Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 22. Juli 1853

Würzburg 22/7 53

Liebe Ältern!

Da mein Freund Hein, derjenige von meinen hiesigen Bekannten, der mira noch am nächsten steht, ein sehr lieber und trefflicher Mensch, heute nach Berlin reist, um von dort seine Mutter (eine Dr. med. aus Danzig) abzuholen, die er nach Teplitz begleitet, so kann ich nicht umhin, euch einen recht herzlichen Gruß mitzuschicken. Hoffentlich überbringt ihn mein Freund euch selbst; ihr könnt diesen dann zugleich kennen lernen und von ihm hören, wie es mir geht. Es ist recht schade, liebe Mutter, daß wir nun dies mal nicht nach Teplitz gehen; dann fänden wir beide recht nette Gesellschaft.

Von mir selbst wüßte ich nichts Neues zu berichten. Gestern ist endlich einmal ein Brief aus Ziegenrück angekommen, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich bin sehr glücklich daß meine Geschwister so glücklich und schön zusammen leben. Wie prächtig die Briefe sind, geht schon aus dem ersten naiven Satz in || Mimmis Brief hervor: „Lieber Schwager med! Entschuldigen wegen unseres Nichtschreibens will ich mich gar nicht, weil ich nur zu wohl längst eingesehen habe, wie Unrecht es war und wie es eigentlich nur ein Verschleppen genannt werden kann! Also still davon! etc“!

– Wie ich gestern gehört habe, schließt Kölliker vielleicht schon am 14ten oder 15ten, so daß ich dann vielleicht noch früher fortkönnte; indeß muß ich doch erst sehen, wannb die andern schließen. – Die Bevölkerung meiner Stube hat sich jetzt um 5 allerliebste grüne Laubfröschchen vermehrt, von denen einige noch einen Schwanz haben, und die ich in dem großen Glase halte, worin du mir Pflaumenmuß schicktest. –

Herzliche Grüße in No 6, und an alle Freunde. Theodor lasse ich um ein Lectionsverzeichniß vom letzten oder dem vorhergehenden Winter bitten. Du bist dann wohl so gut, es mitzubringen, liebe Mutter. Wann reist denn Papa ab? Karl schreibt erst vom 8ten August ungefähr. –

Herzliche Grüße von eurem Ernst. |

Post Scriptum.

So eben fällt mir noch einiges ein, was ich noch schreiben wollte. –

Obgleich die Collegien erst am 20sten August geschlossen werden und namentlich Kölliker so lange liest, was mir sehr leid ist, so denke ich doch bereits am 13ten von hier abzusegeln, da es ihr wohl nicht anders werdet haben wollen. Wann ich dann nach Rheme komme, weiß ich nicht. Ich fahre früh um 6 hier mit dem Dampfschiff weg, bin dann Abends um 7 in Frankfurt und kann dann vielleicht von dort gleich damit weiter. Das Nähere könnt ihr vielleicht eher erfahren, als ich. –

Wie ist Quinke Karlsbad bekommen. An Georg (wie auch an Weiß) habe ich geschrieben. – Wie geht es Tante Adelheid und dem Kindchen? Hoffentlich besser! –

An Papa die herzlichsten Grüße und den schönsten Dank für seinen Brief, der mich sehr interessirt hat, sowie auch dafür, daß er bei Schieck gewesen ist. ||

Von mir selbst wüßte ich eigentlich diesmal nichts zu schreiben, da es mir ganz so leidlich, wie jetzt fast immer geht. Ich habe von früh bis Abend alle Hände voll zu thun und bin dabei sehr froh. Herausgekommen bin ich in dieser Woche fast gar nicht, da wir schon seit 14 Tagen ein perpetuirliches, vorsündfluthliches Regenwetter haben, über das alle Welt außer sich ist, und das die Brodpreise über die Hälfte erhöht hat! –

Das Interessanteste ist, daß ich in dieser Woche bei der Präparation der Leber eine Gallenblase mit 15 Gallensteinen gefunden habe, die völlig gleich groß und gleich geformt, die schönsten, regelmäßigsten 4seitigen Pyramiden oder Tetraeder waren, etwa so geformt:

Leider habe ich bloß einen behalten, da Virchow sich die andern aneignete. –

Sonst ist nichts passirt.

!

Nochmals die herzlichsten Grüße von eurem alten Jungen.

a korr. aus: mich; b gestr.: was; eingef.: wann

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-07-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37473
ID
37473