Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Potsdam], 24. – 26. November [1877]

24/11.

Mein lieber Herzens Sohn!

Hab Dank für Deine lieben Zeilen, und besonders, daß Du an dem Tage geschrieben, der ja so viele Jahr immer der größte Festtag unseres Hauses war. Nun wir wollen mit Dank zurück denken an die viele Liebe, die uns hier im Leben geworden, und mit Zuversicht in der Erwarttung der einstigen Wiedervereinigung mit unseren Lieben in einem höheren Leben, getrost hier unseren Lauf enden; || dort wird uns das klar was uns hier unbegreiflich ist, wir dürfen nur nicht wollen schon hier mit unserem Verstande alles fassen; hier ist uns Menschen eine Schranke gesetzt.

Deine Versicherung, daß es Dir mit Deinen Lieben gut geht, freut mich sehr; auch daß Du viel Freude in Deinem Beruf hast, den Brief den Du mir zum Lesen mitgeschickt werde ich Dir in den nächsten Tagen zurück schicken, heute möchte es zu viel sein für einfaches Porto. ||

Auch gratuliere ich Dir zu der Ehre Mitglied der geografischen Gesellschaft in Lissabon zu sein. Wie viel Diplome hast Du nun schon, damit wird man bald einen ganzen Wagen beladen können. Bei den Vorlesungen muß es Dir ja sehr angenehm sein, daß das Auditorium so besetzt ist. –

Vorigen Dienstag war ich zu einer Abendgesellschaft bei Ritters gebeten; und kurz ehe ich dahin ging überraschte mich Bertha, die nicht litt, daß ich es || absagte und den Abend zu Karl Kindern ging, denn Karl war auch bei Ritter. Bertha blieb bis Mitwoch Abend; Lucie Jakobie und Bertha Pine waren auch den Mitwoch bei mir.

Donnerstag war ich mit Anna in einem Concert. Du siehst also, daß Deine Alte etwas unruhig gelebt hat.

Heute Abend war ich um 6 Uhr mit Anna in der Kirche zur Vorbereitung zum Abendmahl; Karl war mit Marie vor 14 Tagen gegangen, ich denke || mit Anna morgen am Todtenfeste zu gehn.

Morgen werde ich zu Mittag bei Karls Kindern sein, Karl will mit Ernst nach Berlin fahren um Herrmann Reimer zu sprechen; Gott gebe daß unsere Sorge um das liebe Kinde gehoben werde. –

Bertha hat mir versprochen zu Weihnachten auf länger zu mir zu kommen, worauf ich mich natürlich sehr freue. –

Für heute sage ich Dir gute Nacht, ich bin zu müde weiter zu schreiben. ||

26/11

Gestern bin ich nicht zum Schreiben gekommen und will ehe der alte Kopf alles vergißt, noch etwas Geschäftliches berichten:

1) Du hast mir nicht geschrieben ob Du an Mariechen Reimer das Kleid, was sie für mich für Agnes besorgt hat, bezahlt hast und wie viel, bitte schreibe es mir doch, damit ich es eintrage in unserer Berechnung? oder daß ich kann durch Bertha bei Marie Reimer die Schuld tilgen. Aber bitte beantworte dies. ||

2) Kannst Du mir irgend etwas angeben, womit ich Walter zu Weihnachten eine kleine Freude machen kann; ich möchte zu gerne etwas wissen, und nicht aufs gerade was kaufen, es ist so unangemesen, wenn es dann nicht paßt oder doppelt kommt.

3) Wünscht Agnes auch mal wieder entöhlten Kakao, oder hat sie noch welchen. Wenn Du oder Agnes noch irgend etwas wünscht, was ich schicken kann, bitte dann schreibt es im Zeiten. Honigkuchen darf ich wohl gar nicht mitschicken? ||

Sei mit Frau und Kinder auf’s innigste gegrüßt von

Deiner

alten Mutter Lotte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-11-1877
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36753
ID
36753