Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 23. Februar 1854

Würzburg 23/2 54.

Liebe Eltern!

Damit meine lieben Ziegenrücker Eheleutchen doch auch was von Würzburger Neuigkeiten hören, erhaltet ihr dies Tagebuchblatt nicht direct, was auch nichts schaden wird, da es weder wichtige noch cito-Sachen enthält. Das wichtigste Factum, was ich euch diesmal mittheilen kann, ist, daß mein College und Freund H. Steudner aus Greiffenberg nun endlich die traurigen Folgen einer Prügelei, welche er im vorigen November eines schönen Sonntag Abends in ziemlich angetrunkenem Zustande (Jeder hatte 9 Stangen Bier und 1 Flasche Wein getrunken) mit 2 Polizeisoldaten (vulgo Polypen) zu bestehen hatte, hat erfahren müssen. Dieses „Verbrechen der Widersetzung“ ist nämlich am vorigen Sonnabend von früh 8 – Abends 8 Uhr auf hiesigem Stadtgericht öffentlich, natürlich unter ungeheurem Zudrang der Studenten, unter denen auch ich mich befand, verhandelt worden. Es kamen viele höchst komische und pikante Scenen dabei vor, namentlich unter den Zeugenvernehmungen, die den ganzen Vormittag dauerten. Z. B. widersprachen die Aussagen der einzelnen a Polypen einander in höchst auffallender Weise. Sie wurden aber sämtlich durch die Behauptung einiger mitarretirender Soldaten widerlegt, daß nämlich jene Polypen selbst total besoffen gewesen wären. Die beiden Vertheidigungsreden, welche die 2 besten hiesigen Advocaten mit ungemein viel Feuer und Ecstase, auch gehörigen Ausfällen gegen den Staatsanwalt, hielten, waren sehr gut und bewirkten wohl hauptsächlich, daß die 5 Richter (welche übrigens selbst als Studenten derlei Streiche verübt haben mochten) einen sehr milden Spruch thaten. Steudner, der nach des Staatsanwalts Antrag 1 Jahr Festung bekommen sollte, erhielt nur ¼ Jahr, das er in 8 Tagen auf hiesiger Veste mit schöner Aussicht antreten wird. Der andere Angeklagte, sein Freund Clarenbach aus Rheinpreußen (ich glaube, wie Windscheid, aus Duesseldorf) bei welchem auf 4 Jahr Festung angetragen wurde, weil er mit || einer blanken Waffe auf die Polypen sollte losgehauen haben, (wovon kein Wort wahr war) wurde ganz freigesprochen. –

Vorigen Montag brachten die hiesigen Corps (wie das alljährlich geschieht) dem Rector (einem prof. jur. Albrecht) einen glänzenden Fackelzug, welche Ehre dem Hrn. Rector, der nachher sämmtliche Theilnehmer, sowie auch die ganze Docentenschaft glänzend tractirte, mehr als 1000 Gulden gekostet hat. Ein theurer Spaß für einen Abend! –

Bekanntlich ist jetzt Carnevalszeit und die Maskenbälle etc finden hier kein Ende. Diese Fastnachtswuth ergriff auch das medicinische Kränzchen, welches gestern Abend eine außerordentliche komische Sitzung hatte. Wohl noch nie habe ich soviel höhern Blödsinn und ausgelassene Tollheit gesehen. Wer die größte Verrücktheit vorbrachte, erhielt den meisten Beifall; kurz, es war das reine Narrenfest. Den Anfang eröffnete ein Maskenzug, welcher einen Bährenführer, der mit wilden Thieren herumzog, vorstellte. Die Costueme waren höchst gelungen, so lumpig, wie möglich, ebenso wie die herzzerreißende, steinerweichende b Musik, oder vielmehr Katzenmusik, welche die als Musikanten Verkleideten mit allen möglichen Hörnern, Flöten, Trommeln, Pauken, Geigen etc aufführten, während die verschiedenen Thiere im Tanze sich producirten. Außerdem erschienen noch eine Menge verschieden bunter, abentheuerlicher Masken und Narrenzüge. Da es alles studiosi medicinae waren, so lief natürlich die Hauptsache immer auf eine großartige Schweinerei oder eine tüchtige Zote ab. Denn für gewöhnliche Witze, welche andere Leute ergötzen, haben die rechten Mediciner gar keinen Sinn mehr. Wenn es nicht ganz derb und handgreiflich kömmt, so zieht es gar nicht. Übrigens waren diese ernsten Witze in ihrer Art sehr gelungen. Namentlich wurden verschiedene || Professoren, Docenten und Ärzte sehr gut nach geahmt und die Quacksalber derselben vortrefflich persiflirt. Z. B. wurden einem Kranken 3 große Bandwürmer (d. h. breite Leinenbänder!) von einigen 50 Fuß Länge hintereinander extrahirt. Ebenso wurden verschiedene geburtshilfliche Operationen vorgenommen, kunstvolle Entbindungen ausgeführt und was dergleichen medicinische Handwerkerei mehr ist, die ganz vortrefflich parodirt wurde. Eine Hauptrolle spielte immer das Chloroform. Wenn der Doctor nach Chloroform rief, um den Kranken zu betäuben, so wurde ihm 1 Flasche mit Bier gebracht, welche er mit einem Zuge leerte! Unter solchem Blödsinn verfloß der ganze Abend. Dazwischen wurden kostbare Tänze (Polka–Mazurka etc) ausgeführt, Leierkastenlieder von verkleideten Bänkelsängerinnen (wie überhaupt die als Weibspersonen verkleideten Commilitionen eine Hauptrolle spielten) abgekröhlt, zuweilen auch ordentliche Lieder gesungen (z. B. die Frau von Droste Vischering etc) und von einem eigens dazu bestellten Quartett gespielt. Kurz der ganze Act fiel zur vollständigen Ergötzlichkeit und Zufriedenheit der Theilnehmer aus, und war in seiner Art wirklich sehr gelungen. Fast hätte ich vergessen, die 2 Hauptmomente zu erwähnen, nämlich 2 höchst komische und witzige Festreden, die eine über „den Nutzen, die Naturgeschichte, Geschichte und Zukunft der Flöhe, nebst einer Petition derselben an den Bundestag in Frankfurt, sie in Schutz zu nehmen“ (gehalten von einem Rheinländer, Wolff), die andere über „die Geschichte, Entstehung, Anatomie, Physiologie, Pathologie der Nachttöpfe und ihre Bedeutung fürc die Kultur des Menschengeschlechts“ (gehalten von einem Westphalen, Husemann). Obgleich die beiden Gegenstände wahrhaftig nicht sehr delicat waren, wurden sie doch ganz delicat mit zierlichen Kunstausdrücken und ganz in Art eines anatomischen Collegs abgehandelt, was grade einen höchst drastischen Effect machte. Dabei wurden, ebenfalls grade wie in den medicinischen Vorlesungen, 1 ganze Sammlung Präparate (nämlich Pot-chambres etc) durchgenommen und herumgezeigt. – Was man doch als Mediciner nicht Alles lernt, und an was man sich gewöhnt! – ||

Übrigens muß ich noch bemerken, daß nur die süddeutschen Kränzchenmitglieder mascirt da waren und den meisten Blödsinn verübten. Wir Norddeutschen (wie auch die anwesenden Professoren) waren fast sämmtlich unmaskirt und verhielten uns überhaupt nur als passive Zuschauer. Da konnte man recht wieder sehen, wie verschieden die Nord- und Süddeutschen in ihrer ganzen Gemüthsverfassung sind: Diese ganz rückhaltslos, offen, gemüthlich heiter und selbst ausgelassen, jene dagegen viel verschlossner, ernster und zurückhaltender . –

Übrigens lernte ich bei dieser Gelegenheit auch einen Bruder von der Alwine Lent, der Freundin von Helene Jacobi, die auch auf ihrer Hochzeit war, kennen. Es scheint ein ganz netter Kerl zu sein. –

Dabei fällt mir ein, daß ich euch noch nichts von einem kleinen Carl Wolff erzählt habe, einem Sohne des Dr. Wolff aus Bonn, den mir Johannes Bleek empfohlen hatte. Es ist dies ein ziemlich unglückliches Institut, nämlich hinsichtlich seines Benehmens (worin man einen kleinen Juden nicht verkennen kann). Er ist zugleich unangenehm unliebenswürdig und zudringlich, sogar öfter etwas sehr lästig; übrigens ein ganz gescheuter und fleißiger, auch noch sehr junger Student. Mir liegt er oft sehr auf dem Halse, obgleich ich schon zuweilen ziemlich offen grob geworden bin und ihm die Wahrheit gesagt habe. Was soll man mit solchen Individuen anfangen? Ich weiß es bald nicht! –

Doch ich will schließen, da ich mit Schrecken sehe, daß ich eigentlich recht viel Kohl hingeschrieben habe, der euch gar nicht interessiren, oder gar euer Zartgefühl (für welches man als Mediciner wirklich allen Sinn, wenigstens in gewisser Beziehung, verlieren kann) beleidigen kann. Ihr müßt dann aber bedenken, daß dies eigentlich nur Tagebuchblätter sind, (da ich mir schon, seit ich von euch fort bin, kein eignes Tagebuch mehr halte, sondern die Briefe als solches ansehe) deren Durchsicht mir später bei der Erinnung der verflossnen Zeit doch manche angenehme oder wenigstens eigenthümliche Bilder ins Gedächtniß zurückrufen wird. Wenn euch also diese Zeilen enuyiren, so nehmt an, es habe sie für sich allein niedergeschrieben Euer Ernst H.

a gestr.: Zeugen; b gestr.: feier; c gestr.: s

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
23-02-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37492
ID
37492