Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Potsdam], vor dem 13. November [1883]

Mein lieber Ernst!

Herzlich danke ich Dir für Deinen lieben Brief mit dem Du mir eine große Freude gemacht hast; und der mich in Gedanken wieder recht zu Dir gebracht hat, aber mir auch Veranlassung ist mancherlei mit Dir zu besprechen. Deine Mittheilung über den Besuch Walters hat mir große Freude gemacht. Gebe Gott, daß es nun auch ferner zu seinem Wohl ist; und Ihr das Opfer Euch schon jetzt von dem Sohne zu trennen nicht umsonst gebracht habt. Mir ist es noch immer recht leid, daß ich den lieben Jungen bei meinem Besuch bei Euch gar nicht gesehn habe. ||

Daß es Dich befremdet, daß Deine Colegien in diesem Semester so schlecht besucht sind, ist menschlich nahe, dem Dir bis jetzt so viel Weihrauch gespendet wurde, aber es darf Dich dies doch nicht so verstimmen, daß Du nicht mit derselben Freudigkeit Deine Vorlesungen halten solltest; es ist ja gut, wenn nur die Zuhörer Interesse daran hat ob wenig oder viel; vielleicht ist daran Schuld, daß der neue Hörsal weiter von der Universität liegt.

Daß Du auch manche Quälerei mit der Eirichtung Deines neuen Museums hast, thut mir leid, das ist einmal bei neuen Einrichtungen nicht || anders, Du mußt Dich nur nicht über alles ärgern. Daß Du dies aber thust, ist mir ein Beweiß, daß Du noch nicht wieder so wohl bist, wie gewöhnlich, mir ist es als, wenn Deine Reisestrapatzen von Ceilon noch nicht ganz überwunden sind. – Auch hat Dich wohl die vielen neuen Einrichtungen angegriffen; Haus- und Institutseinrichtung, und vor Allem die Trennung von Deinem Sohne: nun wenn es wie ich hoffe nur zu seinem Wohl ist. – – Er ist ja in Euerer Nähe, und kann Euch öfter besuchen, was ja auch für Agnes der beste Trost ist. – – ||

Nun wirst Du sagen: ist die Alte noch nicht zu Ende; aber ich habe noch eins mit Dir zu besprechen; bist Du es doch gewohnt, daß ich alles, was mir recht und wahr dünkt offen mit meinen Lieben besprechen muß: also: Agnes bedankt sich bei mir a für den übersandten Wein; nun hatte ich wohl den Vorsatz gehabt, Dir ein kleines Faß Ungar oder Moselwein zur Einweihung des Hauses zu schicken, wollte aber es erst mit Dir besprechen; dazu bin ich nun wegen meines Unwohlseins nicht gekommen. Wußte aber nicht ob Karl für mich || Weinbestellung gemacht habe; von ihm nun höre ich, daß der Wein durch Dich bestellt ist.

Dienstag d. 13/11

Mein lieber Ernst! Mein Schreiben an Dich liegt nun schon mehrere Tage, da es damals unterbrochen wurde und ich immer nicht dazu kommen konnte. Da ich aber doch gerne Dir und Deiner Frau meinen Gruß schicken mögte, will ich versuchen, jetzt zu Ende zu bringen; und den Faden anknüpfen wo ich stehn geblieben: aus Deinem Brief sehe ich, daß Du scherzweise Deiner Frau gesagt habest: ich hätte das Faß wein geschickt und Du mich bittest, sie || bei dem Glauben zu lassen. Ich denke wohl, daß Du dabei Dir nichts übles gedacht hast; aber, mein lieber Ernst, daß ist nicht recht, Eheleute müssen unter sich kein Geheimniß haben, und ich finde es nicht in der Ordnung, wenn Du Agnes was verhelst, was zu Euerem Hausstand gehört: Frau und Mann haben gleichen Antheil am Gedeihen des Hausstands und müssen auch Alles, was dazu gehört, gemeinschaftlich berathen und besprechen; nach meiner Ueberzeugung ist es nicht recht, wenn Du nicht alles mit Agnes || besprichst. – Ich weiß wohl daß Du denken wirst: Mutter hat das zu wichtig genommen, was doch nur unbedeutent ist; aber durch solcheb Kleinigkeitenc kann oft viel Gutes verlohren gehn: Mann und Frau, denen Beiden das Wohl des ganzen Hausstands am Herzen liegt, können und dürffen keine Geheimniß Krämerei unter sich dulden; müssen alles gemeinschaftlich berathen und mit einander besprechen.

Doch nun genug von diesem Capitel. Nun will ich nur fragen: haben Deine Töchter in Jena || auch Festfeier zum Lutterfest gehabt: hier haben alle evangesische Schüler und Schülerinnen vom Magistrat Bücher zur Erinnerungd an Luther erhalten. – Bertha war gestern hier; sie grüßt Euch mit mir. Conrad Jakobie hat sich am Bein verlätzt mit dem Gewähr und liegt. Bei Herrmann Bleek in Amerika ist ein Junge angekommen, das 3te Kind. – Die amerikanische Verwandschaft wächst sehr. – Sei mit Frau und Kinder, Deine Schwägerin Clara und die beiden Soldaten herzlich gegrüßt von Deiner alten Mutter Lotte.

a gestr.: über; b korr. aus: auch solchen; c irrtüml. für: Kleinigkrigkeiten; d korr. aus: Erinneruscht

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
vor 13.11.1883
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36974
ID
36974