Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 23. Januar 1884

Potsdam 23/1 84a.

Mein lieber Ernst!

Wie mag es meinen lieben Kindern und Enkeln in Jena gehn? ob sie wie gewöhnlich in diesem garschigen Winter an Erkältung leiden? Sind sie fortdauernd zufrieden mit ihrem neuen Daheim? Ist Ernstens Fuß wirklich ganz gut? Sind die Nachrichten von Walter gut? lebt er sich in die neuen Verhältnisse ein? Und so drängen sich noch tausend Fragen ein, die ich gerne beantworttet haben möchte; und doch nicht erhalte, wenn ich nicht schreibe; und das geht nun einmal nicht mehr: der alte Kopf ist ganz stumpf und dumm. ||

Vor Allem bitte ich um eine baldige und aufrichtige Beantwortung der Fragen: wie viel habt Ihr, Lieben, auf meine Rechnung ausgelegt? Ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten: Geburtstag, Weihnachten etc Ernst und Agnes gebeten, mir ein passendes Geschenk zu besorgen; darauf habt Ihr wohl geschrieben: Ihr hättet es gethan nach meinem Wunsch; nie habt Ihr aber geschrieben wie viel Ihr für mich ausgelegt habt; ich bitte nun dringend, daß Ihr dies Versäumniß bald nachholt: Dadurch || würdet Ihr mit eine große Liebe erzeigen: ich habe nie gerne Schulden gemacht und möcht die, die mich noch drücken, je ehr je lieber tilgen: bitte daher dringend: daß Ihr mir aufrichtig schreibt: wie viel Ihr für mich verausgabt habt? und ob ich das Geld an Karl geben soll zur Berechnung oder ob es Dir, lieberer Ernst, lieber ist, wenn ich es Dir durch Postanweisung schicke?

Ich habe jetzt etwas Geld noch liegen, was ich gerne zur Tilgung dieser Schuld verwenden möchte. ||

Wie weit bist Du nun, mein lieber Ernst, mit der Einrichtung Deines neuen Instituts? ich denke, das macht Dir noch viel Arbeit und wie seid Ihr mit der Heitzung im Hause zufrieden? Habt Ihr sehr vom Winde zu leiden? in diesen Tagen, wo der Wind hier so wüthete dacht ich oft mit Schreck daran, daß Ihr bei der Erhöten Lage Eueres Hauses wohl dem Sturme sehr ausgesetzt seid. Kann und darf ich denn hoffen: meine Lieben aus Jena bald bei mir zu sehn? wohl ist es schlimm, daß die univer-||sitätsferien nicht mit den Schulferien zusammen fallen, also Ihr nicht zusammen her kommen könnt; aber wenn es Euch möglich ist, so kommt Ihr doch zu mir: vielleicht Agnes mit den Kindern? und Du sobald Du kannst, wie gerne sähe ich Euch bei mir. Doch nun für heute genug, ich kann nicht mehr.

Gott sei mit Euch! schreibt mir mal bald aber aufrichtig, wie es Euch geht. Sei mit Frau und Kinder auf’s herzlichste gegrüßt und behaltet lieb

Euere

alte Mutter Lotte,

die in Gedanken viel bei Euch ist. – –

a irrtüml. für: 83

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-01-1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36938
ID
36938