Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 4. Mai 1853

Würzburg 4/5 1853

Liebe Eltern!

Seit Anfang dieser Woche befinde ich mich nun wieder in meinem alten esse und mir ist dabei schon bedeutend wohler. Die vorige Woche habe ich noch recht traurig verlebt, da außer einer Stunde früh bei Schenk noch kein Kolleg angegangen und auch keiner meiner Bekannten da war. Ich wußte so, besonders da es so schönes Wetter war, eigentlich nicht, was ich anfangen sollte, obwohl ich den ganzen Tag fast mit dem festen Vorsatz, mir die Anatomie der Nerven (von der ich noch keine Idee habe) einzuprägen an meinem Schreibtisch vor den Lehrbüchern der Anatomie saß und mit meinen Augen darin las, auch wirklich das Ding so durchmachte. Als ich mich aber schließlich besann, was ich denn eigentlich dabei gelernt, so fanda sich‘s, daß dies gar nichts war. Denn trotz der größten Mühe, die ich mir gab, recht aufzumerken und die Gedanken nicht wie gewöhnlich durchgehn zu lassen, thaten sie dies doch und saßen bald im traulichen Verwandten- und Freundeskreis in No 6, und No 8 bald machten sie in Merseburg Visiten, bald thronten sie auf dem herrlichen Ziegenrücker Schloß und schwärmten im romantischen Sornitzgrund, bald botanisirten sie das sonnige Mainthal hinab und fanden die schönsten Kalkpflanzen, die mir mein unglückliches [ϕαιδιμον γυιον] zu holen verbietet, bald liefen sie gar in das Land davon, wo der Pfeffer wächst, nach Indien, oder sonst wohin, wohin sich die Gedanken eines abstrusen Mediciners nie verirren sollten. ||

Das ist aber eben das Schlimme, daß ich zu gewissen Zeiten (und zwar leider sehr oft) meine bischen dummen Gedanken trotz der ernstlichsten Bemühung nie recht zusammenhalten kann. Übrigens verging mir so die Woche noch rasch genug, obwohl ich mich schmählich geärgert habe, und auch noch ärgere, daß ich sie nicht bei euch zugebracht habe. Wie viel habe ich dadurch verloren. Ich hätte das herrliche große Familienfest miterlebt, hätte Tante Bleek und Mariechen noch gesehen, hätte beim Zweckessen in der geographischen Gesellschaft Humboldt gesehen (was längst mein sehnlichster Wunsch war), hätte mein Schwesterchen noch genossen, hätte in Halle und Merseburg schon manches schöne blühend gefunden, hätte mich hier nicht 1 ganze Woche mit melancholischen Gedanken und Grillen gefüttert, und was dergleichen verwünschte „hätt‘ ich“ mehr sind. Aber es muß einmal Alles, was ich anfange verfehlt sein! Der größte dumme Streich, den ich jetzt wieder gemacht habe, ist, daß ich nicht diesen Sommer in Berlin geblieben bin. Grade die Collegien, die ich jetzt höre, hätte ich nirgends besser hören können, als in Berlin, und da es grade die wichtigsten und interessantesten sind, da ich sie dort bei einem der größten und erhabensten Männer, bei Johannes Mueller, der auf mich einen ganz besonders fesselnden Eindruck gemacht hat, gehört hätte, ist mir dies doppelt und dreifach leid. Grade Physiologie und vergleichende Anatomie (die beiden interessantesten Gegenstände, die es giebt) liest er unvergleichlich besser, als Kölliker, obwohl er diesem in der Anatomie selbst nachsteht (Mueller wird mit Aristoteles verglichen!). ||

Übrigens gefallen mir diese beiden Kollegien trotzdem außerordentlich; näheres kann ich euch erst später berichten, da ich erst 6 Stunden gehabt habe. Heute erzählte uns z. B. Kölliker von Infusionsthierchen Sachen, daß wir Maul und Nase aufsperrten und uns ins Reich der Mährchen versetzt glaubten, als z. B. daß beib gewissen Thierchen (Actinophrys) 2 Individuen vollständig zu einem einzigen verschmelzen, etwa so: und daß dann c in der Mitte dieses Doppelthiers 1 Ei entsteht, aus dem viele neue hervorkommen u.s.w.!

In der Physiologie hielt er eine sehr anziehende philosophische Einleitung, worin er sehr klar und scharf den Standpunkt des Naturforschers feststellte und ihn vollständig von dem des Menschen trennte. Der Naturforscher muß rein empirisch-kritisch verfahren; er darf nur objective Forschungen, Beobachtungen und Versuche anstellen und höchstens aus den gefundenen Resultaten allgemeine Gesetze aufstellen und ableiten. Nie darf er teleologisch, nie idealistisch oder dynamistisch, nie, mit einem Wort, naturphilosophisch werden. Obgleich ich diese real-empirische Forschungsweise in ihrer absoluten Objectivität wohl auch als richtig anerkennen muß, so will sie mir doch nicht recht gefallen und eine allgemeine naturphilosophische Ansicht und Überblick des Ganzen nach Erforschung des Einzelnen sagt mir ganz besonders zu und ist mir Bedürfniß. –

Heute hat er mit der Lehre von der Verdauung angefangen. Physiologie ist überhaupt die Lehre vom Leben, von allen einzelnen Thätigkeiten und Verrichtungen des Organismus! Was kann es wohl Anziehenderes geben. ||

Diesen Sommer will ich nun noch recht in diesen alleranziehendsten Materien, auf deren genaues Studium ich mich schon längst gefreut hatte, schwelgen. Dann aber, wehe! ist es vorbei mit der Naturwissenschaft und es kommt die schreckliche praxis, für alle andern die ersehnte aurea, nur für mich die gefürchtete cinerea! Dann kommt die unnatürliche Krankheitslehre, die Pathologie und Therapie u .s. w. Hea Hea!! –

Das Colleg bei Schenk, die medicinische Botanik welche ich vorige Woche hörte,

habe ich zu meinem großen Nutzen und zu seinem großen Ärger, wieder aufgegeben. Ich für meine Person hatte darin wirklich nicht die Spur zu profitiren, obwohl die Anderen, die auch wirklich nicht eine Klette von einer Orchidee, höchstens ein Veilchen von einem Apfelbaum unterscheiden können, es sehr rühmen. Das Einzige, was ich dabei gewonnen hätte, wären ein paar seltne Pflanzen gewesen, die mir noch fehlen. Aber auf ein bischen Heu mehr oder weniger d darf es einem Mediciner am Ende nicht ankommen. Ich bin also zu Schenk hingegangen und habe ihm auseinandergesetzt, der Wille meines Vaters und meine eigne Überzeugung geböten mir practischer Arzt werden wollen zu sollen, und da müßte ich diesen Sommer präpariren und könnte mich nicht mit dem nutzlosen Pflanzenzeug abgeben, worauf er erwiederte, daß mein Vater allerdings ganz Recht habe, wenn er mich zugleich Medicin studiren lasse, daß ich aber dabei doch medicinische Botanik hören könne. ||

Das half aber alles nichts; ich e wollte partout seciren, und will mich auch nun wirklich nächstens wieder in den lieblichen Secirsaal hinsetzen und meine feinen nervus Olfactorius (Geruchsnerven) wieder etwas mit Magensaft, Dünndarminhalt und anderm Eingeweidezeug tractiren und abstumpfen. Beiläufig ist es mir recht lieb, daß ich noch auf so gute Art von dem botanischen langstieligen Kolleg losgekommen bin. –

Am vergangenen Sonnabend Nachmittag stellte Schenk mit einigen 20 Zuhörern die erste Excursion an, der ich auch beiwohnte; mit welchem Gefühle könnt ihr euch denken, da meine liebe alte Botanisirtrommel (die jetzt neu in Tante Berthas schönen Riemen paradiert) nun über 1½ Jahr pensionirt gewesen war! Trotzdem die Excursion, welche in den Zellerwald (eine herrliche Gegend) gerichtet war, 4 Stunden, von 2–6 dauerte, ist sie mir doch recht gut bekommen. Das Knie musicirte, wie gewöhnlich nach starken Bewegungen am selben Tage gar nicht mehr, desto stärker am folgenden, jedoch ohne Schmerzen. (Wir fanden außer Helleborus foetidus und Scilla bifolia mehrere Moose fructificirend, z. B. Leucodon sciuroides, Hypnum triquetrum, Fissidens taxifolius und einen seltnen Pilz: Tulostoma fimbriatum). Morgen macht Schenk mit Steudner eine große Excursion nach ein paar prächtigen Alpenpflanzen, die ich leider nicht mitmachen kann, da sie den ganzen Tag dauern wird. Sonst war Himmelfahrt immer grade der Tag, wo wir die schönsten Excursionen machten, nach Halle und Naumburg. ||

An einem andern schönenf Nachmittag machte ich mit jenem netten Freundeskreis (Gerhard, der Assistent von Kölliker, Lachmann, Hein, Meier, u.s.w.) dessen Mitglied ich gar gerne werden möchte, aber nicht kann, (leider!), mit denen ich jetzt auch zusammen esse, einen Kneipspaziergang nach Versbach, der sehr nett war. Überhaupt will ich das herrliche Frühlingswetter, das wir seit 8 Tagen haben recht ordentlich zu kleinen Ausflügen in die Umgegend benutzen, die doch viele schöne anmuthige Parthien hat. –

Meine Bekannten, namentlich Steudner träumen jetzt schon viel von den Alpenreisen, die sie in den Herbstferien machen wollen, g und ich dagegen – von einer Badereise! – Das ist wohl ein kleiner kleiner Unterschied. Trotzdem freue ich mich doch recht auf die schöne Zeit, die ich dort mit Dir, liebe Mutter, recht schön zu genießen denke.

– Da fällt mir ein, daß ich fast eine Hauptsache vergessen hätte, die vielleicht Dir, lieber Vater, zum Trost gereichen wird. Eins der ersten einleitenden Worte Köllikers war nämlich das, daß die Physiologie, diese Wissenschaft der Wissenschaften, ihre Erfahrungen, Kenntniße und Erfolge größtenteils der Pathologie verdankt, und daß nur durch genaue Kenntniß der kranken abnormen Zustände das normale gesunde Leben erkannt werden könne.

Dies hat mich wirklich sehr getröstet und mit der Medicin in etwas ausgesöhnt, so daß ich doch wenigstens etwas Hoffnung und Muth fasse, medico-botanicus oder botanico-medicus werden können glauben zu dürfen, als welcher, jedoch immer mehr als Pflanzenmensch, als als Menschenmensch, ich zu verbleiben geruhe euer alter treuer Junge E. Haeckel! Dto.h ||

Meine Kiste ist noch nicht angekommen; ich vermisse sie schmerzlich.i

a korr. aus: fands; b eingef.: bei; c gestr.:d; d gestr.: bin; e gestr.: bin; f eingef.: schönen; g gestr.: namentlich; h Text weiter am linken Rand: als welcher … Dto.; i Text weiter am linken Rand von S. 1: Meine Kiste … schmerzlich.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
04-05-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37465
ID
37465