Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel a n Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 17./18. Mai 1855

Würzburg, Himmelfahrtsnachmittag 17/5 1855 I.

Meine lieben Eltern!

So eben erhalte ich euren Brief, den ich seit länger als 8 Tagen fast stündlich mit der größten Sehnsucht erwartet habe, da ihr mir ja über Großvaters Tod nur ganz kurz ein paar Zeilen geschrieben hattet. Ich dachte schon, es wäre ein Brief verloren gegangen und hatte mir bestimmt vorgenommen, heute Abend an euch zu schreiben, möge nun ein Brief kommen oder nicht. Nun wird ja wohl dieser Tage auch der Ziegenrücker Brief eintreffen. Daß euer jetziges Leben noch recht ungemüthlicha und unruhig ist, kann ich mir recht wohl denken. Das wird lange dauern, ehe die große Lücke die doch durch Großvaters Tod entstanden ist, weniger fühlbar geworden sein wird. Der Mittelpunkt unsres Familienlebens ist verloren. Andrerseits ist es doch für Mutter recht gut, daß sie aus der ewigen Sorge und Unruhe einmal etwas herauskömmt und wieder mehr bei Vater sein und auch für sich selbst etwas sorgen kann. Wenn sie das nur ordentlich thäte! Daß sie in der herrlichen Ziegenrücker Gebirgsluft sich etwas ausspannen und erholen wird, hoffe ich sehr. Es thut auch gewiß recht noth. –

Mein hiesiges Leben fängt indessen recht gut sich zu gestalten an und ich will euch nur von den letzten 14 Tagen Einiges berichten. Was zunächst den Hauptpunkt betrifft, nämlich das Studium der Medicin, so macht sich das viel besser, als ich je hoffen konnte. Ich fange jetzt an einzusehen, daß ich eigentlich mit schrecklich viel Vorurtheilen und zu ängstlicher Besorgniß an die Sache heran gegangen bin. Das jahrelange, unnütze Ängstigen davor ist im Grunde recht überflüssig gewesen. Die erste Woche wurde mir der Besuch der Kliniken allerdings noch außerordentlich schwer, und ich mußte allen den festen Willen und alle mögliche Entschlußkraft, die ich mir diesen Winter gesammelt, tüchtig zusammennehmen, um auszuhalten und nicht gradezu zu verzweifeln. Es fehlte wirklich nicht viel daran, daß ich wieder ganz in den alten verzweiflungsvollen, katzenjämmerlichen Ton verfallen wäre, mit dem ich euch und mich nun wirklich lange genug geplagt habe. Indeß ich hatte mir nun einmal fest vorgenommenb , die Sache durchzusetzen, koste es, was es wolle und jetzt bin ich schon überzeugt, daß, wenn ich mit dieser Konsequenz fortfahre, den medicinischen Cursus durchzumachen, mir derselbe bald viel leichter und lohnender vorkommen, und rascher und glücklicher überwunden sein wird, als ich je zu hoffen gewagt. Die zweite Woche wurde mir schon bedeutend leichter. Ich suchte mich möglichst an das äußerlich mich sehr unangenehm berührende Treiben in den Kliniken zu gewöhnen und jetzt in der dritten Woche bin ich schon so weit gekommen, daß ich der innern Medicin und insbesondere der pathologischen Anatomie, bedeutendes Interesse abzugewinnen anfange. Wenn das so fortgeht, kann ich wirklich hoffen, daß ich in einigen Wochen nicht nur nicht mit dem alten Widerwillen, sondern sogar mit einigem Eifer das medicinischec Studium fortführen werde. Die Ursachen, welche diese glückliche Sinnesänderung bei mir bewirkt haben, sin d so mannichfaltige, daß ich sie nur mündlich euch auseinander setzen könnte (wie ichd überhaupt grade jetzt gar zu gern gründlich mich mit euch aussprechen möchte, was nun leider nicht geht!) Indeß kann ich hier wenigstens die hauptsächlichsten euch andeuten: Das erste und wichtigste Moment ist wohl mein eigner, fester Wille, trotz alles Widerwillens gegen die practische Medicin und aller Liebe zu der reinen, (nicht angewandten) Naturwissenschaft, doch das Studium der erstern durchzusehen. Den freiwilligen Entschluß dazu e habe ich eigentlich erst in jüngster Zeit gefaßt, während ich früher mich nur durch Deinen ausdrücklichen Willen, lieber Vater, bestimmen ließ. Ich werde Dir für diesen Zwang wohl noch einmal recht dankbar sein. Denn wenn ich, wie ich in den ersten Semestern durchaus wollte, mich lediglich dem Studium der Mathematik und reinen NaturWissenscha ft gewidmet hätte, so würde ich wohl nie zu einer größern Reise in die Tropenmeere gekommen sein, welche ich nun mit Gottes Hülfe als Arzt noch zu Stande zu bringen fest hoffe. Zu Deiner Beruhigung, liebe Mutter, wiederhole ich also, daß ich jetzt unbedenklich freiwillig mich entschließen würde, den medicinischen Cursus, wie schwer er mir auch fällt, durchzumachen, selbst wenn es nicht Vaters ausdrücklicher Wille wäre, und wenn nicht alle jüngern und ältern Leute, die mit mir in gleichem Falle sind, mir sehr dazu gerathen hätten, wie es in der That doch der Fall ist. || Der hoffnungsvolle Gedanke an die künftige Tropenreise als Ziel aller meiner Wünsche und die eigentliche Bestimmung meines Lebens und die feste Hoffnung, daß meine innigst geliebte Natur mich einst gewiß nicht im Stiche lassen wird, und daß mir die reichste Befriedigung und der höchste irdische Genuß daraus erwachsen wird, trösten mich f genug darüber, daß ich jetzt auf ein paar Jahre einmal ernstlich von der Lieblingsneigung mich abwenden und mit ganz andern, mir meinem innern Wesen nach viel ferner liegenden Sachen beschäftigen muß. Dieser trostreiche Gedanke an eine freudigere Zukunft giebt mir jetzt hinlänglichen Muth, tapfer und frisch in den sauren Apfel des Aeskulap zu beißen, und daß dies mit der gehörigen Intensitaet und Ausdauer geschehe, dafür bürgt mir das schauerliche Gespenst des Staatsexamens, welches ich jetzt öfter als wohltätig mahnenden schwarzen Mann heraufbeschwöre. –

Daß ich jetzt mit einemmale so rasch und leicht mich in diese Nothwendigkeit gefunden habe, und daß ich, einmal davon überzeugt, mich mit der gehörigen Ausdauer und Energie dahinter setzen werde, habe ich lediglich den Verhältnissen zu danken, in die ich jetzt hier hineingerathen bin, und das sind einmal die hiesigen Collegia und die in ihrer Art wirklich vollkommne Art und Weise, in welcher die verschiednen Fächer der Medicin hier einheitlich , und in sehr gut zusammenpassender Harmonie betrieben werden (in Berlin wäre das nie möglich gewesen, da dort grade hiervon nicht die Spur zu finden ist), – und andrerseits der engere Kreis medicinischer Freunde, in dem ich mich hier schon ganz eingelebt habe. In beiden Beziehungen habe ich es jetzt hier so gut getroffen, wie ich es mir nur irgend wünschen konnte. Was zunächst den letzteren betrifft, so besteht er, me inclusive, aus einem halben Dutzend Leuten, von denen wieder je 3 enger verbunden sind. Der vortrefflichste unter allen ist der kleine Beckmann, welcher nebst Hein mein Hausbursch ist. Über diesen höchst ausgezeichneten und liebenswürdigen jungen Mann, der für mich wirklich in jeder Beziehung ein Muster sein kann und in dem ich das Ideal eines Studenten und Menschen, wie ich es von Rechtswegen sein sollte , verwirklicht vor Augen habe, könnt ihr euch von Lachmann näher erzählen lassen, auch werde ich euch künftig noch viel von ihm zu schreiben haben. Für jetzt nur das, daß er auf mich vom allerwohlthätigstem Einfluß ist, den ich schon in den wenigen Wochen unsrer engern Bekanntschaft (oberflächlich lernte ich ihn schon im Winter 1852/53 hier kennen) nicht hoch genug anschlagen kann. Dieser mein Mentor hat ganz dieselben Lieblingsneigungen, wie sein folgsamer Telemach (denn das werde ich in jeder Beziehung zu sein mich bemühen); er war früher eifriger Botaniker und Zoolog, Vergleichende Anatomie und Physiologie, überhaupt das Studium des normalen Organismus, ist seine, wie meine Lieblingsneigung; auch er treibt die Medicin eigentlich ursprünglich nur aus Noth (da er ein ganz armer Kerl ist); aber einmal davon überzeugt, daß dies nothwendig sei, hat er sie mit solcher Gründlichkeit und Energie sich angeeignet, daß er im vorigen Winter hierg in der Poliklinik der erste und beste Praktikant war. Ist das nicht für mich ein sehr nachahmenswerthes Beispiel? Auch er hofft einst als Lebensberufh sich allein die reine Naturwissenschaft erwählen zu können, treibt aber jetzt, um sich dazu die Mittel und Wege zu schaffen, die Medicin höchst gründlich und gewissenhaft. Übrigens geht er mir nicht nur so selbst mit einem vortrefflichen Beispiele voran, sondern hat mir schon ein paar mal sehr gründlich das Verhältniß der NaturWissenscha ften zur Medicin und den wirklichen Werth der letztern (den ich in der That in meiner Einseitigkeit viel zu gering angeschlagen) so auseinander gesetzt, daß ich ihm nur vollkommen mich unterwerfen konnte. Vor allem wies er mich, worin er gewiß sehr recht hat, auf den hohen Werth hin, den die Ausübung der practischen Medicin i für die Entwicklung der allgemein menschlichen Seite unsres Geistes hat, welche ich bis jetzt viel zu sehr vernachlässigt und überzeugte mich in einem weitern ernsten Gespräche so sehr von der großen Einseitigkeit meiner ganzen bisherigen Richtung, daß ich mir festj vornahm, schon bloß deßhalb einmal mich in der practischen Medicin zu versuchen, um mir auch diesen höhern, allgemeinen Standpunkt in der Ansicht des menschlichen Lebens anzueignen. In der That, schon die ersten Wochen meiner nähern Bekanntschaft mit diesem herrlichen, in jeder Beziehung musterhaften Jüngling haben mehr über meinen starren Sinn vermocht, als alles Predigen vieler andrer Freunde. || Überhaupt sind meine neuen Freunde, mit denen ich täglich fast fortwährend, sowohl in den Kollegien, als bei Tisch, als Abends, zusammen bin, möglichst bemüht, einen Menschen aus mir zu machen und meine vielfachen scharfen Kanten und Ecken durch wohlwollenden, freimüthigen Tadel möglichst abzuschleifen, mit einem Worte, den Philister aus mir auszutreiben.

Nächst meinen Hausburschen, Beckmann und Hein, gefällt mir am Besten ein Braunschweiger (von Geburt Holsteiner), G. Strube (den Lachmann ebenfalls kennt), ebenfalls 1 sehr gescheuter und tüchtiger Kerl, der sich meiner auch sehr annimmt. Der fünfte ist eine für uns alle noch neue Bekanntschaft, die uns aber auch recht gut gefällt, ein Braune aus Leipzig (Neffe des Pastor Braune aus Merseburg, Karos Freund); am wenigstens [! ] gefällt mir (und auch Hein) der sechste unseres Kreises, Buchheister aus Hamburg (den Lachmann wohl ebenfalls noch kennen wird, von Göttingen her) ein ziemlich unbedeutender und sich etwas breit machender Renommist, übrigens 1 guter Kerl „der grade keine Kinder frißt“. – Der Letztere hat in vieler Beziehung ebenso wenig Lebensart, als ich, und kann daher auch noch viel von den andern lernen. –

Übrigens ist der beständige, nähere Umgang mit diesen sehr verschiedenartigen Characteren nicht nur in allgemein menschlicher Hinsicht sehr bildend für mich, sondern auch in näherer wissenschaftlicher Beziehung, indem die überall (wie ja immer unter Medicinern) vorherrschenden Gespräche über Fachgegenstände besser als alles Bücherstudium geeignet sind, mich auf die leichteste und angenehmste Art in die Medicin einzuführen. Namentlich daß ich mir von Beckmann in jedem Augenblick über Alles mir noch Unklare und Unverstandne sogleich Rath und Auskunft holen kann, kann ich nicht hoch genug anschlagen.–

Wenn ich so in Hinsicht des nähern Umgangs gleich bei meiner Ankunft diesmal (recht im Gegensatz zu meinem frühern Aufenthalt, der doch im Ganzen höchst versimpelt und philiströs war) außerordentliches Glück gehabt habe, so ist dies wohl fast noch mehr hinsichtlich der Collegia der Fall, die ich grade für k meinen jetzigen Zweck, wohl nirgends passender hätte zusammen finden können, als es hier der Fall ist. Wenn ich in Berlin geblieben wäre, so wäre auch nicht im Entferntesten daran zu denken gewesen, daß ich so mit einem Male in die Medicin als Ganzes hineingekommen wäre, wie dies hier der Fall ist. Abgesehen davon, daß grade in Berlin nur ganz vereinzelte Professoren in der Medicin für den Anfänger brauchbar sind, würde man doch wohl auch auf jeder andern deutschen Universität jetzt vergebens nach einer medicinischen Facultät suchen, die so die Theorie und Praxis in der schönsten Harmonie vereint zeigte. Und grade das ist für mich, dem die Wissenscha ft erst schmackhaft und annehmlich gemacht werden soll, so äußert wichtig. Nur dadurch, daß ich der theoretischen Medicin, die hier von Virchow gewiß glänzender, naturwissenschaftlicher und geistreicher, als irgendwo repraesentirt wird, ein hohes Interesse abgewinne, kann ich zum Betreiben der praktischen gebracht werden. In der That habe ich bis jetzt in der Wahl meines Studienorts allemal ein ganz besondres Glück gehabt, indem mich eigentlich mehr eine dunkle Ahnung, als ein deutliches Bewußtsein von dem, was mir geboten werden würde, erst im Winter 52/53 hieher und dann vorigen Sommer wieder nach Berlin zurückleitete. Niemals ist mir dies aber deutlicher gewesen, als jetzt, wo ich es für die Durchführung meines nächsten Planes wirklich als das höchste Glück betrachten muß, grade jetzt wieder hieher verschlagen worden zu sein. l Das Ausführliche darüber kann ich euch erst später schreiben, wenn ich mit Virchow noch mehr vertraut geworden bin. Für jetzt kann ich euch nur sagen, daß mir die rein wissenschaftliche Richtung (zunächst in der pathologischen Anatomie), in der Virchow , auf das Microscop gestützt, die Medicin verfolgt, die eigenthümliche Cellularpathologie, die er jetzt geschaffen hat (und in der er Alle kran kha ften Processe des Organismus , ebenso wie es die normalen Naturforscher thun, auf das Leben der Zellen (für mich das mächtigste Wort!) zurückführt) für mich im höchsten Grade anziehend ist, wie ich es nie nur im Geringsten geahndet hatte. (Denn als ich damals ein theoretisches Colleg bei ihm hörte, verstand ich ihn noch gar Nicht.) Diesenm höchst geistreichen Virchowschen Collegien verdanke ich es hauptsächlich, daß es mir möglich geworden ist, mich von meinen botanischen und zoologischen Studien jetzt auf einige Zeit vollständig loszureißen und mich mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft auf die Medicin zu werfen. In welchem Grade dies der Fall ist, könnt ihr aus der folgenden Skizze meiner übrigens sehr gleichmäßigen und einförmigen Zeiteintheilung n folgern, die mir von selbst die Beschäftigung mi t den Lieblingsstudien untersagt. – ||

Täglicher Lebenslauf . Punkt 5 Uhr wird aufgestanden und ein großes Seidel „kuhwarmer“ Milch nebst einem Mundbrod genossen. Dann werden die Notizen aus den Collegien vom vorigen Tage repetirt, was bis 7 Uhr dauert, wo ich meine medicinischen Studien gleich auf eine höchst practische Art beginne, nämlich mit einem geburtshilflichen Operationscursus (natürlich nur mit todten Kindern und am Phantom) bei Dr. Schmidt. Diese rein practische Qual, wo man bloß seine sehr ungeschickten Hände etwas gebrauchen o und außerdem die Kinder möglichst geschickt ans Tageslicht fördern lernt, dauert bis 8 Uhr. p Glücklicherweise ist dies wöchentlich nur 3 mal. An den andern 3 Tagen höre ich eine sehr interessante Vorlesung über „Geschichte der Medicin“ bei dem blinden Prof. Hofrath von Marcus, einem sehr originellen und geistreichen Practicus, der früher hier erster Oberarzt im Juliushospital war. Von 8–11 Uhr folgen sich die 3 Kliniken, von 8–9 geburtshilfliche bei Prof. Skanzoni (unstreitig einer der ersten jetzt lebenden Accoucheure), von 9–10 medicinische bei Prof. Bamberger (eben aus Wien hergekommen), von 10–11 chirurgische bei Prof. Morawek (auch jetzt erst aus Prag hergekommen). Alles 3 sin d sehr junge Leute. Bei weitem am besten gefällt mir die medicininische (d. h. innere Kran khei ten) Klinik bei Bamberger. Überhaupt sin d die innern Kran khei ten (bei welchen sich therapeutisch grade am wenigsten thun läßt) mir jetzt schon recht interessant, da sie eigentlich nur die Physiologie des kranken Körpers vorstellen, und sich zur pathologischen Anatomie ebenso verhalten, wie die normale Physiologie des gesunden Körpers zur normalen Anatomie. –

Dagegen kann ich der Chirurgie auch nicht das mindeste Interesse abgewinnen, q obwohl ich den Ekel davor ziemlich überwunden habe und auch bei den schauerlichsten, blutigsten Operationen (z. B. der Exstirpation eines Auges und eines Oberkiefers, wo mehrere meiner Commilitonen in Ohnmacht fielen, und einer sogar Krämpfe bekam) standhaft und fest ausgehalten habe. Die größte Angst mit wirklich oft bedenklichem Herzklopfen habe ich immer vor dem Beginn dieser wahrhaft scheußlichen Metzeleien, während bei der Operation selbst die Aufmerksamkeit auf die (leider!) nothwendig zu erlernenden mechanischen Handgriffe, das schmerzhafte Mitgefühl mi t den unglücklichen Kran ken vertreibt. Daß ich mir grade diese rein mechanische Geschicklichkeit, zu der ich ohnehin nicht im mindesten weder Lust noch Anlage habe, mir aneignen muß, fällt mir am Allerschwersten und ich folge nur mit dem größten Widerwillen.

In diesem Stück bin das grade Gegentheil von fastr allen meiner Commilitonen. Während diese überall nur recht begierig nach practischen Brocken schnappen, die sie einst brauchen können und alle rein wissenschaftlichen und theoretischen Studien als müßige Spielereien verachten, sind mir grade die letztern einzig werth und die practische manuelle Geschicklichkeit, die Anwendung künstlicher Handgriffe für das praktische Leben, ist mir nach wie vor verhaßt. Auch glaube ich s nicht, daß mir die Chirurgie hier jemals erträglich werden wird, da Morawek weder ein tüchtiger, geschickter Operateur, noch ein besonders guter Lehrer ist. Im höchsten Grade trocken und t langweilig, amüsirt er uns höchstens durch die Art, wie er deutsch lateinisch radebrecht (da er eigentlich reiner Slawe ist). Dagegen gefällt uns Bamberger als innerer Kliniker sehr gut und ist grade für Anfänger ein ganz vorzüglicher Lehrer, wie ich [ihn ] in Berlin vergebens gesucht haben würde. Sehr munter und frisch im Vortrag, human und liebens würdig im Umgang mit den Studenten sowohl, als mit den Patienten, klar und faßlich in der Auffaßung und Entwicklung der Krankhei ten, spricht er mich sehr an, wie er denn auch allen andern so gefällt, daß seine Klinik stets das besuchteste Kolleg ist; fast immer drängen sich über 200 Studenten aus allen Gegenden Deutschlands (wie denn Würzburg in diesem und dem vorigen Semester besuchter als je, und jetzt wirklich fast überfüllt ist; allein 400 Mediciner sollen da sein!) in buntem Gewirr in den ziemlich engen Sälen der Klinik zwischen den Krankenbetten herum, so daß man oft Mühe hat, von den Kranken etwas zu sehen und sich darauf beschränken muß, dem sehr guten Vortrag zuzuhören. ||

18/5 II.

Von 11–1 Uhr 3mal wöchentlich kommt nun das Colleg, welches mich vollkommen für alle vorangegangenen practischen Qualen entschädigt und das ich zu den besten und lehrreichsten zählen muß, die ich je gehört habe. Dies ist das berühmte Privatissimum bei Virchow, „demonstrativer Cursus der pathologischen Anatomie und Microscopie“ – wir sitzen zu 30–40 an 2 langen Tischen, in deren Mitte in einer Rinne eine kleine Eisenbahn verläuft, auf der die Microscope auf Rädern rollen von einem zum andern fortgeschoben werden. Da bekommt man denn oft in 1 Stunde die merkwürdigsten und seltensten, sorgfältig für das Microscop zurechtgemachten, pathologischen Präparate in Menge zu sehen, während Virchow dabei ganz ausgezeichnete Vorträge (natürlich dem grade in die Hände kommenden Material von der Klinik angepaßt) hält. Diese setzen dann meist die Fälle, die man vorher auf der Klinik lebend beobachtete, ins klarste Licht, wie dies auch die abwechselnd mit dem Kursus von Virchow gehaltenen Sectionen thun, bei denen er zuweilen auch seine Schüler selbst die u Obduction ausführen läßt. Grade dieser Zusammenhang zwischen dem klinischen, pathologisch anatomischen und microscopischen Befund, wie man ihn so auf die klarste und bequemste Weise als 1 ganzes, einheitliches Krankheitsbild erhält, ist äußerst interessant, lehrreich und wichtig. Und so etwas sucht man in Berlin, wo überhaupt an pathologische Anatomie nicht zu denken ist, ganz vergebens! Das ist nur hier! –

Wieviel ich jedesmal in diesem Cursus lerne, kann ich selbst kaum hoch genug anschlagen. Überhaupt nehme ich jetzt täglich hier eine so fabelhafte Masse mir ganz neuen, ungewohnten (leider mir zum Theil sehr widerwärtigen) Wissens auf, daß ich oft fast schwindlich werde und alle Mühe habe, nicht verwirrt zu werden. Fast ist e s zu viel. An den 3 Tagen, wo ich von 11–1 Uhr keinen Cursus bei Virchow habe, schieße ich bei Koelliker die Entwicklungsgeschichte, welche ich schon viel gehört und mir so ziemlich ganz angeeignet habe. Nur das außerordentliche Interesse dieser unstreitig anziehendsten und wichtigsten aller organischen Naturwissenschaften, auf der die ganze neuere vergleichende Anatomie ruht, so wie der außerordentlich klare und morphologisch anschauliche Vortrag Köllikers, von schönen Zeichnungen begleitet, haben mich bewogen, den Vortrag dieser Sachen, die ich fast auswendig kann, noch einmal anzuhören. –

Um 1 Uhr essen wir alle zusammen in einer geschlossnen Gesellschaft von 12 Personen im „Ochsen“ (natürlich lauter Mediciner, daher es denn auch bei Tische in medicinischen Gesprächen etc ziemlich cordial oder gemüthlich , oder wie mans nennen will, zu geht). Das Essen (18 xr) ist für hiesige Ansprüche sehr gut, besteht aus Suppe, Rindfleisch mit Salat, und Braten (soll welcher sein!) mit Gemüse, befriedigt jedoch unsere hypertrophischen Studentenmägen nicht vollkommen. Die verlangen aber auch zu viel. Um 2 Uhr gehen die andern Kaffeetrinken nach „Smolensk“, einem Kaffeehaus auf dem jetzt sehr hübschen, grünen, blühenden und buschigen Glacis. Auch ich würde dies sehr gerne thun; habe es aber schließlich nach reiflicher Überlegung für besser erachtet, diese schöne Nachmittagszeit zur höheren practischen Ausbildung zu verwenden und habe also die gute Gelegenheit, einen Verbandkurs bei dem sehr geschickten chirurgischen Assistenten Dr. Dehler durchzumachen, wahrgenommen. Da sitze ich denn von 2–3 Uhr 3 Treppen hoch im Juliushospital und lerne Binden und Bandagen schön glatt und fest aufwickeln und dreien unglückseligen Kranken, die beständig ihre Glieder zu dieser Übung hergeben müssen, recht nett und passend anzulegen. Anfangs dachte ich wirklich, ebenso wie im geburtshilflichen Operationscursus, ich sollte gleich aus der Haut fahren, zumal alle diese höchst langweiligen, geistlosen und mechanischen Sachen mit einer Wichtigkeit und Akkuratesse betrieben werden, die halb lächerlich, halb zum Verzweifeln ist. v Wie lebhaft beneidete ich in diesen practischen Übungsstudien Mathematiker, Philologen, selbst Juristen, denen es doch wenigsten s vergönnt ist, bei ihren Berufsübungen ihren Geist auszubilden und zu denken. Aber man muß wirklich die Elasticität des menschlichen Geistes bewundern. Jetzt, nach mehrstündigen Übungen, vollführe ich diese Pedanterien schon mit derselben Gleichgültigkeit und Geduld, wie andre mechanische Sachen, und habe gesternw z. B. ein paar Beine so schön glatt und zierlich eingewickelt, daß Hr. Dr Dehler (beiläufig 1 Kerlchen, halb so dick, als lang) nicht umhin konnte, meine Geschicklichkeit zu rühmen! Könnt ihr euch das wohl denken?? ||

Von 3–4 Uhr schieße ich entweder bei Scherer organische Chemie (die ich früher schon einmal gehört habe) oder ich gehe auf die Bibliothek und sehe mir da seltne und kostbare Bücher, Prachtwerke etc an. In Beziehung der Bibliotheksbenutzung scheine ich wirklich überall rechtes Glück zu haben. Während im Ganzen die hiesige höchst illiberal den Studenten möglichst abgeschlossen wird, haben sich die Leute, Gott weiß, aus welcher Ursache, bewogen gefunden, mit mir eine Ausnahme zu machen, und der Herr Oberbibliothekar (ein katholischer Pfarrer!) x läßt sogar so sehr seine Gnade über mich leuchten, daß ich mir die Bücher in der Bibliothek selbst aussuchen und betrachten kann. –Von 4–5 Uhr kommt nun das theoretische Colleg von Virchow über specielle pathologische Anatomie, was zwar nicht so ausgezeichnet schön, wie sein y demonstrativer Curs, aber doch sehr gut, ansprechend und belehrend ist. Virchow s Vortrag ist zwar nicht sehr fließend und glatt, aber frisch, compact und durch einen eigenthümlichen höhern und allgemeinen Standpunkt, von dem aus er alle Dinge betrachtet, und so auch das trockenste, einzelnste Detail anziehend macht, ausgezeichnet. Oft ist er dazu noch ausgezeichnet witzig und amüsirt uns dadurch sehr. [So fing er z. B. neulich seinen Vortrag so an: Meine Herren Sie sehen hier zunächst den gewichtigen Schädel eines Wächters der allgemeinen und öffentlichen Ruhe (d. h. Nachtwächters) mit einem starken Hieb, den dieser edle Staatsbürger in der Ausübung seines gefühlvollen und sinnigen Amtes erhielt. Da er glücklicherweise die Heilung der sehr tiefen Wunde, die bis auf das Gehirn ging, bloß seiner Mutter Natur überließ, so heilte sie sehr gut. Nach 2 Jahren war er aber so thöricht, als ihn ein leichter Schnupfen befielz , sich zur Kur desselben einem medicus practicus anzuvertrauen, an dessen kunstgerechter Behandlung er denn auch bald glücklich zu Grunde ging! etc etc – ]

Um 5 Uhr ist nun die Collegienreihe, die mit einer Stunde Mittagsunterbrechung von 7 Uhr früh an dauert, glücklich vorüber. Nur an 2 Tagen habe ich noch mit meinen Bekannten einen „physiologischen Experimentalcursus“ von 5–7 Uhr, bei den Proff. Kölliker und Heinrich Müller, eigentlich nur als Anstandskolleg, angenommen. Viel lernt man grade nicht darin, da beide weder Experimentatoren, noch überhaupt Physiologen (im engern Sinn) sind. Jedoch kann man sich doch mit den Leuten über Allerlei unterhalten und lernt nebenbei auch selbst etwas Geschicklichkei t in der Anstellung physiologischer Experimente (z. B. Anlegung von Fisteln, Durchschneidung von Nerven bei Hunden, Kaninchen etc.). Jedoch haben wir auch eine größere Arbeit zusammen angefangen. Kölliker will nämlich aus zahlreichen Versuchen die Quantitaet sverhältnisse der Harnstoffausscheidung näher feststellen und hat das „Hotel Conrad“ (wie wir 3 Hausburschen: Beckmann, Hein, und ich, genannt werden) aufgefordert, daran Theil zu nehmen. Die Hauptsache dabei ist, daß alle Theilnehmer ganz genau und dieselbe Quantitaet und Qualitaet Nahrung mehrere Tage lang zu sich nehmen, und dann den darauf gelassenen Urin sich sorgfältig sammeln, wo dann der Harnstoffgehalt desselben sehr genau (bis auf 3 Decimalstellen) täglich quantitativ analysirt, bestimmt und berechnet wird. Nun fingen wir diese Woche mit sehr dürftiger Kost an. Jeder von uns erhielt mehrere Tage lang pro Tag folgende Ration: Früh 1 Ei und 1 Milchbrod (für 1 Kreuzer), Mittags 2 Eier und 1 Milchbrod, Abends 1 Ei und 1 Milchbrod, dazu den ganzen Tag über nur 1 Seidel Wasser und ½ Schoppen Wein. Da ich schon früher mich öfter im Hungern geübt hatte (aus bloßem Plaisir) und außerdem in letzter Zeit (dank sei Deiner herrlichen Pflege, liebe Mutter, und der ihr nicht nachstehenden Ziegenrücker Verköstigung!) ein ziemlich gutes Fettlager mir angeeßt hatte, so hielt ich den Spaß ganz gut aus, obwohl ich auch zuletzt barbarisch hungerte. Dagegen wurden die andern, namentlich Kölliker und Beckmann, so schwach und jämmerlich dabei, daß sie es nach ein paar Tagen aufstecken mußten. Nun sollen wir inaa nächster Woche bei Koelliker, erst sparsam und dann sehr reichlich, essen, wo wir ebenfalls alle ganz gleiche Portionen zugewogen erhalten. Abgesehen von der wirklich wissenschaftlichen Wichtigkeit der Geschichte giebt sie uns natürlich auch viel zu lachen, da wir z. B. auch öfter gewogen bb (wobei ich unter das schwerste Kaliber gestellt wurde) und förmlich körperlich taxirt werden. –

Sind wir endlich um 7 Uhr mit dem Experimentalkursus fertig, so machen wir 6 zusammen meist einen kleinen, wirklich wohlverdienten, Spaziergang und essen dann gemeinschaftlich in 1 Kneipe zu Abend, worauf wir, meist recht munter und gut uns unterhaltend, noch bis 10 oder 11 Uhr zusammenbleiben oder auch etwas früher heimgehen um noch etwas zu arbeiten oder einen Brief zu schreiben etc. So verläuft ziemlich ein Tag genau wie der Andere! –

1) Im Ganzen bietet also mein jetziges Leben sehr wenig Abwechslung dar. Von den einzelnen Tagen ist eigentlich als Memorabile Speciale Nichts zu erwähnen. Wo sollte aber auch die Zeit herkommen, etwas Extraordinarium zu unternehmen? Vielleicht werdet ihr finden, daß ich mit Collegien allzusehrcc || 2) überhäuft bin. In der That ist das aber gar nicht so schlimm, wie es aussieht. Denn erstens sind es meistens Practica, bei denen man nicht sowohl seinen Geist anzustrengen hat, als vielmehr seine ungeschickten Hände üben und seinen Willen dd und Character durch die Beschäftigung mit Widerwärtigem stählen lernt.ee ||

3) Allerdings wäre es mir andrerseits sehr lieb, wenn ich etwas mehr freie Zeit für mich hätte. Denn an Microscopiren, Zeichnen, geschweige Zoologie und Botanik, ist so kaum zu denken. Aber grade diese strenge und knappe Zeiteintheilung, durch die ich mich selbst gefesselt habe, ist mir jetzt sehr nöthig.ff || 4) Wäre ich nicht so beständig Stunde für Stunde durch die Medicin in Anspruch genommen, so daß ich selbst die paar freien Stunden täglich (von 5–7) höchst nöthig habe, um mir die nöthigen medicinischen Lücken täglich zu Haus zu ergänzen, so würde mich wahrscheinlich diegg || 5) holde Naturwissenschaft mit ihren gar zu verlockenden Reizen immer wieder von dem Ziele, das ich mir jetzt einma l mit festem Willen gesteckt habe ablenken. So aber ist mir gar keine Wahl gelassen. Zoologie sowohl als Botanik stehen jetzt betrübt in der Ecke und müssen sich [auf ] bessere, kommende Zeiten trösten! –hh ||

6) In den kommenden Pfingstferien wollte ich anfangs Georg Quincke in Heidelberg besuchen, da wir aber summa summarum nur 3 Tage Ferien haben und ich jetzt weder schwänzen kann, noch will, so muß ich dies hübsche Projekt leider aufstecken. Vielleicht mache ich statt dessen mit meinen Bekannten eine 3tägige Tour in den Odenwald, (wenn bessres Wetter kömmt!).ii

(N. B. habt ihr denn an Richthofen die beiden Bände von: „Ad. Schaubach, die deutschen Alpen“ zurückgeschickt? Und ebenso an Siegfried Reimer? Sonst thut es ja bald!)jj

An Tante Bertha, Weißens, Passows, Richthofen, Lachmann und alle andern Freunde die schönsten Grüße.kk

a korr. aus: ungehmüthlich; b eingef.: vor; c gestr.: practische; eingef.: medicinische; d korr. aus: ihr; e gestr.: ich; f gestr.: für; g korr. aus: hinter; h korr. aus: Lebensbruf; i gestr.: auf; j korr. aus: festnahm; k gestr.: mich; l gestr.: indem; m korr. aus: Diesem; n gestr.: fordern; o gestr.: lernt; p gestr.: Von 8–11 Uhr folgen; q gestr.: da; r eingef.: fast; s hier irrtüml.: auch; t gestr.: gra; u gestr.: Section; v gestr.: An; w gestr.: heute; eingef.: gestern; x gestr.: hat; y gestr.: theoretisch; z korr. aus: befiehl; aa gestr.: von; eingef.: in; bb gestr.: werden; cc Text weiter auf dem linken Seitenrand: 1) Im Ganzen … Collegien allzusehr; dd gestr.: durch; ee Text weiter auf dem linken Rand von S. 5: 2) überhäuft bin … stählen lernt.; ff Text weiter auf dem linken Rand von S. 4: 3) Allerdings wäre … sehr nöthig.; gg Text weiter auf dem Rand von S. 3: 4) Wäre ich … wahrscheinlich die; hh Text weiter auf dem linken Rand von S. 2: 5) holde Naturwissenschaft … Zeiten trösten! –; ii Text weiter auf dem linken Rand von S. 1: 6) In den kommenden … Wetter kömmt!).; jj Nachschrift auf S. 6 oben: (N. B. Habt … ja bald!); kk Nachschrift auf S. 1 oben: An Tante Bertha … schönsten Grüße.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
18-05-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37441
ID
37441