Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst und Agnes Haeckel, Potsdam, 27. August 1874

Potsdam 27/8 74.

Liebe Kinder!

Wenn mein Wunsch in Erfüllung geht, so treffen diese Zeilen meine lieben jenenser Kinder vereint in Salzungen, und da mein Kopf mir nicht viel schreiben erlaubt, so sage ich Euch gemeinsam meinen herzlichen Dank für Euere lieben Briefe, wodurch Ihr mich sehr erfreut habt. Vorgestern war für mich ein reicher Brieftag, der erste kam von Dir, liebe Agnes, also auch Dir zuerst Dank, wie sehr freut es mich, daß die Badekur für unseren lieben Walter den erwünschten Erfolg gehabt, daß diese große Sorge gehoben, und wie Ernst schreibt, ist ja Lisbet auch den Husten loos. Gott behüte die beiden lieben Kinder. Lisbet hat || mir gar keine Mühe, nur die größte Freude gemacht, sie war so lieb und zutraulich zu mir, daß ich das kleine liebe Ding schmerzlich vermisse. Gefreut hat es mich wie geschickt sie jede kleine Beschäftigung begriff und mit Ausdauer ausführte, es that mir nur leid, daß ich mich so wenig mit ihr beschäftigen konnte, da ich mich zu erbärmlich fühlte. Hoffentlich findet Ihr alle drei Kinder bei Euerer Heimkehr gesund wieder, die Pflege der lieben Großmutter und das Sein im Gartten wir ihnen wohl thun, wenigstens hatte die kleine Emma sich schon sehr erholt. – Den 2ten Brief, den ich erhielt war von Karl aus Heringsdorf, wo sie sich sehr wohl fühlen; mit Karls Füssen werde es täglich besser, er ist schon ohne || große Ermüdung mit Heinnrich nach dem langen Berg hin und zurück gegangen. Seeluft und Land bekäme ihnen beiden sehr gut.

Die Freude des dritten Briefes verdanke ich meinem Ernst, dessen Versicherung, daß es Lisbet gut geht, mich sehr beruhigt. a Es wurde mir recht schwer: Dich, mein lieber Ernst früher zu verlassen als Du reistest, und wenn ich noch einen anderen Reisetag gehabt, wäre alles vielleicht besser gegangen; allein ich fürchtete bei Euch orndlich krank zu werden, und Euch zur Last zu fallen. Mir ist es diesmal bei Euch sehr wohl gewesen, und ich danke Euch Beiden recht innig für alle die Liebe, die Ihr mir erwiesen. Gott erhalte Euch Euer häusliches Glück, vor allem gebe er Euch Freude an den Kindern. || Als ich nach meiner Rückkunft mich so sehr schlecht fühlte, schickte ich Freitag gleich zu Doktor Ebmeier, der auch Pulver, Emserkrähnchen, Hausarrest empfahl, letzteres giebt sich von selbst. Uebrigens mache Dir keine Sorge, mein lieber Ernst, Du so wenig wie Karl, der auch von zurückkommen schrieb, können mir helfen, es wird schon wieder werden. Das Wetter ist hier auch nicht schön, auf Anordnung des Docters wird gegen Abend immer ein kleines Holzfeuer gemacht. – Ich hoffe nur, daß Ihr gutes Wetter zur Reise bekommt, und willst Du mir nun große Liebe erzeigen, so gieb mir recht oft Nachricht von Euerem Ergehen, ich kann Dir ja die Berichte aufheben, daß Du sie als Erinnerung hast. – ||

Heute bekam ich von meiner Schwester Bertha eine Postkartte aus Cassel vom 26ten, wonach sie am 25 aus Bonn gefahren, sie wollte von Cassel nach Eisenach und vielleicht auch nach Salzungen, es würde mich sehr freuen, wenn sie noch einige vergnügte Tage mit Euch in Salzungen verlebt, grüsse sie herzlich von mir. Karls Kinder sind alle wohl, und es besucht mich täglich eins von ihnen, am fleissigsten Anna.

Fräulein Clara laß ich mich bestens empfehlen und Ihr, meine beiden lieben Kinder, seid mit Walterb aufs herzinnigste gegrüßt von

Euerer

alten Mutter Lotte. ||

Wie Herrmann mir neulich erzählte, werden hier in den königlichen Gärtten große Vorbereitungen zum Empfang der Königin von England gemacht. –

Für Agnes noch zur Nachricht; daß bewußte Mädchen ist für mich gemiethet, wie es ausfällt ist zu wartten. Einen langen Nachtrock habe ich für Lisbeth in Arbeit, soll ich ihr gleich an Mutter Huschke schicken, oder warten bis zu Euerer Zurückkunft.

a gestr.: Oft; b eingef.: mit Walter

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-08-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36599
ID
36599