Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. Oktober, [ohne Jahr]

Potsdam 28/10

Mein lieber Ernst!

Zu dem heutigen Geburtstag Deiner lieben Frau will ich Dir auch noch Glück wünschen. Hoffentlich ist Agnes wieder ganz wohl, daß Ihr den Tag heiter zusammen verlebt habt. –

Zu erst, mein lieber Herzens-Ernst, danke ich Dir recht herzlich, daß Du Dein Bild an Bertha geschickt hast, das schon den Tag vorher ankam, was auch recht gut war, da es dadurch so viel Freude Bertha machte, die am Geburtstag selbst getheilter gewesen wäre, durch viele Sendungen und Besuche. || Es war mir lieb zu sehn wie innig Bertha sich über Dein Bild freute. – Ich danke Dir auch für die Hefte der Rheinfahrt; die ich mit hergenommen habe, wie auch Deine Weste, von der Du nur noch schreiben mußt was damit soll? –

Wenn Du aber auch ein Bild verschickst, so packe es anders ein, an dem für Bertha war das Glas ganz zersplittert, zum Glück war das Bild nicht verletzt, und da ein Glaser nicht zu fern wohnte, konnte es gleich gemacht werden. Bertha verbot mir es Dir zu schreiben, aber ich dachte, ich müsse es Dir doch sagen, damit || Du, wenn Du wieder eins verschicken würdest, Du dann lieber eine passende Kiste dazu machen liessest. Ich habe 8 Tage sehr befriedigt bei meiner lieben Bertha zugebracht; und auch viel Verwandte und Freunde wiedergesehn. –

Gestern Nachmittag bin ich wieder hergefahren. Von Bertha hörte ich auch manches von den auswärtigen Verwandten, so hatte sie einen langen Brief von Anna Classen geb. Bleek, die für mich auch ihre und des Mannes Photographien mitschickte. Phillip war krank gewesen, erholte sich aber wieder; sie klagt aber, daß sie auf dem Felde viel Scha-||den durch die Heuschrecken hatten. Sonst schreibt sie glücklich und zufrieden. Sonnabend Abend war ich mit Bertha bei der alten Tante Sack, die ich doch bedeutend gealtert fand. Sonntag waren wir bei Heinrich Sethe; Zum ersten mal machte ich die Reise dahin. –

Hermann Sethe aus Sorau ist mit seiner Frau in Wiesbaden, wo er eine Traubenkur brauchen soll. So giebt es überall in unserer Familie viel Schweres; unsere arme Bertha Petersen hat viel zu leiden, wie ihr Mann an Bertha || schreibt, ist sie dabei liebenswürdig und geduldig. – –

Bertha hatte auch zwei Briefe aus Wiesbaden von Frau Quinke, die schrieb, sie fände doch, daß es ihrem Manne besser würde. – –

Hier fand ich bei Karl alle wohl, als ich gestern ankam und durch meinem Mädchen die Schlüssel holen ließ, kam Anna her, und wollte ich solle bei ihnen den Thee trinken, das mußte ich abschlagen es war für mich zu viel, Karl kam denn || auch noch einen Augenblick; heute war ich zu Mittag dort, mir war es eigen, daß der Tisch so klein geworden, Heinrich ist nach Leipzig, nur 5 Kinder noch zu Hause, die zwei Töchter und die drei kleinsten Jungen. Montag war ich mit Bertha in der Stadt einige Einkäufe zu besorgen, das wurde uns durch die Pferdeeisenbahn recht erleichtert: von der Jorkstraße bis zum Döhnhofsplatz fährt man für einen Silbergroschen. Wir besahen uns auch Steins Denkmal. || Da hätte ich auch gerne Deinem Gorilla einen Besuch gemacht, aber die Kräfte wollten nicht reichen. Dienstag Vormittag waren wir auf dem Kirchhof, besuchten die Gräber unserer Lieben. –

Bertha hat mir versprochen, mich bald mal zu besuchen; doch wird es wohl nicht so schnell sein, sie hat doch in Berlin so viel Verbindungen und das ist für sie ja ganz gut; mir wäre das zu viel, um sich in solch buntes Leben von so verschiedenen Anforderungen zu finden, || darf man nicht erst Jahrelang ein zurückgezognes einfömiges Leben geführt haben, wie ich mit Häckel. Ihr seid noch jung und müßt mit den Menschen leben.

Grüße Deine liebe Frau und die Kinder herzlich von mir.

Behalte lieb

Deine

alte Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
????.10.26
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36714
ID
36714