Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 12. – 17. Juli 1877

Potsdam 12/7 77.

Lieber Ernst!

Dank für die Freude, die Du mir durch Deine lieben Zeilen von gestern gemacht hast; eben so durch die Nachricht, daß es Euch gut geht. Theile ich doch von Herzen alles, was meine Kinder erleben. Karl, bei dem ich war, freut sich mit mir, daß Du durch die autographischen Briefe eine Erleichterung hast. Karl meint, er könne noch nicht bestimmen ob er Dich besuchen könne, er möchte es gerne; er ist, wenn ich wohl verstanden habe willens ein Rundreisebilliet nach Schlesien nehmen, und || da etwas in den Bergen zu wandern; und dann auf der Rückreise Dich besuchen. Der Consul in Cephalonia übertrifft wirklich den Kediw. Laß Dich nur durch die schönen Südweine nicht verleiten zu viel zu trinken. Mußkatwein ist so süß, daß man unwillkürlich zu viel des Guten thun kann. Später kannst Du mal Deiner alten Mutter eine Flasche davon schenken. – Als Du hier warst meintet Ihr, Du und Karl, die eine Sorte sei nicht so gut von dem Wein, den Du geschickt hast, und grader [!] dieser || bekommt Karl sehr gut, wenn er angegriffen ist, trinkt er davon ein Weniges. –

17/7

Schon mehrere Tagen liegen diese Zeilen an Dich unvollendet: ich konnte nicht zum Schreiben kommen, theils äussere Abhaltung, aber meist war ich zu faul. Gestern war Bertha mit Frl. Tiel, die jetzt bei ihr wohnt hier; leider war schon früh Regen, sie kamen aber doch, da es sich um 10 Uhr aufhelte; auch Nachmittag wurde es so trübe, daß wir den gehabten Gedanken an eine Partie aufgaben und hier ruhig Kaffee tranken, dann gingen || wir zu Karl, und da das Wetter etwas besser war, wurd beschlossen doch noch nach dem Tornow zu fahren, wohin Karl um 7 Uhr nach beendigter Arbeit noch kommen wollte; Anna, Julius und Georg fuhren mit uns im Kahn, Ernst ist auf dem Lande bei Claras Pflegeschwester, wo er die Ferien verlebt, Mariechen blieb beim kleinen Bruder. Als Karl schon bei uns war kam ein tüchtiger Gewitterregen, der besonders für Anna und Frl. Tiele schlimm war, die ohne Schirm weiter im Wald gegangen waren. Dann wurde es noch recht || hübsch, ein pracht voller Doppeltregenbogen war und schöne Beleuchtung, wobei der kleine Julius sagte: den müßte Onkel Ernst sehn. –

Trotz dem Regen war es mir lieb Karls wegen, daß er doch etwas aus den Acten kam. Die Rückfahrt war schön, und als wir an dem Lustgarten gelandet, brachten die beide Jungen Tante Bertha zum Bahnhof.

Worüber wirst Du denn in München Vortrag halten? und wird Agneß mit Dir reisen? und werdet Ihr dann noch zu mir kommen? So möcht ich 1000 Fragen thun. ||

Morgen werden Mariechen, Georg und Julius zu Tante Bertha nach Berlin reisen, Marie wird Donnerstag Abend wiederkommen, die beiden Jungen bleiben längera zu ihrer Ferienfreunde. Die 4 Kinder von Theodor Bleek sind jetzt in der Zeit, wo ihre Eltern das Marienbaderbad gebrauchen in Berlin, auch sind die beiden Kinder des Sorauer Heinrich da. b Bei günstigem Wetter will Bertha Donnerstag mit der ganzen Kinderschaar im Kremster nach Pichelsberg fahren; da müßte Dein Walter und Liebeth dabei sein. – Grüße Deine liebe Frau und die Kinder herzlich von Deiner Dich liebenden Mutter

Lotte Häckel.

a gekennzeichnete Wortverstellung: länger bleiben; b gestr.: Wenn

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-07-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36733
ID
36733