Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 11. August 1872

Potsdam 11/8 72.

Lieber Ernst!

Recht überraschte mich heute früh Dein lieber Brief; und diese Zeilen sollen Dich gleich in Deinem Hause begrüssen. –

Gestern erhielt ich durch Agnes Deinen Reisebericht, der mich sehr interessiert; aber wie viel Fragen drängten sich mir dabei auf; Du hast eine schöne, reiche Zeit mit verlebt, und viel bedeutende Männer gesehn; besonders mögte ich Dich ausfragen über Döllinger; für den interessiere ich mich besonders. Für die jetzige Zeit hat der doch einen wichtigen Beruf. Ich habe mit vie-||ler Theilnahme seine Reden in der Zeitung verfolgt, die er beim Universitätsfest gehalten. Daß Du nichts vom Enkel Karl gehört und gesehn hast beunruhigt mich sehr, seine Eltern haben auch noch gar keine Nachricht von ihm, ungeachtet sie ihm gesagt haben: er solle alle 8 Tage Nachricht geben, wenn auch nur mit ein paar Wortten auf einer Postkartte. Wenn dem Jungen nur nichts passirt ist. – –

Schone nur Deinen Fuß recht, daß er bald gut wird; auf der ausgeriebenen Stelle lege doch ein feines Häutchen aus dem Ei. – ||

Arbeit nicht zu viel, und komme lieber in den Ferien mit Frau und Kinder einige Wochen her; hier kannst Du auch ganz ungestört arbeiten, und vielleicht noch ungestörter als in Jena, wo doch immer viel Fremde kommen. – –

Karl ist in diesen Tagen viel in Berlin, wo er die Festlichkeiten mitmacht bei der a Enthüllung von Jahns Denkmahl. –

Wir sind hier alle wohl, und Deine einsame Mutter durchlebt in Gedanken noch die schöne Zeit, wo sie mit Euch war; oft ist es mir, als müßten die Kinder kommen. ||

Nun, leb wohl, mein lieber Herzens Junge. Gott behüte Dich und Dein Haus. Behalte lieb

Deine

alte Mutter

Lotte

a gestr.: Grem

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-08-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36480
ID
36480