Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Potsdam, 3. Juli 1883

Potsdam 3/7 83.

Liebe Kinder!

Da mir das Schreiben etc immer schwerer wird, so nehme ich mir die Freiheiten, meinen Dank für die lieben Briefe von meinen lieben Jenensern an Euch gesammt zu richten, und nicht jeden einzelnen besonders zu schreiben. – Wenn es auch oft schwer wird, daß beim vorgerückten Alter und Schwinden der Kräfte man sich darin findet, so bleibt man um so dankbarer für alle Liebesbeweise; deren ich ja wieder so viele an meinem Geburtstag erhalten habe. ||

Die schönen Waldblumen, die Du, lieber Ernst, mit Deinen Kindern für mich gepflückt haben, erfreuten mich sehr, aber ich muß bitten: jetzt keine mehr zu schicken; trotz sorgfältiger Pflege, verwelkt doch alles bei der Hitze in einem Tage, und das ist doch zu schnell für die viele Mühe, die Ihr Lieben, gehabt mit Sammeln etc. Ebenso, mein lieber Ernst, muß ich Dich Bitten keine Bücher zu schicken, ich habe ja so viel zu lesen, genug für meine schwachen Kräfte. – ||

Du schreibst, mein lieber Ernst, ich solle die schönen Blumen mit Tante Bertha und Anna theilen, den Wunsch konnt ich nicht erfüllen: Bertha ist in Münster am Stein; und Anna darf und kann keinen Besuch erhalten. Leider erregt Annas Befinden viel Sorge. An meinem Geburtstag habe ich zum ersten mal die kleine Urenkelin gesehn, die Hahn herbrachte; Ihr könnta denken, wie es mir wehmüthig war ohne Mutter mit der Amme das Kind zu sehn. Gestern ging es doch etwas besser, und der Arzt hatte Karl gesagt: er sei zufrieden. ||

Ich hatte gehofft, Du, liebe Agnes, würdest mir die Freude machen mich mit den Kindern in den Ferien zu besuchen. Nun schreibt mir aber klein Emma Reimers würden zu Euch kommen, da kann nun wohl mein Wunsch Dich und die Kinder noch mal zu sehn nicht erfüllt werden. Die Kinder habe ich so lange nicht gesehn, daß ich kein Bild von ihnen mehr machen kann. Dabei fällt mir ein, liebe Agnes, daß ich Dich bitten wollte, mir an || Band das Maaß zu schicken wie lang wohl die Unterröckchen für Lisbet und Emma sein müssen. Ich wollte den beiden Mädels gerne zu Weihnachten Unterröckchen stricken, denn nach diesem heissen Sommer müssen wir uns wohl auf einen strengen Winter gefaßt machen. – –

Ueber das Bildchen, was Walter mir geschickt, und gemahlt hat, habe ich mich sehr gefreut; auch daß er mir schreibt er habe furchbar zu arbeiten, denn tüchtige Arbeit thut jedem Menschen gut. – ||

Lisbet schließt ihren Brief mit der Bitte, sie nicht zu vergessen, da sage ich mir: wenn die Großmutter auch noch so alt würde, so hörte sie doch nicht auf: ihren Kindern und Enkeln alles Gut zu wünschen. –

Klein Emma würde jetzt schön mit Siegfried spilen, der immer sehr glücklich ist, wenn er Kinder zum spielen hat, jetzt hat er sich einen Schulfreund angeschafft, der ihn mitunter besucht. – – –

Georg bitte ich auch zu grüssen; ich wünsche ihm baldige Besserung und danke ihm für || seinen Brief; so gerne ich auch möchte, kann ich ihm doch nicht es selbst sagen, mir wird das Schreiben zu schwer. –

Karl wird mit Herrmann zu dessen Hochtzeit reisen, die am 18ten July sein soll.

Ich kann es mir recht denken wie sehr Ihr, Lieben, Euch freut auf dem neuen Heim, das Ihr Euch gründet, und wünsche von Herzen, daß Euch viel Gutes darin zu theil werde. Dabei kommt auch immer der Gedanke, es auch recht behaglich zu machen, und dazu spreche ich den Wunsch aus: nur || verwöhnt mir die Kinder nicht; natürlich müssen manche Sachen angeschaft werden, wenn die Kinder heranwachsen, und dabei wollt ich in Erinnerung bringen, daß bei meinen Sachen noch manche gut erhaltene Möbel von Mahagoni sind, die die Kinder noch brauchen können, die hoffentlich in nicht zu langer Zeit herrenloos sind. –

Nun lebt wohl Ihr Lieben, seid alle aufs innigste gegrüßt von

Euerer

alten Mutter

Lotte Häckel.

a eingef.: könnt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-07-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36957
ID
36957