Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 16. März 1885, mit Beischrift von Karl Haeckel

Potsdam 16/3 85.

Mein lieber Ernst!

Herzlich danke ich Dir für Deine lieben, gestern erhaltenen Zeilen und freue ich mich: endlich meinen Wunsch Euch Lieben bei mir zu haben in Erfüllung gehn zu sehn. Erst wollt es mir zwar nicht recht in den Sinn passen, daß klein Emmachen nicht mit kommen soll; doch bei ruhiger überlegung, mußte ich mir wohl sagen, daß es für Agnes besser ist, wenn sie nicht kommt; ich bitte aber dringend, daß Ihr mir Emma mal schickt, wenn es angeht, und ich noch lebe. ||

Dann danke ich Dir dafür daß Du mir den guten Rath giebst, für Walter eine goldene Uhr zu nehmen: ich wollte ja so gerne Deinem Sohn ein Andenken seiner alten Großmutter geben, das ihn täglich erinnern möge, wie lieb er ihr ist. Wenn ich einem gerne was schenke, so soll es auch was gutes sein.

Nun aber komme ich auf den anderen Theil Deines Briefes: wie kennst Du noch Deine alte Mutter so wenig, daß Du denkst ich könne es || möglich machen, daß Ihr nicht ganz meine lieben Gäste wärt, ich soll es leiden, daß Ihr hauptsächlich bei Karl wärt; da sehe ich recht wie Du mich noch gar nicht kennst. Ich muß es schon mit Geduld ertragen: mir helfen zu lassen, wenn die Kräfte nicht ausreichen; aber was ich irgend noch besorgen kann thue ich selbst, und dabei bleibt es, bis ganz ausgespannt wird. Ich entbehre schon viel dadurch, daß ich manches nicht selbst besorgen kann. ||

Montag.

Mein lieber Ernst!

Gestern konnt ich nicht, wie es mein Wunsch war, diese Zeilen für Dich fertig schreiben, und doch muß ich Euch so kurz, wie es geht, meine Ansichten aus einander setzen. Ich verkenne es nicht Du und Karl Ihr meint es beide gut aber Ihr kennt Euere alte Mutter noch gar nicht; und deshalb muß ich dringend bitten: mir diesmal meinen Willen zu lassen. Ich habe ja den Wunsch die kurze Zeit, die mir wahrschein-||lich nur noch vergönnt sein wird mit meinen Kindern und Enkeln zu leben, auch so behaglich als es geht; und ich denke Ihr, Lieben, werdet auch deshalb mit meiner einfachen Art vorlieb nehmen; ich werde alles schon so einrichten, wie ich es nach meinen schwachen Kräften kann; aber muß daher auch dringend bitten: mich ruhig auf meinen Weg gehn zu lassen, wie ich es kann; und wie ich es fürs Beßte halte. ||

Leider will ja Ernst mit den Seinen nur wenige Tage hier sein; und da wird es meine Aufgabe sein, so viel es angeht mit ihren zu sammen zu sein, und nicht durch unnnöthige Aeusserlichkeiten mir die Zeit verkümmern zu lassen, ich werde alles schon so einrichten, wie ich es für das Beßte halte, und bitte dringend: mich ungestört meinen Weg gehn zu lassen. Wo ich Hülfe brauche, werde ich darum bitten. ||

[Einschub von Karl Haeckel]

Mutter quält so, daß ich Dir ganz überlassen muß es einzurichten wie Du willst u. es für gut findest.

Mutter ist ganz unglücklich, wenn Du auf ihre Vorschläge nicht eingehst. Ich bespreche mich also, ziehe meinen Rath von gestern zurück, und überlasse Die die Entscheidung. Ich nehme aber keine Verantwortung auf mich

Dein

Bruder.

[Fortsetzung von Charlotte Haeckel]

Diese Verantwortung ist meine Sache, und ich hoffe meine lieben Jenenser werden a sich || bei mir behaglich fühlen; gewiß ist es besser wenn Ihr bei mir zusammen seid; was nicht sein kann darin muß man sich finden, und ich will gerne mit Euch die paar Tage, die mir noch vergönnt sind mit Euch traulich verleben.

Nächstens schreibe ich an Agnes, heute geht es nicht, so seid nur alle recht herzlich gegrüßt von Euerer

alten Mutter

Lotte.

a gestr.: es

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-03-1885
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36991
ID
36991