Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. – 30. Juli 1877

Potsdam 26/7 77.

Lieber Ernst!

Herzlich danke ich Dir für Deine gestern erhaltenen Zeilen. Daß Dir die Decanatsgeschäfte so lästig sind, thut mir leid, und ich bitte Dich dringend, Dich mit Arbeiten nicht zu übernehmen. Dabei möchte ich Dich nicht noch quälen mit Schreiberei an Deine alte Mutter, die sich doch immer nach Nachricht von Euch sehnt, und so bin ich Agnes dankbar, daß sie mir etwas von Euerem Ergehn mitgetheilt hat. – – ||

Gestern hatte ich auch einen Brief von Karl aus Hirschberg, wo er bei Schuberts wohnt, morgen wollte er von dort nach St. Peters auf der böhmischen Grenze. Er schreibt, es thäte ihm wohl, in der Erinnerung an den früher erlebten Ereignissen, und Umgebung von theilnehmenden Menschen zu leben. Er schreibt auch daß er Tante Lulla gesehn, die mit ihrer Freundin, ein Frl. aus Dresden nach Kreuznach in’s Bad gingen, beide || Damen wollten über Jena reisen, Beide seien schwermerische Verehrerinnen Deiner Schöpfungsgeschichte und dessen Verfassers. Da ich nun nicht weiß, ob Du Dich der Ottilie Lulla noch erinnerst, so schreibe ich Dir schnell, damit Du weißt wen Du vor Dir hast: Frau Ottilie Lulla, die Wittweh des verstorbenen Rechtsanwalts Lulla, ist die jüngste Schwester von Fritz Lampert und Emielie, der ersten Frau Deines Vaters. || Ich habe sie seit Jahren nicht gesehn, früher war sie etwas überschwenglich in ihrem Interesse an Kunst und Wissenschaft. Wir haben aber immer sehr freundschaftlich mit einander verkehrt, und Du wirst mir eine Freude machen, wenn Du ihr auf irgend eine Art gefällig sein kannst, so glaube ich, sie würde gewiß gerne Dein Institut sehn. – –

Sei nicht böse wenn Dich Deine alte Mutter noch quält und Du bleibst doch ihr lieber Junge. – ||

Potsdam 27/7 77.

Mein lieber Ernst!

Als ich Dir gestern Abend schrieb, war ich willens Dir einzelnes, was ich aus unserem Familienkreis gehört, mitzutheilen, damit Du in demselben nicht ganz fremd wirst; da war aber das Blatt zu Ende, und nun will ich versuchen heute nachzuholen. – Dein Schwager Heinnrich wird seine Frau in diesen Tagen nach Franzisbad bringen, wo sie Morbäder brauchen soll, Mariechen Brühl wird bei Heinrich und den Kindern die Wirtschaft führen. Der an-||dere Heinnrich Sethe ist mit Frau und Kinder in Cösen bei seinen Schwiegerältern. – Theodor Bleek ist mit der Frau in Marienbad, was beide brauchen sollen; ihre Kinder sind in Berlin, die beiden Mädchen bei Bertha Pine und Adelheid, die Jungen bei Heinnrich. Gestern waren Bertha Pine und Adelheid mit den beiden bleekschen Mäden bei Zährmanns zu Mittag, wo ich zum Kaffe mit ihren und meinen hiesigen Enkeln auch war: Frau Zährmann hattea auch den kleinen Siegfried mit seiner etc. eingeladen, Anna, Marie, Georg und Julius, die von || Berlin zurück waren. –

Theodor hatte gute Nachricht aus Amerika, es ging Anna mit dem Kinde gut. Gustchen würde besuchsweise nach Deutschland kommen, und wie Theodor seinen Kindern schreibt, wahrscheinlich schon in [!] September in Lipstadt sein. – Du hast Dich doch immer für Wilhelm interessiert, und so wird es Dich freuen, daß nun doch seine Wittweh eine Pention aus England bekommt. – Ernst Naumann ist verheirathet, unser Heinnrich hat ihn in Heidelberg getroffen mit seiner Frau. – ||

30/7

Von Karl haben wir bis jetzt gute Nachrichten, er ist in St. Peter in Böhmen und meint die Ausspannung thäte ihm gut, er hat dort Lettes getroffen, mit denen er und Hermine in Landsberg befreundet war, das ist mir sehr lieb.

Ich studiere jetzt gründlich das große Buch über Italien, und denke es Dir noch vor meinem Umzug zurückzu schicken.

Sei mit Frau und Kinder auf’s herzlichste gegrüßt von

Deiner

alten Mutter

Lotte.

Heute hatte ich einen Brief von Luise Sethe, die Dich grüßt. – –

a eingef.: hatte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-07-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36734
ID
36734