Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 18. Mai 1873

Potsdam 18/5 73.

Mein lieber Herzens Ernst!

Hab Dank für Deinen gestern erhaltenen und so sehnlich erwartteten Brief. Das soll kein Vorwurf sein, ich konnte mir ja nur zu gut berechnen, wie viel Du zu thun haben würdest; aber um so mehr Sorge hatte ich um Dich, daß Du Dich gleich wieder übernehmen würdest mit Arbeiten, und dann war ich auch bekümmert, ob Dir das so kalte Wetter, was wir jetzt haben, schaden könnte, da Du aus dem wärmeren Klima kommst. Nun, Gott sei Dank, Du schreibst ja, daß Du || mit Frau und Kinder gesund seist, was mich ebenso erfreut als die Aussicht, Dich nun bald hier zu haben. Wie gerne ich Dich mit Frau und Kinder hier hätte, brauche ich Dir nicht erst zu sagen; nun freilich wenn Agnes nicht will oder glaubt es könne ihr oder dem Kindchen schaden, dann muß ich mich damit trösten, daß sie vielleicht später im Sommer mal mit den Kindern herkommt; jetzt würde es freilich auch kaum der Mühe lohnen, wenn Du nur wenig Tage hier bleiben kannst, wie || Du schreibst; hoffentlich bringst Du aber doch meinen lieben Walter mit. Karl und Clara grüssen schön, und bitten Dich sehr, ja so zeitig zu kommen, als Du kannst. Karls Urlaub fängt am 1sten Juni an und sie werden gleich nach Pfingsten nach Schlesien reisen, wo sie Adolf Schubert besuchen wollen etc etc.

Nach Empfang Deines Briefes gestern habe ich gleich an Herrn Kaufmann geschrieben und ihn gebeten, mich zu benachrichtigen wie viel ich in preussischem Gelde mit den Unkosten zu zahlen habe; sobald || ich Antwort habe, werde ich das Geld hinschicken; ich dachte erst Karl würde es besorgen können, der hat aber grade jetzt soviel zu thun, daß er nicht nach Berlin fahren kann. – Sonst sind auch Deine Geldangelegenheiten hier alle besorgt; willst Du aber nicht das Verzeichniß Deiner Pappiere mit herbringen, wenn Du mit Herrn Joachim sprechen willst, wegen dem Nachsehn; auch hattest Du ein Pappier, worüber Du mit Herrn Joachim sprechen wolltest, was damit || zu machen sei, es sah so bunt aus, wir werden nicht recht draus klug, die beierische Anleihe über 300 Gulden ist verkauft, in Berlin hatte sie keinen Kurs, Herr Joachim hat sie hingeschickt. –

Auch für den übersandten Reisebericht habe schönen Dank, ich werde sie Dir hier alle übergeben; bringe doch den über Athen, den ich an Agnes geschickt habe, mit her, Tante Bertha wird in gerne lesen; a dann sind sie vollständig zusammen. − ||

Heute habe ich recht an Dich gedacht beim Lesen der Zeitung, darin steht ein Artikel von Petermann, eine Eloge auf Muchlichow, von demselben einen Auszug aus einem Brief, den Petermann von ihm erhalten; ich werde die Zeitung für Dich aufheben. Daß Du bei Deinen Vorlesungen so viel Zuhörer hast, freut mich sehr, wie auch daß die gesammelten Schätze glücklich angekommen sind. Am dankbarsten bin ich aber, daß mein lie-||ber Herzens Sohn glücklich und wohlbehalten heim gekehrt ist. Gott behüte Dich ferner mit Deinem ganzen Haus. –

Grüsse Agnes und Deine Kinder herzlich, und sage Walterchen und Lisbeth ich hoffte sehr, daß sie jetzt recht folgsam wären, und sich nicht mehr so verbost auf die Erde schmeissen; auch sehne ich mich recht nach den Kindern. Nun, gute Nacht, mein lieber Ernst; auf frohes Wiedersehn hofft

Deine

alte Mutter.

Agnes soll sich nur recht tapfer halten!!

a gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-05-1873
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36527
ID
36527