Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 18. Juli 1853

Würzburg 18/7 53

Herzlichen Dank, meine liebe Herzensmutter, für Deinen ausführlichen Brief, der mich sehr erfreut hat. Daß Du im Hause so viel Noth und Arbeit hast, thut mir recht leid; strenge Dich nur nicht zu sehr an, sondern schone Dich gehörig; denn die liebenswürdigen Nerven, weißt Du, lassen bei uns beiden nicht viel mit sich spaßen, sondern werden leicht unartig! Hoffentlich bekommst Du bald wieder freie Luft; und dann kannst Du Dich in Rheme recht erholen. Ich denke bestimmt Sonntag den 14.8. von hier abzureisen, wo ich dann Abends in Frankfurt ankomme und vielleicht schon am nächsten Tage in Rheme. Geld werde ich nicht mehr brauchen, da ich noch sehr viel habe; bestimmt weiß ich es freilich noch nicht, da ich noch nicht bestimmen kann, wie groß die Monatsrechnung wird. Wieviel denkst Du denn, daß ich zur Reise brauchen werde? Etwa 10 rℓ? Schreibe mir doch, was Du denkst, und dann, mit welcher Münzsorte ich am besten durchkomme; ich glaube, mit Gulden. Schach und Domino werde ich mitbringen; sorge nur ja, daß auch das Microscop mitkömmt. Noch muß ich um ein sehr gutes und nothwendiges Buch bitten, das Du wohl so gut bist, bei Dieter Reimer zu bestellen, und in Halbfranz binden zu lassen, so daß Du es fertig mit nach Rheme bringen kannst. Dies ist: „Schloßbergers Lehrbuch der organischen Chemie. Stuttgart. 1852.“ Ich brauche es ganz nothwendig! ||

Ich freue mich sehr auf unser nettes Zusammensein, namentlich auch auf Ziegenrück. Daß mein Geburtstagskistchen dort richtig angekommen ist, war mir sehr lieb von Dir zu hören. Ich hatte schon rechte Angst, es wäre verloren gegangen, zumal da es die Postbeamten hier anfangs gar nicht annehmen wollten, weil sie behaupteten, a in keinem Coursbuche auffinden zu können, wo das Nest liege. Von den Ziegenrückern selbst habe ich noch keine Antwort, wie sie überhaupt in diesem ganzen Semester noch nicht ein einziges mal an mich geschrieben haben. Ich fange wirklich darüber böse zu werden an. Sei doch so gut und rüffle sie deswegen im nächsten Briefe ordentlich; wenn sie so faul sind, kriegen sie auch keinen Brief wieder von mir! –

Daß Du, mein lieber Vater, Dich bei uns in Süddeutschland umsehen willst, hat mich sehr überrascht und erfreut. Daß Du nur einen kleinen Seitenabstecher nach Würzburg machst, versteht sich natürlich von selbst! Der Umweg nach Nürnberg beträgt nur wenige Meilen. Ich freue mich ungeheuer, euch hier herumführen zu können. Kommt aber nur ja recht bald, und gleich auf dem Hinwege. Am Besten werdet ihr thun, die Nachtpost von Bamberg hieher zu benutzen, die Abends um 10 dort weggeht und früh um 7 hier ist. Die b Eisenbahn bis Schweinfurt ist zwar fertig; allein meines Wissens existirt auch jetzt || noch nicht ein directer Anschluß, so daß ihr wahrscheinlich in Schweinfurt übernachten müßtest [!]. Schreibt mir nur bestimmt vorher den Tag, wo ihr zu kommen gedenkt, damit ich euch früh auf der Post empfangen kann. Ich freue mich ungeheuer darauf! Werdet ihr denn auch nach München und von da vielleicht eine kleine Sprütze in die Alpen machen? Die Reise wird jedenfalls sehr nett! –

Da fällt mir eben ein: weißt Du denn schon, daß Ägidi in Göttingen als Privatdocent ein publicum über die deutsche Verfassung liest, welches schon in den ersten Stunden so überfüllt mit Zuhörern gewesen ist, daß er das größte Auditorium hat nehmen müssen! Das freut mich sehr. Mir hat die Nachricht ein hiesiger Freund von ihm mitgetheilt. –

Unter den netten Schleswig-Holsteinern, die ich hier habe kennen lernen, ist auch ein Vetter von Esmarch, mit Namen: Ove Jeppe Prehn; sein Onkel, der Prehn, bei dem Karl war und der nachher nach China ging. –

Aus meinem gewöhnlichen stillen Alltagsleben bin ich vorige Woche ganz unvermuthet einmal in die große Menschen Welt hineingerathen. Wie ich dazu gekommen bin weiß ich selbst noch nicht. Am Sonntag den 10ten nämlich veranstaltete die Krone der hiesigen Professoren: Virchow, Koelliker, Mueller, Scanzoni, Scherer u.s.w. eine große Landparthie in den Guttenberger Wald. Jeder derselben hatte einige Freunde, namentlich junge Doctoren und besonders begünstigte Studenten dazu eingeladen, welche er als seine Gäste dort abfütterte u.s.w. || Da ist nun Koelliker, weiß Gott auf welche Weise, auf den Gedanken gerathen, auch mich unter seinen Gästen einzuladen; wie ich erschrocken bin, könnt ihr euch denken. Indeß lief die Geschichte doch besser ab, als ich dachte. Früh um 7 Uhr brach die Parthie auf, etwa 75 Personen stark, worunter zu meinem noch größern Schrecken wenigstens ⅓ junge Mädchen waren. Indeß habe ich auch diese Klippe (nämlich die Aufgabe, diese Damen zu unterhalten) glücklich zu umsegeln gewußt, so daß ich den ganzen Tag mit keiner ein Wort gesprochen habe. Gleich anfangs hatte ich ziemliches Schwein. Während nämlich die andern meist zu Fuße bei großer Hitze nach dem c gegen 3 Stunden entfernten Versammlungsort liefen, hatte ich das Glück, von Hrn. Dr. Gsell-Fels, dem Schweizer, der im Winter mein Nachbar war eingeladen zu werden, seinen Omnibus zu benutzen, in welchem außer ihm nur noch ein paar Studenten saßen. So genoß ich unterwegs noch ein langes Sermon über Philosophie gratis! Im Walde selbst war es sehr nett. Da es ein sehr besuchter Hauptvergnügungsort der Würzburger ist (erst gestern war wieder eine Partie von 1000 bis 1100 Personen dort!), so sind dort verschiedene Hallen, Bänke und Tische mitten im Walde errichtet auf einem freien etwas erhöhten Platz, der rings von prächtigen alten Bäumen umgeben ist. Auf einem der größten ist oben eine Gallerie angebracht, zu der man auf Treppen hinaufsteigt, und von der man eine weite Fernsicht über den sehr großen Wald hat. ||

Da packten nun denn die respectiven Professorenfrauen die sämtlichen Schätze ihrer Küche und Speisekammer vor den schmachtenden Gaumen aus und suchten diese zu erquicken, wobei eine die andere Professorin zu übertreffen suchte. Nur Frau Prof. Kölliker, übrigens eine sehr schöne und noble Dame, hatte in diesem Wettstreit sich nicht hervorzuthun gesucht. Es ist nämlich eine der sehr wenigen, aber darum desto mehr, schlimmen und schwachen Seiten Köllikers, daß er etwas sehr knickerig ist (horridum exemplum!!) und so kam es, daß wir Gäste Köllikers (unter denen auch meine meisten Bekannten, Bertheau, Hein, Gerhard, Passow, Lavalette u.s.w. waren, was nachher zu manchen Späßen Veranlassung gab) mitten in diesem Schlaraffenleben der Andern, wo es von Milch und Honig träufte, ziemlich im Trockenen saßen; namentlich muß ich gestehen, daß durch die schmalen Kosthäppchen und Nippchen mein Appetit eher gesteigert, als verringert wurde; und doch nahm ich mir noch weniger, als die andern! Indeß wurden diese kleinen Leiden bald vergessen, als ich nachher eine klare Quelle im Walde, prächtige Erdbeeren fand, und dann ein paar schöne, mir ganz neue Blumen, Rosa arvensis und Campanula Cervicaria. Nach dem Frühstück sowie auch nach dem Mittagessen, suchte das junge Volk sich die Zeit auf die leidlichste Weise mit allerlei Spielen und Belustigungen zu vertreiben, als da sind: Blindekuh, Plumpsack, Tanzen, Singen, Schießen, Kegeln, Spazieren u.s.w. Daß ich grade keine Rolle dabei spielte, werdet ihr mir wohl glauben. Indeß habe ich doch mein möglichstes gethan, um nicht zu sehr hinter den Andern zurückzubleiben. ||

Jedoch war ich schließlich herzlich froh, als endlich um 8 Uhr Abends d 4 verschiedene Omnibusse und mehrere andre Wägen Anstalt zur Rückfahrt machten. Fast hätte ich einem Freiburger Schweizer beigestimmt, der das Bummeln den ganzen Tag so satt hatte, daß er sagte: er möchte lieber 8 Tage Anatomiediener sein, als alle Sonntage so schmählich todtschlagen. Das Beste von der ganzen Geschichte war noch, daß ich dabei Virchow kennen lernte, dem ich noch alte Grüße von Georg Reimer bestellte, an den er e mir herzliche Gegengrüße bestellt hat. Dann amüsirte mich der herzliche offne, gemüthliche, süddeutsche Ton, der auf der ganzen Parthie herrschte, bei der die zarten jungen Damen mit den Herren Bier tranken, schossen, kegelten u.s.w.

Übrigens merkte ich erst am andern Tage, daß ich auch eine zoologische Bekanntschaft gemacht hatte; ich verspürte nämlich heftiges Jucken unter der linken Achselhöhle und schließlich fand sichs, daß dies von einem Holzbock (oder Zecke, Ixodes) herrührte, den ich, als ich mit ausgezogenem Rock im Walde spazierte, aufgelesen haben mußte, und den mir meine Bekannten Abends auf dem Badeplatz mit Messer und Pincette unter vielem Lachen herausoperirten. –

Am letzten Sonntage (gestern) war ich zum erstenmal f auf der Festung oben. Dieselbe ist nämlich nur an 2 Festtagen jährlich dem publicum geöffnet; gestern war die Ursache dazu das „ewige Gebet“, eine sonderbare Einrichtung der katholischen Kirche, wonach das ganze Jahr || ohne irgend welche Pause in ganz Baiern an irgend einem Orte gebetet werden muß (d.h. Worte ohne Sinn abgeleiert) wobei natürlich ein Ort nach dem andern an die Reihe kömmt. Dies ewige Gebet kam nun gestern auch auf die Festung herauf. Ich hatte eine sehr schöne Aussicht oben erwartet, sowie ich auch die interessante Einrichtung der Festungswerke zu sehen dachte, sah aber von allem diesem nichts, aus dem einfachen Grunde, weil überall Wachen ausgestellt waren, welche einen hinderten, anderswohin als nach der schauerlich schön verzierten Kapelle – oder aber nach dem Bierkeller beim Hausmeister – seine Schritte zu lenken. Der letztere zog auch mit seinem ausgezeichnet gut sein sollenden Biere g die meisten Leute herauf. Ich danke ergebenst für diesen Genuß! –

Das herannahende Ende dieses Sommersemesters, welches mir rascher, als je ein andres vergangen ist, giebt sich schon jetzt auf eine grauenhafte Weise zu erkennen. Die Professoren, die bis jetzt noch nicht den 4ten Theil des Pensums durchgenommen haben, verdoppeln ihre Stunden und nehmen doch den Rest äußerst flüchtig und ungenau durch; dies gilt namentlich auch von Kölliker, der sich bei den niedersten Thieren, was mir allerdings sehr lieb war, so lange aufgehalten hat, daß er jetzt noch nicht einmal zu den Insecten gekommen ist. Von eigentlichem Fertigwerden ist daher keine Rede. Ich bin jetzt auch mit Koelliker etwas näher bekannt geworden. Ich brachte ihm nämlich vorige Woche Eier von einer Maulwurfsgrille (Gryllotalpa), die ich im Botanischen Garten || h aufgegabelt hatte. Er forderte mich auf, dieselben sowie die Entwicklung der jungen Thierchen aus dem Ei zu untersuchen, und stellte mir dazu ein Microscop zur Verfügung, mit dem ich jederzeit auf seinem Zimmer in der Anatomie arbeiten könne. Das thue ich denn jetzt auch täglich früh ein paar Stunden. Die Geschichte ist höchst interessant und könnte zu Resultaten führen; wenn ich nur nicht so schrecklich ungeschickt, auch im Präpariren, wär! –

Vorige Woche habe ich wieder einen Geburtstag gefeiert, nämlich den meines Freundes Hein (am 13ten Juli) den ich nebst seinem Stubenburschen Gerhard (Köllikers Assistenten) zu einem großartigen Erdbeertractement eingeladen hatte, das trefflich mundete. –

– Ich habe vorige Woche mehreremal Kirschen und Erdbeeren zum Abendbrod gegessen, was mir sehr gut schmeckte, namentlich da die Berliner Schlackwurst, die ich immer Abends zum Butterbrod aß, bereits seit 3 Wochen verschieden ist. Das Erdbeeressen ist nur eine etwas theure Sache und kommt jedesmal auf 8–10 xr. Es sind aber auch prächtige Walderdbeeren und ich wollte, ich könnte euch einmal daraus tractiren! –

Daß es Tante Bertha fortdauernd so gut geht, freut mich außerordentlich. Grüßt sie recht herzlich, sowie auch euchi selbst den besten Gruß schickt euer alter Ernst H.

a gestr.: es; b gestr.: Schwe; c gestr.: über; d gestr.: die; e gestr.: he; f gestr.: offen; g gestr.: alle; h gestr.: Garten; i gestr: ihr; eingef.: euch

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
18-07-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37427
ID
37427