Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 21. Januar 1883 + 23. Januar 1883

Potsdam 21/1 83.

Mein lieber Ernst!

Dank für Deinen Brief von gestern, der das ausspricht, was ich lange gefürchtet habe; und da drängt es mich Dir und Agnes meine Theilnahme gleich auszusprechen. Ich kann es mir vorstellen wie es Euch schwer wird, den Entschluß zu fassen, den Jungen einen anderen Schulweg gehn zu lassen, als wir gewohnt sind; und doch wenn es sein muß, ist es gewiß für Walter besser je ehr je lieber, daß er in das richtige a Fahrwasser kommt. – ||

Wenn es uns auch kränkt, daß die geistige Entwickelung der Kinder nicht unserer Ansicht entspricht, so ist darin doch für Eltern ein Trost, daß b wir aus den Kindern nicht machen können, was wir wollen; wir können nur die Anlagen, die ihnen mitgegeben sind entwickeln; und müssen lauschen, wie es zu ihrem Wohle am beßten ist. Auch von Karls Kinder haben ja schon mehrere anders ihr Leben gestaltet, als wir es wohl wünschten. Mir kam nun neulich beim Aufräumen alter Briefe, einer von unserer Mimmie || im Jahre 64 zu Häckels Geburtstag geschriebenem als Georg gebohren war. Nachdem sie sich über alle Kinder äußert, sagt sie: Was mag aus den 5 Jungen noch mal werden. Wenn es uns nur gelingt, brave, rechtschaffene Menschen aus ihnen zu machen, dann mögen sie werden was sie wollen. Unsere liebe Mimmie spricht in ihrer einfachen Weise es so aus. – Und die Hoffnung wollen wir fest halten, daß die lieben Kinder alle rechtschaffen und brav werden wenn auch ihre Lebenswege anders sich gestalten, als wir denken. – –

Ich bedauere oft, daß im Ganzen die Knaben sich einem Beruf wählen müssen, ohne mit den verschiedenen Lebensweisen bekannt zu sein. ||

Doch, mein lieber Ernst, ich bin auf ein Gebiet gerathen, was wir besser mündlich besprechen, und da ich ja jetzt so vergeßlich immer bin, will ich geschäftliches gleich berichten. Die Obligationen der Rhein-Nahebahn sind gekündigt; und ich habe die für Dich dafür erhaltenen 3000 Mark gut geschrieben auf das, was ich für Dich vorgestreckt habe.

Dabei fällt mir ein: Hast Du wohl orndlich immer eingetragen, was Dir der Hausbau kostet; und hebe ja die c quittierte Rechnungen darüber auf. – –||

[Briefschluss fehlt]

a gestr.: W; b gestr.: es; c gestr.: Q

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-01-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36937
ID
36937