Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 1. Dezember 1880

Potsdam 1/12 80.

Lieber Ernst!

Ohne Gruß an Dich kann ich die Zeilen an Deine liebe Frau nicht abschicken; und doch konnt ich nicht zum Schreiben kommen, so gerne ich Dir auch meine Heimkehr von der großen Reise berichtet hätte. Hoffentlich seid Ihr, Lieben in Jena recht wohl, und haltet Euch auch so den Winter durch. kann ich hoffen Dich bald mal zu sehn? hast Du Ferien zum Schlus des Jahrs? Aus meinen Zeilen an Agnes ersiehst Du, daß es mir in Berlin sehr gut ergangen ist, und ich dankbar bin, daß ich noch mal mit Bertha so traulig zusammen sein konnte; freilich bin ich in Berlin nicht aus || der Stube gekommen, auch die Hinfahrt war trotz schlechten Wetter weniger angreiffend als die Rückfahrt; die mich ganz kaput machte, und mir noch in den Gliedern liegt; wie lächerlicht muß das Dir, gereister Mann erscheinen, von einer Fahrt von Berlin bis Potsdam so zu sein. Doch genug davon ich bin gesund, und überzeuge mich immer mehr davon, daß man im Alter sich fügen muß in allem was einmal nicht mehr geht. – – Hier fand ich unsere Lieben alle wohl, Karl war bei meiner Ankunft auf dem Bahnhof, und der sorgfälltige Karl hatte auch in meiner || Wohnung alles heizen lassen. Karl läßt Dich herzlich grüssen, er hat mit Herrn Joachim in Berlin gesprochen wegen der Pappiere, die ich vor meiner Abreise aus den Documenten gesucht hatte: Herr Joachim war der Meinung daß es gut sei zu verkauffen, doch eile es nicht, nun haben wir beschlossen damit zu wartten bis ein Hypothek sich findet. – Ich denke es wird Euch so recht sein; schreib mir in Zeiten ob es auf Deinen oder Deiner Frauen Name eingetragen werden soll; oder weiß Karl das schon, ich konnt ihn nicht darnach fragen, da ich ihn nur immer so flüchtig sehe. – ||

Aus Amerika ist die Nachricht gekommen, daß Clasens durch die Geburt eines Knaben erfreut sind, 3 Mädchen haben sie schon, die kleine Frau Anna ist dabei munter und frisch, und hatte schon am achten Tage selbst geschrieben. (Ob das im Klima liegt) Hier zu Lande ist es jetzt Mode, daß die Frauen nach jedem Wochenbet giechsen. Nun wir werden die Welt nicht ändern. – – –

Grüsse die Kinder herzlich von mir, und vor allem Dir selber den innigsten Herzens Gruß von

Deiner

alten Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-12-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36893
ID
36893