Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. Februar 1881

Potsdam 26/2 81.

Mein lieber Ernst!

Wann werde ich die Freude haben: Dich hier zu sehn? Fast ist es ein Jahr als Du hier war [!], und da wurde mir die Freude durch Dein Unwohlsein, und daß Du noch krank abreisen mußtest, verkümmert. So lange hatte ich mich darauf gefreut Dich mit Frau und Kinder bei mir zu haben, da mußte nun Agnes auch so schnell weg, und doch mußte ich ihr Recht geben, daß sie nicht ruhig hier sein konnte, wie damals alles war. Nun || vielleicht wird mir, wenn ich noch lebe den Sommer die Freude Euch bei mir zu haben: so gerne möchte ich noch mit Euch alle sein; mich mit Dir und Agnes besprechen, und die Kinder liebkosten. Aber in meinen Jahren muß man nicht zu viel erwartten, und ich will mich dankbar freuen, wenn ich jetzt fürs erste auch nur im halben März Dich bei mir habe, wie Du mir bei Deiner Rückkunft von der Reise versprochen. Für Frau und Kinder ist es ja besser im Sommer, daß sie auch etwas von der Reise haben. ||

Meine Sehnsucht Dich zu sehn und so manches mit Dir mündlich zu besprechen ist groß. Auch wünsche ich Dir noch selbst die anvertrauten Pappiere zu übergeben. Sollte mir das nicht vergönnt sein, so findest Du Deine Sachen in dem Documentenkasten, der in meinem Leinenschrank steht. Die von Dir geschickten Sachen sind in dem Pappier, worin sie gekommen, in dem anderen Packet in der kleinen Schreibmappe findest Du die von mir angekauften Pappiere, und die früher hergeschickte. Dazu habe || ich auch das Document über das Kapital, was auf Agnes Namen geschrieben ist, gelegt, das zuletzt angelegte habe ich noch nicht erhalten. In meinem Sekretär liegt unter meiner Brieftasche in einem Couvert von Dir 1) das bis zu Ende 1880 geführte Büchelchen über Einnahme und Ausgabe für Dich 2) das mit 1881 neu angefangene und 3) dabei Brief, die Du mir zum Lesen geschickt hast. – Ich hoffe Du findest Dich darin zu recht. Nun vielleicht kann ich Dir noch selbst alles erklären. Doch wie Gott will, muß es am beßten sein. Euch allen bleibt der Seegen Deiner alten

Mutter Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-02-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36904
ID
36904