Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 10. September 1872

Potsdam 10/9 72

Mein lieber Herzens Ernst!

Dein Brief hat mich sehr erfreut; daß Ihr solche schöne Reise gemacht habt und bei der Heimkehr die beiden Lieblinge gesund gefunden habt. Hoffentlich hat Dir die Ausspannung gut gethan, und Du hast Dich erholt von der übermässigen Anstrengung, nun bitte ich Dich aber auch, mein lieber, alter Junge, nun sei auch vernünftig, und halte Maaß in der Arbeit, bei dem Uebertreiben kommt nichts heraus, dann ist später die Erschlaffung zu groß, und Du kannst dann weniger leisten als, wenn Du Dir gleich || eine vernünftige Eintheilung machst.

Auch freut es mich, daß Du, meine liebe Agnes, solch hohen Naturgenuß gehabt hast, und Dein Heimathland hast kennen lernen; nebenbei wird es Dir auch Freude gemacht haben, Deinen Mann mal ohne Correkturbogen zu geniessen. Die Tage in der Mühle scheinen mir ganz idillisch; nur fehlte dabei das kleine Paar. Sorge nur, liebe Agnes, daß Ernst sich nicht wieder so unnöthig abarbeitet, er soll hübsch täglich || mit seiner lieben Frau spazieren gehn, das ist für Euch beide heilsam. Nun wirst Du, liebe Agnes, auch wohl nach und nach im Hause Vorbereitungen zum Umzug machen. Wie gerne würde ich Dir helfen; aber ich kann ja nichts mehr leisten; man muß sich darin fügen, auch die Tage mit Geduld zu ertragen, von denen man gerne sagt: sie gefallen mir nicht. –

Heute ist mir eingefallen: Euch den Vorschlag zu machen mir die beiden Kinder mit Minna einige Wochen herzugeben, daß sie beim Räumen und ordnen in der alten Wohnung, und beim Einrichten der neuen lieber ruhig || hier bei mir sind; ich würde große Freude darüber haben, und mit möglichster Sorgfalt für sie sorgen; natürlich würde ich aber bitten mir Minna mit den Kindern hier zu lassen. Du, lieber Ernst, brächtest mir Minna mit den Kindern her; und wenn Ihr die neue Wohnung eingerichtet habt, kommt Ihr beide zusammen her, und bleibt mit den Kindern so lange ihr könnt. Ach es wäre gar schön; für Lischen kann ich 3 mal täglich frische Milch haben. – und Walterchen wird sich freuen alle Kinder bei Onkel Karl zu sehn. ||

Vorgestern hatte Karl eine Gesellschaft von 14 Personen bei sich zum Gabelfrühstück, nämlich die Herren, die ihm beim Kauf und bei der Einrichtung des Hauses behülflich gewesen sind. Da hatte ich die Kinder hier bei mir zu Mittag, was mir viel Spaß machte. Ich wünschte mir, als die 7 Trabanten um den Tisch saßen auch mein Walterchen und Lisel her. Nun hoffentlich wird mir bald die Freude: meine Enkel alle vereinigt zu sehn: Karl kommt ja auch wohl im October her. – ||

Daß Max Sack am 26ten August in Illenau am Schlagfluß gestorben ist, habe ich Dir wohl schon geschrieben; für die alte, arme Tante ein hartter Schlag; wie mir Bertha schreibt, soll Tante wohl sein; sie will aber noch niemand sehn. –

Bertha war am 2ten September hier, wo sie mit Karl, Claraa und den Kindern das Schulfest zur Sedanfeier mitmachte; das soll ganz nett gewesen sein. Ich werde Bertha wohl fürs erste nicht sehn, denn sie hat jetzt Besuch von Frau Pastorin Schubring || geborene Düsterweg aus Bonn mit ihren Kindern, die sie gestern erwarttete, es sind Bekannte von Bleeks; ich glaube Bertha hat sie auch in Bonn kennen gelernt. Agnes bitte ich die Gardinen zu kaufen und mir zu schreiben was sie kosten. Den Moselwein werde ich Dir seiner Zeit bestellen, aber so, daß er erst im October nach Jena kommt; Du mußt nur beim Einziehen und Ordnen im Keller darauf Rücksicht nehmen, daß ein passender Platz ist, wo das Faß hin gelegt wird, wenn es ankommt, es muß dann einige Zeit liegen bis es abgezogen wird. ||

In Gedanken bin ich immer bei Euch, und wünsche immer zu wissen, was Ihr treibt, und bitte mir fleissig zu schreiben. Für heute wünsche ich euch Lebewohl. Mutter Huschke vermißt wohl recht ihre berliner Tochter und Enkel; es wird ihr doch sehr lieb sein, daß sich die Kinder in Jena so erholt haben.

Grüsse die liebe Mutter und Clara herzlich.

Den beiden lieben Kindern einen Herzenskuß von Ihrer alten Großmutter. Ernst und Agnes noch einen besonderen Gruß.

Wie immer

Euere

alte Mutter Lotte

a eingef.: Clara

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-09-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36485
ID
36485