Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 23. Juni 1872

Potsdam 23/6 72.

Mein lieber Herzens Ernst!

Durch Deinen gestern erhaltenen Brief hast Du mir eine große Freude gemacht, da ich sehe, daß es Euch, meinen lieben Jenensern gut geht. Haltet Euch nur ferner so. Wie ich mich ja immer über alles freue, was eine Anerkennung für Dich ist, so macht es mir auch Spaß die Ernennung der wiener Academie; − und ich wünsche Dir Glück dazu, aber die Oesterreicher sollen nicht denken, daß sie Dich dadurch herüber ziehen. –

Auch daß Du von unserer Weiß das schöne Bild von Neapel erhälst, freut mich; sie hatte Dich || ja immer so lieb; und ich war dabei, wie sie Dir mal sagte, daß Du das Bild haben solltest, dachte aber nicht, daß sie es wirklich bestimmen würde. – –

Du hast wohl recht, mein lieber Ernst, daß ich bange sorgenvolle Tage durchlebe; nun wir wollen dankbar sein, wenn nur jetzt noch alles glücklich abläuft; für Clara thut es mir leid, daß die Hoffnung nicht erfüllt ist; aber wir müssen uns doch sagen daß es besser ist das || Kind ist gestorben, als wenn es ein schwächliches, elendes Leben geführt hätte. –

Die Kinder hier waren alle sehr betrübt, daß das Brüderchen gestorben sei, der kleine Julius wollte es nicht glauben, und meinte wozu es denn geboren sei, wenn es gleich wieder sterben solle. –

Nun, seit gestern habe ich wieder bessern Muth, die Kartte von Karl vorgestern datiert lautet doch so, daß man es unter den obwaltenden Umständen nicht anders erwartten kann; Gott helfe nun weiter. –

Wie nun alles sich gestalten wird, wer zu Clara geht, wenn Karl || zurück muß, und wie es hier mit den Kindern wird? das liegt alles natürlich noch in Dunkel, und wie es nun auch mit meinen Reisen werden soll ist noch nicht abzusehn; jetzt ist unser Sorge auf Clara gerichtet, und wo ich mit meinen schwachen Kräften helfen kann, thue ich es gerne; ich bin aber nicht viel mehr nütze, und das wird mir recht schwer: stille zu halten darin, daß ich nicht mehr leisten kann, was ich so gerne möchte. Dabei habe ich mich so gefreut, zu Euch zu kommen, || und meine Sehnsucht mit Deiner Frau und den Kindern zu leben ist so groß; daß ich in diesen Tagen schon daran gedacht habe; wenn ich nicht zu Euch kann, so kommst Du mit Agnes und den Kindern zu mir; Du bleibst dann so lange Du willst, und wenn Du weiter reisen willst, läßt Du mir Frau und Kinder hier. Nun das sind ja alles Gedanken; einen Entschluß läßt sich nicht fassen. – Gott helfe uns nur durch jetzt, daß alles mit || Karl und Clara gut geht. Die Kinder hier sind gesund. – Gott gebe nur, daß Karls Gesundheit nicht wieder leidet durch die viele Sorge, Angst und Aufregung. – Karl war ja sonst mit der Wirkung von Ems zufrieden. Nun das Leben hier ist ja einmal ein ewiger Kampf, mögen wir nur alle einen guten kämpfen. –

Grüsse Agnes, die Kinder und Karlchen; und sei aufs innigste umarmt von

Deiner

alten Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-06-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36475
ID
36475