Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 8. September 1874

Potsdam 8/9 74.

Lieber Herzens Ernst!

Gestern wurde ich durch Deinen lieben Brief erfreut. Ich hatt schon rechtes Verlangen von Euch zu hören; nun Gott sei Dank: Ihr seid gesund und erfreut Euch Gottes schöner Natur. Möge es ferner Euch wohl gehn. Diese Zeilen werden Dich wohl bei Deinem durch Schöpfungsgeschichte gewonnenen neuen Freund finden; sage ihm nur: das Beßte an Dir kenne er nicht, daß Du trotz aller Gelehrsamkeit mein lieber alter Junge bleibst. Ich denke diese Erholungsreise wird Dich recht erquicken nach der schweren Arbeitszeit. – ||

Ueber Gegenbauers Vaterfreuden habe ich mich recht gefreut. –

Deinen Wunsch von Deiner Alten zu hören, muß ich wohl zuerst befriedigen: so schlecht ich mich auch in der ersten Zeit fühlte, so geht es jetzt doch täglich besser; ich bin schon 3 mal spazieren gefahren, freilich wollen die Kräfte noch nicht recht wiederkommen, nun im hohen Alter geht das ja immer langsamer; Husten habe ich nur noch wenig. Jeden fals bitte ich Dich dringend, Dir meinet wegen keine Sorge zu machen; ich thue alles und meide alles wie es für meine || Gesundheit paßt.

Karl und Clara sind am 1ten September sehr befriedigt von Heringsdorf heimgekommen, und waren den folgenden Tag gleich hier und wollten ich sollte zu ihnen ziehen, sie wollten mir der Töchter Stube einräumen, wo ich ganz ungestört wäre; ich schlug es aber entschieden ab, erstens will ich nirgend die Häuslichkeit stören, und dann ist es ja gut, wenn es mir auch manchmal sauer wird, daß ich doch für mein kleines Hauswesen sorgen muß, und veranlaßt werde für etwas zu || sorgen, Arbeit ist doch immer die beßte Arzenei, Karlen ist der Auffenthalt an der See sehr gut bekommen, seine Füße sind gut, auch Clara und die Kinder sind gesund.

Tante Bertha ist Sonntag Abend nach Berlin zurück gekommen, Clara hat sie gestern besucht und wohl gefunden; sie will in den nächsten Tagen zu mir kommen.

Grüße Deine liebe Frau aufs herzlichste von mir. Gott sei ferner mit Euch, gebe Euch leidliches Wetter, und gute Nachricht von den Kindern. ||

Karl hat gestern von Herrn Joachim die Grundschuldbriefe der Vereinten Westphalia abgeholt, das ist in Ordnung.

Heinnrich, dessen Frau sich doch erholt hat, ziehen in ihr neues Haus. Auch Helehne zieht nach der Lüzowstraße.

Nochmals herzliches Lebewohl Euch beiden Lieben, seid heiter und gedenkt in Liebe

Euerer

alten Mutter

Lotte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-09-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36601
ID
36601