Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Ziegenrück, 17. April 1855

Ziegenrück 17/4 55

Meine lieben Alten!

Ich sitze nun hier wieder ganz seelig und in Gott vergnügt bei meinen lieben Geschwistern inmitten des vollstens Naturgenußes, möglichst von allen Menschen isolirt. Dies ist mir 1 wahrhaft erquickender Genuß nach dem schrecklichen Gesellschaftstrouble und der wahrhaft beängstigenden Überschwemmung von (wenn auch zum Theil sehr lieben) Bekannten, welche mir in der letzten Zeit in Berlin alle Zeit raubten. Ich kann euch gar nicht sagen, wie wohl mir vorläufig die hiesige Natureinsamkeit, welche ich im vollsten Maaße genieße, thut. Bald werde ich wieder freilich mit Sehnsucht nach Berlin und an euch Lieben zurückdenken.

– Meine lieben Geschwister haben mich natürlich in gewohnter Weise höchst liebevoll aufgenommen und ich fühle mich in ihrer Gesellschaft äußerst glücklich. Mein kleines Pathchen ist über alle Beschreibung allerliebst.

– Nun will ich euch noch einiges von meiner Herreise erzählen. In Halle blieb ich 2 volle Tage, indem meine Freunde mich ordentlich gewaltsam festhielten. Ich traf eine große Menge alter Bekannter und Schulfreunde wieder. Als ich Donnerstag Mittag in Halle ankam, erwartete mich mein treuer, lieber Weiß, der auch eben erst von Leipzig gekommen war, am Bahnhof. Wir gingen zuerst in seine Wohnung, wo ich auch logirt habe. Dann machten wir mit Weber zusammen einen Spaziergang über Giebichenstein nach Kröllwitz, Trotha etc, wo wir mehrere liebe alte Bekannte aus der Halle’schen Flora (Gagea saxatilis, Umbilicaria pustulata etc) antrafen, schon in voller Blüthe. Abends kneipten wir mit mehreren alten Schulfreunden zusammen. Freitag früh ging ich zu Vetter August Sack, welcher mir seine ganzen zoologischen Sammlungen zeigte und über die dabei entwickelten zoologischen Kenntniße so entzückt war, daß er sich soweit vergaß, mir seine ganze Sammlung getrockneter Crustaceen (meist sehr merkwürdige a || ausländische Seekrabben, Seespinnen etc zum Geschenk zu machen, worüber ich natürlich nicht wenig erfreut war. Wenn ich wieder durchkomme, soll ich sie mir mitnehmen. Denkt euch nur!!! –

– Freitag Nachmittag bummelten wir beim herrlichsten Wetter in die Dölauer Heide. Es war so heiß, daß wir die Röcke auszogen und auf Rasen hingestreckt uns von der Sonne (im Schatten war es 17° R!) recht gemüthlich bescheinen ließen und zusammen plauderten. Dann besuchte ich noch den vielschreibenden Geologen und Zoologen Giebel, bei welchem Weber jetzt als Quasi-Assistent wohnt. Abends knippen wir sehr vergnügt mit Hetzer und Haak zusammen. Sonnabend früh besuchte ich noch einmal August Sack und sah noch seine ganze Conchyliensammlung an, bestimmte ihm auch noch mehrere unbestimmte Seesterne und Seeigel. Wenn er nach Berlin kommt, nehmt ihn nur recht freundlich auf; er war auch gegen mich sehr freundlich, ponirte mich sogar auf 1 höheres Gabelfrühstück. –

– Sonnabend Mittag reiste ich von Halle wieder ab. Eigentlich wollte ich schon Freitag Mittag weg. Weiß ließ mich aber nicht fort. In Merseburg am Bahnhof traf ich nur Buchbinder, der mir auch von Osterwalds Reise sagte, was mir natürlich sehr leid that. –Von Apolda bis Kahla fuhr ich mit der Post, wo ich Abends 9 Uhr anlangte und übernachtete. Am andern Morgen bestieg ich die Leuchtenburg, von wo man eine ganz hübsche Aussicht auf die umliegenden Bergketten hat. Dann nahm ich mir einen armen Mann an, der mir für ½ rℓ die Sachen herüber trug und ging an dem herrlichen Sonntagmorgen zu Fuß über Pösneck und durch das Orlathal nach Ziegenrück, die Fußtour war zwar etwas anstrengend, da ich selbst etwas über 30 [Pfund] Gepäck auf dem Leibe hatte, machte a mir aber vielen Spaß und ist mir ganz vortrefflich bekommen. Ich kam Mittags um 2 Uhr hier an, nachdem ich um [ ] losgegangen war und 1 Stunde in Pösneck geruht hatte. [Briefschluss fehlt]

a gestr.: ich

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
17-04-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37437
ID
37437