Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst und Charlotte Haeckel, Potsdam, 31. Oktober 1874

Potsdam 31/10 74.

Liebe Kinder!

Habt herzlichen Dank für Euern heute erhaltenen Briefe, die mich durch Euere Versicherung, daß es bei Euch bessert, erfreut habe, wenn auch nicht alle Sorge genommen; ich hoffe nur, und bitte dringend darum, daß Ihr mir immer ganz wahr sagt, wie es Euch geht. Seit Ihr mir im vorigen Jahre, als Du mein lieber Ernst, krank warst, nie offen gesagt habt, wie es bei Euch war, bin ich etwas mißtrauisch geworden. Ich bitte Dich nun dringend, mein Herzens Sohn, vernachlässige Deine Gesundheit nicht, übernimm Dich nicht mit Arbeit, gönne Dir auch täglich etwas Erholung, daß Du mit Frau und Kindern auch des Lebens Dich freust. – Vor allem || bitte ich Dich dringend, denke nicht gleich wieder an eine große Arbeitt. Wenn es Dir keine Ruhe läßt, wenn Du nicht täglich einen Corecturbogen siehst, so bringe mal was leichteres aufs Pappier, erzähle etwas von Deinen Reisen, was für Dich mehr eine Spielerei sein wird; nur unternehme nichts was wieder geistig so anstrengt. etc. etc.

Mir ist auch schon eingefallen ob es nicht gut wäre, wenn Du inhalliertest, das hat doch Karl für seinen Halz sehr gut gethan. Sprich mal mit Doctor Starke darüber, den ich herzlich grüssen lasse. ||

Karl und Clara haben Mutter Minchen leidlich wohl gefunden, Bertha hatte mich bitten lassen: Montag zu ihr zu kommen, weil Minchen dann um mich zu sehn, ihre Abreise einen Tag verschieben werde. Ich habe zugesagt, und denke früh erst vom Bahnhof zu Joachim zu gehn, und vorläufig wegen Anlegen des von Leipzig zu erwarttenden Geldes mit ihm zu sprechen. Angekommen ist noch keins, wann es aber kommt, werde ich nach Deiner Anweisung verfahren. Heute ist das Reformationsfest, das Morgen kirchlich gefeiert wird, ich denke auch zur Kirche zu gehn. Wohl wird uns allen es jetzt doppelt zur Besinnung gebracht, was wir der Reformation verdanken, bei der Wirthschaft des Katolizismuß. Das reine religiöse || Gefühl für Wahrheit, Tugend, Pflichttreue und Geistesleben muß siegen über alle äussere Dinge.

Gott behüte Euch, und gebe Euch Gedeihen bei Erziehung Euerer Kinder.

Mit inniger Liebe umarmt Euch in Gedanken

Euere alte Mutter Lotte.

Den Kindern einen herzlichen Kuß.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-10-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36609
ID
36609