Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 22. November 1872

Potsdam 22/11 72.

Mein lieber Herzens Ernst!

Der heutige Tag war für unser Haus immer der größte Festtag, und jetzt verlebte ich ihn schon zum zweiten mal ohne den Geliebten; so war er mir auch heute ein wehmüthiger Tag in Erinnerung der Vergangenheit; aber doch voll Dank für das viele Gute, was mir im Leben geworden; und darunter stand für Häckel und mich immer in erster Rheihe, daß wir uns freuten: zwei brave Söhne zu haben, die sich bemühen, das Leben pflichttreu zu führen, und deren Liebe auch jetzt für mich die Erquickung auf der Lebensbahn ist. ||

Du hast mir heute durch Deine gemüthliche Worte große Freude gemacht, hatte ich doch rechte Sehnsucht nach Dir, und daher danke ich Dir herzlich für Deinen lieben Brief.

Und welche Freude macht es mir, daß nun glücklich die große Arbeit vollendet ist, von Herzen wünsche ich dir Glück dazu, Arbeit und Plage hast Du genug darum gehabt. Aber nun bitte ich Dich, erhole und erfrische Dich nun auch recht gründlich, und nimm ja nicht gleich wieder solche große Arbeit vor. Mir ist auch ein Stein vom Herzen, daß Du wieder frei aufahtmen kannst. – ||

Du schreibst so lieb, daß ich noch jetzt zu Euch kommen möchte, und ach wie gerne lebte ich einige Tage mit Dir, Agnes und den Kindern; denke ich doch immer noch mit Freuden an Dich [sic!] Wochen, die ich im Sommer bei Euch verlebt; aber es geht jetzt wirklich nicht, ich bin zu kraftloos. Wenn es irgend mal geht, so überrasche ich Euch mal und vielleicht noch im Laufe des Winters. –

Gestern hatten Karl und Clara bei sich Gesellschaft und liessen nicht nach; ich müsse auch kommen; sie hatten auch Tante Bertha dazu gebeten, die ich Abends dort traf, und diea mit zu mir ging, hier übernachtete, sie hatte auch den heutigen Tag bei mir sein wollen; || ich bat nun Karl und Clara auch zu heute Mittag, so waren wir 4 traulich zu sammen, und gedachten natürlich recht Euerer. Nachmittag nach der Schule kamen noch alle Kinder her. Karl war schon bald nach Tische weg gegangen, weil er Termin hatte, und Clara ging mit den Kindern auch nach dem Kaffee, weil die Kinder zu arbeiten hatten.

Tante Bertha fuhr auch um 6 Uhr wieder nach Berlin. – Schreib mir doch, lieber Ernst, wenn der Wein abgezogen ist, und ob Ihr das Faß zurück geschickt oder behaltenb habt; ich will dann gerne das Geld abschicken. Dir, Agnes und den lieben Kindern den herz innigsten Gruß, behaltet mich lieb.

Euere alte Mutter

Lotte.

a eingef.: die; b eingef.: oder behalten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-11-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36495
ID
36495