Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Januar 1882, mit Nachschrift von Bertha Sethe

Potsdam 5/1 82

Lieber Herzens Sohn!

Heute habe ich endlich Deinen nach der vor einigen Tagen von Dir erhaltenen Karte erwartteten Brief bekommen; und freue mich dankbar, daß es Dir so gut geht, bitte Dich aber dringend: sei recht vorsichtig, daß Du gesund zu uns heimkehrst!

Wie viel ich in den Festtagen von Weihnachten und Neu-Jahr Deiner gedacht habe, weißt Du. Gott behüte Dich ferner. Wenn es mit Karls Genesung nicht so rasch vorgeht, wie ich es wünsche, so müssen wir doch || zufrieden sein; zum Fest hatte er doch einen Theil seiner Kinder um sich versammelt, Hermann und Ernst waren von den auswärtigen hier, und ich hatte die Freude Bertha bei mir zu sehn, die morgen wieder nach Berlin zurückgeht. –

a Einen Tag kam auch Agnes mit den Kindern, die zum Besuch bei Reimers waren zu mir auf ein paar Stunden; und ich freue mich Dir schreiben zu können, daß alle 4 sehr wohl aussahen. Die Kinder finde ich recht gewachsen, und dabei entstand in mir aufs Neue, der Wunsch, daß Du um die Kinder || heran wachsen, nicht mehr auf so lange Zeit verreisen mußt: die Beobachtung der Entwickelung des geistigen Lebens derselben muß doch für den Naturforscher noch viel interessanter sein als das Leben der Medusen, Radiolaren etc. etc. Denk aber nicht, als hätte ich etwas an den Kindern vermißt, nur war der Auffenthalt so kurz, und durch die vielen Menschen so getheilt, daß [ich] gar kein Urtheil drüber haben kann; doch freue ich mich die Lieben wieder gesehn zu haben, und wenn ich leben bleibe, hoffe ich Du bringst mir Alle mal auf längere Zeit. –

Deinem Wunsche gemäß wird Karl 1000 Mark noch heute nach Triest schicken; eben holt Mariechen von der Creditbank das was mir am baaren Bestand noch fehlt. – Von Herrn Kaufmann haben wir noch nichts erhalten, werden es aber gleich in Ordnung bringen, wenn es kommt. Doch ich sehe schon: wie Du über diese Geldgeschichten ungeduldig wirst, und wieder in die schöne Natur Dich sehnst: nun geniesse alles mit Dank, aber kehre auch gerne heim. Behalte lieb Deine

alte Mutter Lotte.

[Nachschrift von Bertha Sethe]

Auch von mir einen herzlichen Gruß, es hat mir rechte Freude gemacht, Agnes und die Kinder hier zu sehen. Morgen (6 Januar) ziehe ich wieder in mein Heim ein. – und darauf freue ich mich, und doch ist es das beste, wenn man gerne heimkommt, so wird es auch trotz allem Schöner durchgehen. Deine alte Tante Bertha.

a gestr.: W

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36811
ID
36811