Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 9. Juli 1874

Potsdam 9/7 74.

Lieber Ernst!

Eben erhalte ich erst Deinen Brief von vorgestern, und ich begreiffe in welcher Aufregung Du bist, und wenn ich auch kein Gewicht auf meine Ansichten lege, so drängt es mich doch Dir gleich auszusprechen, was ich dabei denke:

1) müssen wir nicht vergessen, daß Du schon seit lange, der Ansicht bist, daß eine Trennung von Jena nothwendig eintretten mußa; und 2tens daß so wenige Orte sind, wohin Du gehn möchtest, || zu diesen wenigen zählt Bonn. – Ich fürchte, schlägst Du auch dies wieder aus, so bekommst Du nicht leicht wieder eine Anfrage. Für Deine ganze Entwickelung, für Deinen Verkehr mit Gelehrten, für Dich und Agnes der Umgang mit Menschen, was vor Einseitigkeit schützt, ist es gewiß gut nicht ganz in Jena zu bleiben, und hauptsächlich bist Du es Deinen Kindern schuldig, daß sie auf || andern Boden aufwachsen. Willst Du Dich durchaus nicht von Jena trennen, so wird über kurz oder lang die Nothwendigkeit an Dich herantretten, die Kinder zeitig aus dem Hause zu geben, und das älteren Haus kann ihnen nicht ersetzt werden. – Ob die Stelle für Dich paßt darüber habe ich natürlich kein Urtheil, doch darin wirst Du Dich ja selbst am beßten prüffen. –

Bonn hat durch Lage und Klima, so viel Vorzüge, daß ich mich || nur freuen würde, Euch dort zu wissen, zumal ich oft Bedenken habe, daß Jena rauh und kalt ist. – 2) Dein Bedenken wegen des katolischen Wesens, kann ich mir erklären, aber das darf nicht in die Wagschale fallen, die Ortodoxen dieser Kirche feinden auch die Naturwissenschaft an, und daran sind die Naturforscher selbst schuld; wenn sie den richtigen Standpunkt inne halten, so streitet ihr Forscher nie gegen || Gottes Weltordnung; das Leben unter Katoliken wird bei Dir wie bei Deiner Frau das Gefühl zum klaren Bewußtsein bringen, was Ihr in der evangelischen Kirche habt, und wie überhaupt für uns alle hier im irdischen Leben es nothwendig ist, daß unser Inneres Leben immer nach Oben gerichtet ist, daß unser Erdenleben nur eine Vorbereitungsschule ist; also nicht irdischer Vortheil allein uns leiten darf. ||

3) Du sagst, Du wüßtest noch nicht, was man in Weimar thun würde. Darnach finde ich darfst Du gar nicht fragen; mir ist es äusserst zu wieder: wenn jede Berufung, die Du erhälst, nur eine Zwickmühle sein soll. Daß die Trennung von Jena, Dir schwer wird finde ich natürlich, Du verläßt ein bekanntes Feld und sollst nie neue pflügen? aber auch das ist Dir vielleicht sehr gut. – Vor allem bedenke die Erziehung der Kinder. ||

b Gestern ist in meiner Stube der Ofen gesetzt, und ich kann zu Euch kommen, sobald Du es wünscht; wenn ich ja auch nichts für Karl thun darf, so möchte ich doch erst beruhigt sein wie es mit seinen Füßen wird. Gestern traf ichc den Doctor dort, der versichert sehr zufrieden zu sein, und meint Sonnabend würde er wohl versuchen aufzutreten. Es sind beide Füße verstaucht; sehr gut ist jetzt die Wohnung für sie: Karl ist den ganzen Tag im Gartten, auf || dem Sommerhause, wo er arbeitet, ißt etc. – Da Herr von Schenk verreist ist, hat er sich dessen Rollstuhl holen lassen, und läßt sich darin im Garten herum fahren. Abends und Morgens tragen ihn 2 Soldaten heraus und herein. –

Hoffentlich wird es bald gut, natürlich ist an eine Fußreise gar nicht zu denken; ob er seine Ferien zu einer Erholung wird benutzen können, ist natürlich noch unentschieden. Er hat sehr viel zu thun, und arbeitet stramm. Seid alle herzlichst gegrüßt von Euerer alten Mutter Lotte.

a korr. aus: mußt; b gestr.: Mit wem; c gestr.: war; eingef.: traf ich

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-07-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36595
ID
36595