ – (wie Schleiden sich am Schlusse vom „Leben der Pflanze“ ausdrückt) auf denjenigen ausüben, der von Gott mit guten, braven, liebevollen Eltern gesegnet ist, übertrifft wirklich alle andern Reize und Glückseligkeiten, an denen das arme schwache Menschenherz hängt und sich anklammert. Mir wenigstens geht es so, und zwar ebensowohl in trüben, als in heitern Stunden. Habe ich eine recht große Freude, wie z. B. vor einigen Tagen, als ich unter dem Microscop einen Wald voll der reizendsten und zierlichsten Gestalten auf einer verfaulten Wurstschaale voll Schimmeln entdeckte, so ist diese doch nie ganz rein und ungetrübt. Immer denke ich: Ach, könntest du das doch deinen lieben Alten zeigen, damit sie sich mit dir freuen! Auf der andern Seite tröstet mich aber auch der Gedanke an die theuren, fernen Lieben, die Hoffnung, sie bald wiederzusehn, wenn es mir trotz alles Widerstrebens so recht bänglich und kleinmüthig zu Muthe wird, wie es z. B. grade jetzt in diesen Tagen der Fall ist. Es rührt diese traurige Stimmung, aus der ich mich gar nicht herausarbeiten kann, hauptsächlich davon her, daß jetzt alle meine nähern und entfernteren Bekannten nach Hause reisen, voll Freude, Lust und Hoffnung sind, und daß ich Ärmster nun so ganz allein hier zurückbleiben und die Ferien hindurch ohne irgend eine befreundete Seele mich hier solissimo herumtreiben soll, a statt in dem heimischen Elternhaus Freude, Erquickung und Stärkung zu finden. Freilich ists mein eigner freier Wille und Entschluß, diese Ferien hier zu bleiben und ich glaube auch jetzt noch, daß ich die freie Zeit darin recht gut brauchen und benutzen und viel dabei lernen kann; aber auf der andern Seite muß ich doch gestehen, daß mir die Ausführung dieses Entschlusses weit härter und saurer und schwerer wird, als ich vorher erwartet hatte. Ich kann euch gar nicht sagen, liebe Eltern, wie gar zub gern ich und wärens auch nur ein paar Stunden wieder bei euch sein, mein ganzes Herz von A–Z, so voll und verwirrt es ist, euch ausschütten, und Trost und Hoffnung in euren Armen suchen möchte. Kurz, ums mit einem Wort zu sagen, ich habe einmal wieder recht gründliches Heimweh, wie ichs fast den ganzen Winter nicht so empfunden habe. Aber das hilft nun freilich nichts, der Entschluß, die Ferien hier zu bleiben, ist einmal gefaßt und ich muß es versuchen, mirs so leicht wie möglich zu machen, wozu auch die tüchtige Arbeit, an der’s nicht fehlen wird, gewiß das Ihrige beitragen wird. Außerdem werde ich aber, selbst abgesehen von der starken und tiefen Sehnsucht, die mich nach Haus zieht, wieder einmal von Unschlüssigkeit und Ungewißheit, was ich zunächst anfangen soll, gequält. Der Plan nämlich, den nächsten Sommer noch hier zu bleiben, ist c in der neusten Zeit schwankend geworden und zwar hauptsächlich aus zweierlei Gründen: Erstens bin ich mit Virchow doch im Ganzen lange nicht so zufrieden, wie ich erwartet habe und glaube auch nicht, daß mir seine Sommervorlesungen, die eigentlich erst für ganz eingefleischte ältere Mediciner ihren vollen Nutzen haben, viel eintragen und nützen werden. Zweitens ist es mir auch fraglich geworden, ob sich das privatissime Microscopiren bei Koelliker lange wird durchführen lassen können. Koelliker hat sich in der neusten Zeit, von seinem gräulichen Egoismus, seiner Herrschsucht und seinem Geiz, seinen einzigen, aber auch sehr starken und schlimmen Fehlern, fortgerissen, wieder höchst unnobel, niedrig und gemein benommend || gegen jenen armen, alleinstehenden und leider ganz von Koelliker abhängigen, aber höchst tüchtigen und liebenswürdigen Privatdocenten Dr. Leydig, von dem ich euch schon früher geschrieben habe. Die Stellung desselben gegenüber Koelliker ist wirklich höchst traurig. Was kann aber so ein armer, ganz unbemittelter, gönnerloser Privatdocent, wenn er auch der tüchtigste, fleißigste und talentvollste ist, gegenüber dem ihm vorgesetzten professor publicus ordinarius anfangen, und namentlich in Bayern!! Die Studenten sind allgemein über Koellikers Benehmen sehr entrüstet; mich hat aber e die Sache ganz besonders geärgert, da ich noch in besonders nahem Verhälntnisse zu Dr. Leydig stehe und zufällig auch mehr von den ganzen Umtrieben erfahren habe, als mir selbst lieb ist. Kurz, trotz aller f Bewunderung, die ich noch immer für Koellikers außerordentliche anatomische Talente und Fähigkeiten hege, hat g doch die Achtung vor ihm, der Wunsch, in nähere Verbindung mit ihm zu treten, ziemlich nachgelassen, wie es denn überhaupt das Schicksal aller meiner Ideale zu sein scheint, daß sie sich schließlich in ziemlich trübe Schatten auflösen. Außerdem würde ich auch noch, wollte ich nächsten Sommer fortgesetzt bei Kölliker microscopiren, ein privatissimum nolens volens bei ihm nehmen müssen, an dem im Grunde gar Nichts ist, und wozu ich nicht die mindeste Lust habe. Kurz, dieses ganze Verhältniß ist mir mit einem Mal in ziemlich unerfreulicher Weise dubioes und ungewiß geworden. Das ist doch wirklich recht traurig, daß einem so ein Ideal nach dem andern in des Lebens rauher unerfreulicher Wirklichkeit zu Nichts zerfließt. Mir ist es bis jetzt noch mit allen so gegangen, am meisten grade mit denen, von denen ich am Meisten erwartet. So bin ich z. B. hinsichtlich Schleidens jetzt auf den Standpunkt aller andern deutschen Botaniker gekommen, den nämlich, daß an Schleiden, wie er jetzt ist, gar nichts, nicht das geringste, zu rühmen und auszuzeichnen ist. Die ausgezeichneten und unübertrefflichen Arbeiten, durch die sich Schleiden als unbekannter junger Privatdocent so rasch und reißend einen großen, ewigen Namen verschaffte, werden in aller Zukunft unvergessen bleiben; aber seine Selbstständigkeit und Originalität sind in aufgeblasene Selbstsucht, dünkelvolle Verachtung aller andern, oft viel gründlicheren und genaueren, jedenfalls aber viel bescheideneren und umsichtigeren Forscher ausgeartet, und jetzt taugt Schleiden dessen Autorität von Tag zu Tage mehr sinkt, nur noch dazu, um in möglichst groben Schimpfreden über Alles, was ihm nicht von vornherein convenirt, loszuziehen, seine eignen ersten Ansichten, mögen sie längst durch spätere Untersuchungen vollkommen als unrichtig erwiesen sein, als unfehlbar festzuhalten und anzupreisen, kurz um zu negiren und überall zu raisonniren. Doch ich komme da in meiner Trauer über schöne luftige Ideale, die nachher in Nichts zerfließen, ganz von meinem Thema ab. Ich wollte euch erzählen, daß ich in Folge jener oben erwähnten Umstände ein paar Tage ganz ernstlich daran dachte, den Sommer auf eine andre Universität zu gehen und zwar entweder nach Berlin oder nach Breslau. Die meisten meiner Bekannten gehen jetzt nach ersterer; was ich selbst dort habe, brauche ich euch mit keinem Wort weiter zu erwähnen; nur dash will ich noch hinzusetzen, daß i jetzt noch ein Magnet mehr mich wieder nach Berlin zieht. Dies ist die Hoffnung, vielleicht durch Alexander Braun, einem der ausgezeichnetsten Kryptogamenforscher, in dieses herrliche Gebiet der Naturwissenschaft, das mich bei Gelegenheit meiner jetzigen Arbeit darüber, ungemein stark angezogen hat, tiefer hineingeführt zu werden. Außerdem hätte ich nächsten Sommer noch meinen Freund Hein da und dann habe ich, wie ich euch eigentlich nicht noch einmal zu sagen brauche, wieder herzliche Sehnsucht, ordentlich mit euch zusammen leben und Freud und Leid mit euch zu theilen. Nach Breslau würde ich wegen der medicinischen Klinik gehen, die dort, wie ich allgemein höre, ganz ausgezeichnet ist (bei Frerichs, bei dem ich dann auch specielle Pathologie und Therapie hören würde), besonders für Anfänger. || Es kommt nämlich, wenn man auf der Klinik zu practiciren anfängt, sehr viel darauf an, daß die Zahl der Studenten möglichst gering ist, sodaß die einzelnen sehr viel Fälle zu behandeln bekommen und auch speciellere Anleitung vom Lehrer selbst bekommen. Dies findet man nun nur in einer kleinen Universität vereint, und namentlich Breslau soll hiefür ganz ausgezeichnet sein. In Berlin findet man davon grade das Gegentheil; die Kliniken taugen hier für den Anfänger gar Nichts. Wenn daher auch nächsten Sommer nichts aus Breslau wird, so wäre es doch nicht unmöglich, daß ich Sommer 55 dahin ginge. Jedenfalls würde ich mich noch näher erkundigen. Alle diese und viele andere dahin einschlagende Fragen habe ich in den letzten Wochen mir sehr viel und nach allen Dimensionen überlegt, mich auch viel bei älteren Medicinern erkundigt. Das Endresultat, was ich daraus ziehe, bleibt aber doch immer dasselbe, nämlich daß ich den Sommer noch hier bleibe. Selbst wenn j aus dem Microscopiren bei Kölliker nicht viel würde, bleiben mir doch andere sehr nützliche Beschäftigungen im Überfluß. Als Hauptcollegia würde ich die specielle pathologische Anatomie bei Virchow nehmen, so wie dessen privatissime cursus, der nirgends seines Gleichen hat und die meisten hieher zieht. Um ihn aber gut benützen zu können, werde ich in den Ferien sehr viel specielle Pathologie (wovon ich noch gar Nichts verstehe) treiben müssen. In dieser letztern hoffe ich dann wenigstens in so weit heimisch zu werden, daß ich den Sommer auch mit der medicinischen Klinik anfangen kann. Dann würde ich auch vielleicht noch (ich zittre und schaudre, indem ichs hinschreibe!) Chirurgie hören. Es kömmt nämlich an Stelle des ganz untüchtig gewordenen alten Textor ein ganz junger Chirurg, Moravek aus Prag, her, der sehr gerühmt wird. Vielleicht könnte ich auch dann in dessen chirurgischer Clinik k versuchen, meine schauderhafte Nervenreizbarkeit mir abzugewöhnen, was wirklich sehr noth thut! Ihr seht also, daß sich schon gute Beschäftigung genug finden würde, abgesehen davon, daß ich noch viel praepariren will, und daß ich auch im Sinne habe, mich in den naturwissenschaftlichen Fächern, namentlich Physik und Zoologie, zum examen philosophicum vorzubereiten. Letzeres würde ich dann Ostern 55 machen, nachdem ich im Winter noch Zoologie, Mineralogie, Materia medica und Philosophie in Berlin gehört habe. Jedenfalls bitte ich Euch, mir l bald m den Catalog der Berliner Vorlesungen vom vorigen Winter (53/54), so wie auch den vom nächsten Sommer herzuschicken. Theodor ist wohl so gut, sie zu besorgen (Es brauchen nur die kleinen, deutschen Lectionsverzeichnisse zu sein). Wenn ich auchn nächsten Sommer noch nicht nach Berlin zurückgehe, so will ich mir doch einen bestimmten Plan davon machen, was ich nächsten Winter dort alles vornehmen will. Dafür daß ich den Sommer noch hier bleibe, sprechen auch manche äußere Umstände, z. B. daß mir durch Schenk der botanische Garten und die Bibliothek desselben zu Gebote steht etc. Dann habe ich auch eigentlich ein sehr nettes Sommerquartier gemiethet. Ich bin nämlich mit meiner neuen Wohnung, namentlich aber mit meiner Wirthin in diesem Winter gar nicht zufrieden gewesen. Nun habe ich ihr am 1sten März (zu ihrem großen Leidwesen) gekündigt und mir 1 sehr nettes Zimmer mit Kammer gemiethet, das ein Bekannter von Bertheau bewohnte, und in das ich schon längst sehr gerne hatte einziehen wollen. Es ist freilich etwas theuer, namentlich für die hiesigen Miethpreise, nämlich 8½ florin. Indeß denke ich, auf die 4 Sommermonate werdet ihr mir schon einmal 2 fl per Monat mehr zuwenden wollen; ich kanns ja auf andere Weise sparen. Dafür ist das Zimmer auch ganz allerliebst, sehr geräumig, hell und freundlich und sieht mit 3 Fenstern in einen netten Garten, dahinter auf den Wall. Die Kammer daneben hat ebenfalls 2 Fenster in den Garten hinaus. Im Sommer ist es doch viel angenehmer, noch 1 Kammer zu haben. Im Winter läßt man sich noch allenfalls einen solchen engen Käfig gefallen, wie der ist, worin ich jetzt gewohnt habe. Ich freue mich schon jetzt darauf, daß ich einmal wieder im Grünen wohnen soll. Außerdem sind auch die Wirthsleute außerordentlich gut; ja, sie gelten für die besten in ganz Wuerzburg. Das haben mir auch ein paar Dutzend, oder wenigstens 1 Dutzend Studenten versichert, die in demselben Hause noch wohnen. Wegen dieser || Masse von Insassen führt diese treffliche „Bonesmühle“ (untendrin ist nämlich eine Wassermühle, von der ich aber gar nichts zu leiden habe) auch den Namen: „Studentencaserne“. Alle Wohnungen darin sind so gesucht, daß stets alle Zimmer besetzt sind, und daß ich nie hinein kommen konnte, obwohl ich mir schon früher darum Mühe gab. Außerdem hat sie noch den Vorzug, daß es eines der nächsten Häuser an der neuen Anatomie ist, grade gegenüber dem Hause des Dr. Altheimer, meines ersten hiesigen Philisters. –

Die meisten meiner Commilitonen gehen in diesen Tagen weg, und zwar wie erwähnt, größtentheils nach Hause; ich werde also in den Ferien sehr einsam sein und einmal ordentlich freie Zeit und Muße für Lieblingsbeschäftigungen, namentlich Zeichnen, Moose bestimmen etc haben, worauf ich mich schon freue. Die meisten Collegia werden diese Woche geschlossen, oder sind es schon (worüber ich mich nicht sehr gräme!); nur Virchow liest noch 8, vielleicht selbst 14 Tage (wenns nämlich noch Zuhörer giebt). Das einzige, was ich gerne noch länger getrieben hätte, sind die practisch chemischen Übungen im Laboratorio. Vorige Woche habe ich meinen Harn analysirt, was zu sehr hypochondrischen Gryllen hätte Veranlassung geben können, da ich abnorm viel Schwefelsaure und Phosphorsaure Salze darin gefunden habe; jedoch habe ich mir keine grauen Haare darob wachsen lassen. Sehr hübsch ging es mir dieser Tage mit einem halb hypochondrischen Gedanken, dessen Geschichte vielleicht Papa amusiren wird. Ich glaubte nämlich ein paar Tage nicht gehörigen Stuhlgang gehabt zu haben und verschrieb mir deßhalb, um doch einmal meine großartigen (!!) medicinischen Kenntnisse practisch zu verwerthen, nachdem ich lange in einem Receptbuch hin und her geblättert o hatte, Pillen aus Rhabarber und Jalapawurzel 2stündlich 2 Stück zu nehmen, natürlich ganz nach der Vorschrift. {Recipe Radix Rhei Ʒ iii Syrupus Rhei quantum satis ut fiat Boli No xii; Radix Jalapae Ʒ i Consperge Cassia Cinnamomum Signa2stündlich 2 Stück} Könnt ihr euch aber meine lustige Überraschung denken, als meine Wirthin aus der Apotheke mit einer Schachtel voll Pillen von der Größe einer guten Flintenkugel (etwa 1½ so groß) zurückkam und fragte, ob die Ballen ein Pferd oder ein Ochse verschlucken sollte. Wo der Irrthum gelegen, weiß ich noch heute nicht; die Pillen waren ganz nach Vorschrift verschrieben. Genug Spaß habe ich aber damit gehabt, und wie meine Bekannten mich darüber geneckt haben, könnt ihr euch denken. Hoffentlich, mit Gottes Hülfe, nimmt meine ganze practische Medicinerei ein so tragikomisches Ende, wie dieser erste practische Purgirversuch an meiner eignen Wenigkeit! –

Gestern Abend war die Schlußsitzung unseres physikalisch-medicinischen Kränzchens, dessen Mitglieder von 60 auf 30 herabgeschmolzen waren. Unglücklicherweise mußte sichs auch grade noch so schicken, daß ich noch zu guter letzt mit meinem Vortrag über die Fortpflanzung der Cryptogamen dran kam. Ich hatte schon ganz drum herum zu kommen gehofft. Übrigens gings weit besser, als ich gedacht. Die ungeheure peinliche Angst, mit der ich mich fast 2 Monate täglich vor dieser Stunde gefürchtet hatte, war allerdings ziemlich überflüssig gewesen. p Anfangs schien es zwar, als wollte mir die Stimme in der Kehle ersterben; nachdem aber erst die ersten auswendig gelernten Sätze heraus waren, ging der andere Theil ganz fließend und leicht ab; und zwar hielt ich den Vortrag ganz frei; ich hatte mir bloß vorher das Gerippe im Allgemeinen aufgeschrieben. Im übrigen hat mir, wie ich euch schon schrieb, trotz der vielen unnöthigen Angst und Sorge, die Geschichte auch viele Freude gemacht, indem sie mir Gelegenheit gab, die herrlichen Wunder im Leben der niedersten und scheinbar einfachsten Pflanzen näher kennen zu lernen. – ||

Von der Fastnachtsfeier, welche hier eine so große Rolle spielt, habe ich euch noch zu erzählen, daß die Corpsburschen der „Bavaria“ auch in diesem Jahre wieder einen feierlichen Aufzug durch die Stadt hielten und zwar stellten sie diesmal eine Gesellschaft oberbayrischer Bauersleute vor, die zum Kirchweihfest zogen. Voran fuhr ein ganz in Tannenreiser gekleideter Leiterwagen mit Dorfmusikanten; dahinter verschiedene Paare Bauer-Burschen und Mädchen, welche Polka Mazurka tanzten; natürlich alles verkleidete Studenten. –

Am selben Tage war auch großer Maskenball auf der Harmonie. Als derselbe schon lange angefangen hatte, fiel es mir plötzlich am Abend noch ein, mir auch den Kram einmal anzusehen. Einmal hatte ich noch nie einen Maskenball gesehen und zweitens war mir grade an jenem Abend so traurig verstimmt zu Muthe, daß ich zum Arbeiten gar nicht recht kommen konnte und dadurch etwas zerstreut zu werden dachte. Also gedacht, gethan. Ich pumpe mir von einem Bekannten eine Eintrittskarte, gehe hin und amusire mich sehr gut über die verschiedenen Maskenaufzüge, komischen Tänze und die Abenteuer und Neckereien, in welche sich meine Bekannten verwickeln. Denkt euch aber mein Erstaunen, als es gar nicht lange dauerte, bis ich selbst, der ich mir doch bewußt war, außer Frau Prof. Schenk und Frau Dr. Gsell-Fells keine weibliche Seele in ganz Würzburg nur dem Äußern nach zu kennen, von einem jungen, in eine schwarze Mantille, mit schwarzem Barett, 2 Rosen und 2 Straußenfedern darauf, gekleideten, maskirten Mädchen angeredet werdeq. Sie warf mir vor, daß ich mich so wenig um die Damen kümmere, überhaupt so wenig unter die Menschen komme. Es sei dies durchaus gegen den Willen meiner Eltern, wie sie sehr wohl wisse etc. In dieser Weise ging es fort, wobei sie mir immer das abgeschlossne, todte Leben, in dem ich mich von allen Menschen scheu absondern solle, die Einseitigkeit und Traurigkeit r desselben etc etc vorwarf und mir schließlich das Versprechen abnöthigte, von nun an mehr unter die Menschen kommen zu wollen. Ich versprach es, wenn sie mir ihren Namen aufschreiben wollte, indem ich wirklich höchst neugierig war, dieses Wesen, von dessen wahrer Natur ich keine Ahnung hatte, wie ich auch in diesem Augenblick noch keine davon habe, kennen zu lernen. || Sie schrieb mir also ihren vermeintlichen Namen auf einen Zettel und verschwand dann im Gedränge, während ich den Namen zu lesen suchte, den ich später als „Heiterkeit“ entzifferte. Zu Anfang war ich natürlich schrecklich verblüfft und konnte kaum antworten. Nachher hat mich die Geschichte aber doch sehr amusirt. Ich vermuthe, daß es eine Freundin eines meiner Bekannten (wahrscheinlich von Franqué) gewesen ist, der sie mir auf den Hals geschickt hat, um mir einmal die Leviten zu lesen. Denn sie erzählte mir auch mehrere Détails, die nur einigen meiner Freunde bekannt waren. –

Übrigens will ich mir ihre Ermahnungen zu Herzen nehmen!

Hoffentlich werdet ihr es nicht für Undankbarkeit halten, liebe Alten, wenn ich euch hier erst eine Menge dummes Zeug vorschwatze, anstatt euch im Brief zuersts den schönsten Dank für die letzte, nachträgliche Geburtstagssendung abzustatten, mit der ihr mein Leckermaul wieder erfreut habt. Die treue Alte muß ihrem Jungen doch immer treulich mittheilen; ich glaube es schmeckt ihr sonst selbst nicht! Wenn sie sich nur nicht über den andern Leuten vergäße! – Vor allen sorge, meine herzliebe Mutter, daß Deine Gesundheit wieder ganz t vollständig und recht bald sich bessert. Es thut mir immer so weh, wenn ich höre, daß es Dir nicht ganz gut geht, und ich Dir doch nicht helfen kann! Was ist aber auch mit der Quacksalberei anzufangen! Die Natur muß sich selbst helfen und das wird Deine gute alte Kernnatur hoffentlich recht bald thun, meine liebe Mama! –

Ungemein freut michs zu hören, daß es mit Tante Bertha wieder so gut geht; gebe nur Gott, daß die Besserung so fortschreitet und kein Rückfall kömmt. Ich denke, der kommende herrliche Frühling, der uns hier schon seit mehr als 8 Tagen das herrlichste klarste Sonnenwetter gebracht hat, so daß längst aller Schnee weg ist, wird auch ihr neue Kräfte bringen. Was hat denn aber Onkel Julius gefehlt? Davon weiß ich noch gar nichts; hoffentlich ist er auch wieder besser! –

Wenn ihr Wilde seht, so dankt ihm schönstens für die Dissertation. Zufällig kam sie grade an demselben Tage an, wo Virchow denselben Gegenstand im Colleg abgehandelt hatte; ich habe sie gleich durchgelesen. – ||

Daß ihr zu meinem Geburtstag so vergnügt gewesen, ist recht nett; wie hübsch wäre das gewesen, wenn ich auch körperlich bei euch hätte sein können. Sehr amusirt hat michs auch, daß selbst mein alter Papa auf dem kleinen Balle noch getanzt hat. Übrigens kenne ich eine Menge von den jungen Leuten, die dabei waren, auch nicht dem Namen nach. Wer ist denn z. B. Passow, Scottin, v. Briesen, Thiele, Lampe, Niemeier etc?? –

Den Gedanken, an Weber etwas zu schicken, habe ich gleichzeitig mit Dir, meine liebe alte Mutter, gehabt. Wenn es Dir nun recht ist, schicke ich ihm jetzt die 5 rℓ, welche Du mir zum Geburtstag schicktest. Ich glaube, das ist jetzt genug, und es ist besser, wir schicken ihm wieder was zum Anfang des nächsten Semesters, wo man das Geld immer viel nöthiger braucht. Die Geschichte mit Humboldt, die ich euch einmal erwähnte, betrifft übrigens nicht Weber, sondern Hetzer. Wie Du weißt, ist dies ein sehr komisch naiver und origineller, dabei sehr guter und treuherziger Kerl, aber ebenfalls in höchst dürftigen Umständen. Einer seiner innigsten Wünsche war schon auf der Schule immer, den Kosmos von Humboldt zu besitzen. Dieser Wunsch steigerte sich auf der Universität zu einer Art Manie, indem er behauptete, wenn er nur im Kosmos lesen könne, darüber Hunger, Noth, Schulden und alle andern Leiden der rauhen Wirklichkeit zu vergessen. Diesen Winter nun setzte er sich in einem Anfall von u komischer v Verzweiflung hin und schrieb, natürlich eigentlich bloß aus Unsinn und ohne alle Hoffnung auf Antwort und Erfolg, einen langen, sehr offnen und naiven Brief an Alexander von Humboldts eigne Person, worin er ihm in seiner eigenthümlich originellen und komischen Weise seine dürftigen Verhältnisse, seine heiße Sehnsucht, den Kosmos zu besitzen, und die völlige Unmöglichkeit, diesen Lebenswunsch zu erfüllen, schilderte und ihn schließlich allerunterthänigst und demüthigst ersuchte, ihm ein Ausschußexemplar dieses Buchs der Bücher zu verehren. Wer beschreibt aber sein || Erstaunen und seine Freude, in der er (wie er mir selbst schreibt) fast überzuschnappen dachte, als nach einigen Wochen ein Prachtexemplar des Kosmos, vonw einigen äußerst höflichen Zeilen des Hofbuchhändlers Dunker begleitet, bei ihm eintrifft. Natürlich hat er sich in der Folge demüthigst bedankt und noch vielmals wegen seiner Freiheit um Entschuldigung gebeten. Ist das aber nicht eine nette Geschichte? Mir wenigstens hat sie sehr viel Spaß gemacht; und Humboldt macht sie alle Ehre! –

Wenn du mir die Lectionsverzeichnisse schickst, liebe Mutter, so bist du auch wohl so gut, noch folgende Sachen beizulegen: 2 Dutzend Deckgläschen (bei Schieck zu haben, wo ich auch nochmals zu fragen bitte, mit was ich das Microscop putzen und mit was schmieren soll); einige (2–4) x Präpariernadeln womöglich mit 2schneidiger Spitze, wenn sie nicht Schieck selbst verkauft, kann er doch sagen, wo man sie bekömmt. Endlich 1 Dutzend Lampendochte, da ich hier keine so dicken bekommen kann. Ich denke, das läßt sich alles recht gut zusammen in 1 flaches dünnes Paket packen. Das Porto wird nicht bedeutend sein. –

Nun, nochmals, liebste Eltern, den herzlichsten Dank, für alle eure Liebe, und für die letzte Sendung; ihr seid wirklich fast zu üppig und verwöhnt mich sogar in der weiten Ferne noch zu sehr. An Großpapa, Theodor, Tante Bertha etc, sowie an Weissens, Wilde, Wittgenstein, Regenbrecht und alle andern Freunde die herzlichsten Grüße.

Behaltet lieb, wie bisher, euren

treuen alten Ernst,

der sich gleichfalls schon jetzt

immer auf die Zeit der Wiedervereinigung freut!

Gut, daß der Raum so kurz ist!

a gestr.: Freili; b eingef.: zu; c gestr.: nämlich; d irrtüml.: genommen; e gestr.: aber; f gestr.: aller; g gestr.: sich; h korr. aus: daß; i gestr.: nämliche; j gestr.: ich; k gestr.: mich; l gestr.: möglichst; m gestr.: den Catalog; n korr. aus: doch; o gestr.: nach; p gestr.: Nun, es hat; q korr. aus: zu werden; r gestr.: deßhalb; s korr. aus: mit; t gestr.: und; u gestr.: tragi; v gestr.: Z; w korr. aus: mit; x gestr.: p

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
09-03-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37493
ID
37493