Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Januar 1880

Potsdam 5/1 80.

Mein lieber Ernst!

Gottes reicher Segen sei mit Dir und Deinem ganzen Hause auch in dem neu begonnenen a Jahr; er erhalte Euch gesund und gebe Euch Freude an den Kindern. – Behalte mich lieb; hab 1000 Dank für alle Sorgfalt und Liebe. In dieser Zeit habe ich es recht dankbar empfunden welche Wohlthat es für mich ist, daß ich so mit Karl und den Kindern zusammen sein kann. Freilich wäre es schön gewesen, wenn Du mit den Deinen auch hättest bei uns sein können; stündlich habe ich Deiner gedacht; und Euch alles Gute gewünscht. ||

Mit inniger Theilnahme gedenk ich Deiner armen Schwiegermutter. Gebe Gott ihr bald Erlösung von dem schweren Leid durch einen sanften Tod. Dabei denke ich daran wie mein Vater sagte: den Tod fürchte ich nicht, wenn nur die Brücke dahin nicht zu schwer ist. – Gott gebe uns allen ein seeliges Ende; Euchb Jungen möge er noch das Leben lange erhalten, und reich seegenen. Daß Du solche Befriedigung in Deiner Thätigkeit hast, freut mich sehr, nur bitte ich Dich übernimm dich nicht, denke wie Du Dich gesund erhalten mußt für Frau und Kinder. –

Mit Bertha habe ich die 14 Tage recht traulich ver-||lebt, wir haben viellerlei besprochen, sind auch viel mit Karl und seinen Kindern zusammen gewesen, entweder unten oder oben. – – –

Natürlich durchlebten wir auch manche wehmüthige Erinnerung. Eine sehr traurige Nachricht hatten wir auch durch den Tod von Ernst Naumann. Bertha hatte ihn auf ihrer Schweizerreise erst so sehr glücklich in Frankfurt gesehn; und konnte mir nicht genug sagen von dem schönen Famielie Leben.

Bertha bekam hier auch einen Brief von Louis Mölder, der auch schreibt, wie sehr er sich freut, daß Du bei ihm warst. – ||

Karl hat einen starken Schnupfen; bei der strängen Kälte war er wohler als jetzt bei dem panschlichen Tauwetter, Julius Bein ist auch noch nicht besser, er kann noch nicht zur Schule gehn; die Uebrigen sind wohl.–

Ich komme wenig aus dem Hause. Du kannst denken wie sehr mich der Wirrwar in religiösen und kirchlichen Dingen beschäftigt. Bei dem vielen verdrähten Dingen, die wir jetzt erleben drängt sich immer mehr die Ueberzeugung auf, daß gegen diese Verirrungen der beßte Schutz eine tiefe religiöse Entwickelung ist und daß wir dadurch der Jugend nur den rechten Weg ebenen können. Gott sei mit Dir und den Deinen. Behaltet

lieb Eure alte Mutter Lotte.

a gestr.: Haus; b gestr.: Ihr; eingef.: Euch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36867
ID
36867