Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Oktober 1874

Potsdam 5/10 74.

Lieber Herzens Ernst!

Dank für Deine lieben Zeilen, die mich sehr erfreut haben nicht bloß, daß Du glücklich heimgekehrt bist, sondern auch Deine Versicherung, daß Du mit Frau und Kindern Dich wohl fühlst und die Reise Dich so erfrischt hat.

Auf Dein Kommen freue ich mich unaussprechlich, und ich bitte Dich dringend: bleibe ja so lange Du irgend kannst bei mir, Du weißt ja welche Erquickung es für mich ist, mich so mit Dir auszusprechen; und in meinem hohen Alter muß man dankbar jede gute Stunde wahr nehmen. ||

Auch mir scheint es am beßten, wenn Du zuerst nach Berlin gehst, von Euch nach Berlin gehen die Züge besser als hier hin; ich wollte Dir das schon neulich deshalb vorschlagen. – Als Bertha neulich hier war bath sie Du möchtest bei ihr wohnen, und ich sollte auch die Zeit bei ihr sein; das thue ich aber auf keinen Fall: ich fühle es zu bestimmt, daß ich bei meiner Hinfälligkeit nur ein Hemmschuh bin und jedes Unternehmen erschwere. Auch ist es nicht gut wenn ich gleich mehrere Tage weg bin, da ich ein neues Mädchen habe, mit der ich mich einleben muß. ||

Willst Du direckt an Tante Bertha schreiben, daß Du Sonnabend den 10ten zu ihr kommst? oder soll ich es ihr schreiben?

Ich weiß nicht ob Karl Dir geschrieben hat, daß sie denken Sonntag den 11ten mit allen Kindern zu Mittag bei Tante Bertha zu sein, die sie eingeladen hat zur Feier von Georgs Geburtstag, der den 9ten ist. Plan ist den Nachmittag mit den Kindern nach dem Zoologischen Gartten zu gehn. Bin ich wohl genug, so komme ich den Sonntag mit, Dich zu begrüssen und mache sonst soviel mit als die Kräfte erlauben. Jedenfalls fahre ich Sonntag Abend heim, und erwartte Dich || dann bei mir, wenn Du in Berlin Deine Geschäfte abgemacht hast.

So schmerzlich es mir auch ist, daß keines Deiner Kinder jetzt zu mir kann, so ist es mir fast lieb, daß es so durch das Scharlachfieber geboten ist, denn ich kann es nicht leugnen, es hätte mich betrübt, wenn etwa Agnes es nicht zugegeben hätte, daß eins der Kinder zu mir gekommen wäre, es ist mir so betrübt, daß ich Deine Kinder so wenig haben kann. –

Sei mit Frau und Kindern auf’s innigste gegrüßt von Deiner alten Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-10-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36606
ID
36606