Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 27./28. April 1874

Potsdam 27/4 74.

Lieber Ernst!

Den wichtigen Empfang Deines Briefes etc. habe ich Dir freilich schon durch Postkartte heute früh angezeicht; nun will ich Dir nur noch näher berichten; damit unsere Berechnung stimmt: die heute früh erhaltenen Kassenscheine habe ich mit 260 Thalern als baar in Einnahme gestellt, und die einzunehmende Coupons mit 41 Thalern 7½ Silbergroschen unter Einnahme von Coupons. – Dem Talon zu neuen Coupons werde ich Herrn Joachim übergeben. Ich denke nicht morgen sondern erst Donnerstag nach Berlin zu fahren. || Ich habe die Fahrt nach Berlin verschoben, weil ich gerne Mittwoch zum Abendmahl gehn will und morgen Vorbereitung sein wird. – –

Deine Versicherung, daß Du mit Deinen Lieben gesund bist, freut mich sehr; aber, daß Du so überladen mit Arbeit bist, thut mir leid; weil ich dann fürchte, daß Du Dir nicht genug Bewegung im Freien machst, das ist Dir nicht gesund. So sehr ich auch für jeden Menschen wünsche, || daß er arbeitsam zu sein sich bemüht, so finde ich es doch unrecht, wenn man es übertreibt. Jeder muß auch haushalten mit den ihm verliehenen Kräften. –

Vorgestern gegen Abend überraschte mich Tante Bertha, wir waren dann Beide gestern Mittag bei Karl, es wurde früh gegessen und dann fuhren wir mit allen Kindern auf der Eisenbahn nach Werder; und hatten einen köstlichen Nachmittag: eine Blüthenpracht, wie ich es noch nie gesehn, || dabei war die Luft schön und warm geworden (Vormittag war trübe). So weit man sehn konnte die herrlichste Kirschblüthe, und dazwischen hin und wieder rothe Pfirsigblüthe. Es war so schön, die Luft so rein, daß ich Dich recht zu uns wünschte. –

Heute war es wieder kalt. Bertha fuhr gestern Abend wieder nach Berlin und ich wünsche für heute Dir und Deinen Lieben eine gute Nacht. – Wie immer

Deine alte Mutter

Lotte. ||

28/4

Gestern Abend wurde es zu spät, da konnte ich diese Zeilen nicht mehr abschicken, so füge ich noch einen herzlichen Morgengruß an Dich, Deine liebe Frau und die Kinder bei. Möge es Euch wohl gehen und Ihr alle Euch Gottes schöne Frühlingswonne geniessen. –

Agnes bitte ich mir zu sagen: ob sie noch solche kleine Latzchen, wie ich eins für Emma geschickt habe, brauchen kann? ich habe noch 3 fertig; und schicke sie ihr dann lieber bald, weil klein Emma sie jetzt am beßten braucht. || Also übermorgen denke ich nach Berlin zu reisen, sollte [!] Du da noch Wünsche zu besorgen haben, so schreibe gleich, ich bekomme ja denn morgen noch Antwort.

Behalte lieb Deine

alte Mutter

Lotte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-04-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36584
ID
36584