Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, [Potsdam], 11. – 20. August 1880

11/8 80.

Meine lieben Kinder!

Schon seit mehreren Tagen wollt ich Euch schreiben, dazu kam es aber nicht, da ich seit Donnerstag früh immer Abends nicht konnte, weil mein Auge krank war; heute ist es nun besser, da ich aber nicht weiß ob es so bleibt, schreibe ich lieber gleich jetzt früh. Der Gedanke daß Ihr Anfangs August nach der Schweiz reisen wollt drängt mich dazu: Euch dringend zu bitten, daß Ihr recht vorsichtig sein sollt: || In der letzten Zeit habe ich in den Zeitungen Berichte von vielfachen Unglücksfällen, die den Reisenden dort getroffen haben gelesen, daß ich darauf veranlaßt werde; Euch dringend zu bitten, ja nichts zu unternehmen, wodurch Ihr Euch schaden könnt; besonders muß ich Dich, lieber Ernst, ersuchen vorsichtig zu sein, bei Deinem leider so kurzen, und gestörten Hiersein, ist es mir klar geworden, daß Du Dir immer || mehr zumuthest, als Deiner Gesundheit gut ist; Du hast auf Deinen früheren Reisen schon so viel Waghalsiges durchgemacht, und bist darin immer glücklich bewahrt worden, da darfst Du aber nicht zu sehr auf Dein Glück rechnen. Denke an Deine Frau und Deine Kinder, denen Du noch viel im Leben sein sollst. Gieb mir die Beruhigung; daß ich ohne Sorge Euch kann reisen sehn! ||

Den Unserigen in Heringsdorf geht es gut, die 3 Schuljungen werden Dinstag zurück kommen, Karl wird mit Anna und Siegfried noch 8 Tage länger dort bleiben, dann wird Helehne nach Heringsdorf gehn; auch Heinnrich wird seine Ferien hier beim Vater verleben, da wird das jetzt so leere Haus wieder belebt. – Wie lange denkt Ihr weg zu bleiben? – Hast Du die Hipotek über die 3600 Mark schon erhalten? sonst wird wohl Karl dem Manne sagen müssen, wenn Du wieder in Jena bist, daß das Dokument nicht dort ankommt in Deiner Abwesenheit. ||

Von Bertha habe ich einen Brief aus dem Haag gehabt, sie wird wohl bald zu mir kommen, und dann hoffentlich länger bleiben. –

Bitte gebt mir doch von Euerer Reise ab und zu Nachricht, damit ich doch weiß, wo Ihra auf Gottes Erde weilt, und Dich Ernst bitte ich noch besonders: schone Deine Gesundheit! Werden die Kinder in Euerer Abwesenheit zu Clara ziehen oder Clara zu den Kindern? bitte schreibt mir das noch, und besonders wie es Walter geht, ob er wieder wohler und frischer ist? ||

20/8

Heute nur noch einen herzlichen Morgengruß, gestern war Marie bei mir, die Euch auch schön grüßt. Gott geleite Euch auf Euere Reise, daß Ihr gesund bleibt und auch die Kinder wohl und frisch wieder findet; und gedenkt Euerer

alten Mutter

Lotte Häckel

Mit meinen Augen geht es besser.

a eingef.: Ihr

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-08-1880
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36880
ID
36880